realme GT Gaming-Smartphone im Test: Snapdragon 888 und 120Hz AMOLED für kleines Geld

Flaggschiffe noch nicht versenkt, aber angeschlagen.

Ich hatte jetzt ein paar Telefone des relativ jungen Herstellers realme - natürlich aus China - und sie waren alle gut. Das eine konnte 5G, das andere hatte den schönen Screen, das wieder andere den mit der hohen Hz-Zahl und mein Liebling kostete nur 170 Euro. Sicher nicht das beste Handy, das ich je in der Hand hatte, aber für unter 200 Euro ein wirklich komplettes und leistungsfähiges Smartphone, das war vor gar nicht so langer Zeit praktisch undenkbar. Aber es war schon so, dass man sich bei realme entscheiden musste, was man haben wollte. War mir der gute Prozessor oder der bessere Screen wichtig? 5G oder nicht? Alle Geräte hatten ihr für und wider. Bei Preisen von 250 Euro abwärts nicht weiter verwerflich, aber eigentlich will ich ja schon das Flaggschiff-Feeling, wo alles mit an Bord ist.

Das dachte man sich bei realme auch und so gibt es jetzt das realme GT, das sich auch im Marketing ganz selbstbewusst als der "Flagship-Killer" anbiedert. Bedenkt man, dass diese Flaggschiffe von Samsung, Apple oder OnePlus gern den vierstelligen Bereich ankratzen oder locker erreichen, scheint das für ein Handy, das gerade mal um die 430 Euro kostet, sehr ambitioniert. Aber, so viel sei vorweggenommen, ganz gelogen ist das nicht. Das realme GT kann richtig was.

realme GT: Haptik und Features

Wenn mir allerdings jemand das realme GT mit seinen knapp über 180 Gramm in die Hand drückt und sagt, das würde 1000 Euro kosten, dann würden doch Zweifel aufkommen. Nicht mal wegen der lustig senfgelben Rückseite, die wohl an irgendwelche 70er Rennautos erinnern soll. Vielleicht. Wäre bei dem Namen jedenfalls meine Theorie. Nein, es wäre die silberne Plastikumrandung, die dann doch etwas weniger schick daherkommt. Aber das sind vergleichsweise irrelevante Details, die oft genug eh unter Bumpern - zum Beispiel dem mitgelieferten - verschwinden. Viel wichtiger ist, dass, wenn man das realme GT ohne Hülle und zum Beispiel nur mit der vom Start weg aufgebrachten Schutzfolie nutzt, die gelbe Rückseite relativ rau und rutschfest daherkommt. Das ist weit praktischer als all die nur beim Auspacken schicken Glasoberflächen, die Fingerabdrücke ansaugen und sonst gern aus der Hand wegrutschen.

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Farbenfroh: Es gibt auch die üblichen bläulich und silber schimmernden Varianten, aber Racing-Yellow ist die eigentliche Farbe des GT.

Haptisch ist das GT damit kein Quantensprung zu anderen realmes, aber eben doch ein wenig netter. Bei den Tasten bleib man bei der bewährten Anordnung: Links gibt die beiden Lautstärketasten, rechts den Power-Knopf. Der Fingerabdrucksensor liegt leider auf der Vorderseite auf dem Glas, wie es zum Beispiel bei OnePlus häufig der Fall ist und leider nicht auf der Rückseite. Funktionieren tut er tadellos, wenn auch bei der Fingerplatzierung nicht ganz so großzügig wie besagter Konkurrent. Ihr müsst das GT schon richtig herum halten und den Punkt zumindest vage erwischen. Generell bevorzuge ich aber mittlerweile den Sensor hinten oder an der Seite, weil es der natürlichen Haltung entspricht, wenn man das Gerät in die Hand nimmt. Aber das ist eine Geschmacksfrage.

Wie andere realmes auch hat das GT noch einen Klinken-Eingang für Headsets und Kopfhörer und es ist Stereo-Betrieb mit den internen Lautsprechern oben und unten möglich. Das sogar relativ laut, aber wie bei jedem anderen Handy auch ist das mehr für Podcast in der Küche als für echten Musikgenuss geeignet. Dafür dann aber gut. Und technisch gesehen auch in Dolby Atmos. Whatever.

realme GT: Akku-Leistung und Screen

Die etwas kleinere Größe im Vergleich zu einigen der Top-Geräte macht das GT noch mit einer Hand benutzbar, wenn diese Hand etwas größer ist: Der 6,5 Zoll AMOLED-Screen kommt von Samsung und bietet das aktuell übliche 20:9. Die Auflösung ist 2400 x 1080, was jetzt nicht ungewöhnlich ist. Für das Ungewöhnliche sind die Hz-Zahlen zuständig, denn das HDR10+ Display läuft mit 120Hz bei allem, was das unterstützt und sonst mit 60Hz. Für ein AMOLED im preiswerteren Bereich ist das alles andere als alltäglich und sorgt zusammen mit der 360Hz Touch-Abtastrate für eine wirklich ausgezeichnete, flüssige Haptik, sei es Spielen oder nur Scrollen. Ihr habt zusätzlich noch die Möglichkeit einen SDR-zu-HDR-Enhancer oder eine Art Bild-Schärfung zu aktivieren. Beides gleichzeitig geht nicht, aber da ich bei keinem von beiden mit bloßem Auge einen Effekt feststellen konnte, nehme ich das mal so hin. Der Screen ist vielleicht nicht ganz da, wo Samsung und andere im oberen Bereich angekommen sind, aber in der Haptik auch nicht so weit weg davon, dass es stören würde.

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Dicker Prozessor: Aktuell ist der Snapdragon 888 einer der schnellsten am Markt.

Erst in der Helligkeit muss sich der Flaggschiff-Killer geschlagen geben. Landen die besten Geräte hier bei mittlerweile über 800 und bald bei 900 cd/m2, kommt das realme GT "nur" auf etwa 650 in der Spitze. Das heißt aber auch, dass ihr jenseits von kompletter direkter Sonneneinstrahlung mehr als genug Helligkeit habt und die Farbechtheit ist auf der natürlichen Einstellung fast perfekt. Erneut, ein ausgezeichnetes Display, das den besten in keinem entscheidenden Punkt ernsthaft nachsteht.

Der Akku wird über USB-C geladen und mit dem dazu passenden und mitgelieferten 65W SuperDart Ladegerät dauert es nur etwas unter einer Dreiviertelstunde, um den 4500er Akku von null auf komplett geladen zu bringen. Mit einem 45W Gerät dauerte es dann etwas über eine Stunde, was aber immer noch ziemlich fix für diese Akku-Größe ist. Kein Bestwert, manche Geräte sind noch schneller, aber nicht viel. Die theoretische Laufzeit liegt bei 100 Stunden im Endurance-Modus oder 24 Stunden 3G-Telefonie, im realen Leben bei etwa 10-12 Stunden bei intensiver Nutzung mit Video, Gaming, YouTube, Facebook und was es sonst noch gibt. Das genügt also vollkommen, um gut durch einen langen Tag zu kommen und ist auf einer Höhe mit den meisten Konkurrenten.

realme GT: Speicher, Prozessor und Benchmarks

Es gibt eine GT Version mit 256 GB Speicher und 12 GB Ram, diese kostet aber dann auch um die 550 Euro. Die kleinere Version hat 8 GB und 128 GB, ist aber sonst identisch, sieht man einmal davon ab, dass es nur die kleinere Variante auch noch in anderen Farben gibt. Dank der Möglichkeit eine Micro-SD einzusetzen, sollte es aber so oder so keine Speicherprobleme geben. WiFi 6, alle gängigen 5G und sonstige Funk-Standards haben beide Versionen. Was etwas Besonderes ist, ist der mit acht Kernen ausgestattete Snapdragon 880. Ein Kryo 680 Prime 2,85 GHz, drei 2,43 GHz Kryo 680 Gold und vier 1,8 GHZ Silver ergeben eine Menge Leistung, verbunden mit 12 GB RAM und 258 GB Speicher. Das realme GT ist nicht das einzige Phone, das den 880 nutzt, zum Beispiel steckt der auch in OnePlus 9er Reihe oder im Xiaomi M11. Wie bei diesen auch sind die Benchmarks ausgesprochen beeindruckend: GeekBench 5? 3600 Multicore, 1150 Single. GfX Manhattan ES 3.1 Offscreen? 109. 3DMark Wildlife? 5900. Wildlife Extreme? 1580 sind immer noch durchaus beeindruckend.

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Wildlife läuft beeindruckend flüssig.

Das sind beeindruckende Werte, aber es gibt zwei Nachteile: Der erste ist, dass das realme GT wie jedes andere realme kein HRR-Gaming, das heißt, dass bei 60 Hz Schluss ist, egal was der Screen hergeben kann. Das ist jetzt im echten Leben für 90+ Prozent der Nutzer nicht das Problem, die sind mit stabilen 60 Frames in PUBG völlig zufrieden, aber ZTE, Poco oder OnePlus haben diese Beschränkungen nicht und treiben die Bildraten in Benchmarks und Spielen nach oben. Sollte also E-Sport auf einem Handy euer Ding sein, dann braucht ihr wohl ein anderes Gerät als ein realme. Wobei natürlich die Hoffnung da ist, dass realme das mit einem Update behebt.

Dann ist da die Frage des Dauerlaufs: Das realme GT ist das 888-Phone, das von sich sagt, dass es nicht heiß wird. Das stimmt auch. Fast egal, was ihr ihm an Anwendungen antut, das GT wird warm, aber nie heiß. Das schafft es aber nur, indem es seine beeindruckende Leistung irgendwann drosselt. Der 3D Mark Wildlife Extreme Stresstest zeigte nach den 20 Minuten eine Stabilität von knapp über 55 Prozent. Der erste Durchgang war noch bei den 1500+, dann waren es 1300 und schließlich pendelten sich die nächsten 17 Durchgänge bei knapp 900 ein, was bedeutet, dass die Hitze zwar in Schach gehalten wird, aber eben auch die Leistung.

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Spielt das im richtigen Leben eine Rolle? Nein, nicht wirklich. Egal ob Asphalt, PUBG oder CoD, es waren nie großartige Performance-Einbrüche zu sehen und hohe Details sind vorhanden. Das GT wird warm nach einer halben Stunde, aber es kocht euch nicht die Hand weg und dank der Leistung des 888 bleibt selbst gedrosselt genug Leistung übrig, um praktisch jedes Spiel exzellent, flüssig und detailreich laufen zu lassen. Das realme GT ist vor allem in seiner Preisklasse eines der leistungsfähigsten Gaming-Geräte.

realme GT: UI, Kamera und Konkurrenz

Als Betriebssystem läuft Android 11 mit der realme UI 2.0 Oberfläche. Diese gibt sich wie bisher auch weitestgehend aufgeräumt und frei von Bloatware. Natürlich gibt es ein Gamecenter, um Benachrichtigungen während des Spiels zu verwalten, ihr habt eine kleine Smart-Sidebar für ein paar Schnellzugriffe und jede Menge Themes, sonst ist alles erfreulich aufgeräumt.

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Die 64MP Kamera liefert detailreiche und ziemlich bunte Bilder - selbst an einem grauen Tag.

Bleibt noch die Kamera und das ist der Teil, wo es mit dem Flaggschiff-Killer-Dasein ein wenig endet. Die gute Nachricht zuerst: Das realme GT hat eine wirklich gute 64MP Hauptkamera, dies es mit den meisten im oberen Preisbereich aufnehmen kann. Die Farben bei Tageslicht sind etwas zu satt und bunt, aber da das viele mögen, könnte es auch einfach ein Feature sein und man kann in den Optionen nachregeln. Detailreich sind sie allemal, die Bildstabilisierung funktioniert gut, die Dynamik ist da, mit dieser Kamera kann man tagsüber ausgezeichnet arbeiten. Auch nachts schlägt sie sich nicht so schlecht. Im Nachtmodus hält sich das Rauschen in Grenzen und Details sind noch okay, aber Fotopreise gewinnt ihr mit den Nachtaufnahmen nicht. Trotzdem, insgesamt ist das eine sehr solide bis je nach Lichtverhältnissen ausgezeichnete Kamera. Das gilt auch für Filmaufnahmen, die mit bis zu 4K60 möglich sind und das sogar mit solider Stabilisierung.

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Der Weitwinkel ist okay, um bei Schnappschüssen etwas mehr einzufangen, aber nicht die Stärke des GT.

Wo ist also das Problem? Nun, die meisten der besseren Handys vernachlässigen die Weitwinkel- und Makrolinse nicht ganz so sehr. Der Ultraweitwinkel ist eine 8MP-Linse mit zwar wieder satten Farben, aber wenigen Details - was jetzt nicht überrascht. Warum hier außerdem wieder die 2MP Makro-Linse verbaut wurde, das lässt sich nur mit dem Wunsch nach mehr Features auf Papier erklären, denn die ist schlicht Mist. Wenig Details, schlechte Ausleuchtung, sucht es euch aus, es ist alles da. Die Frontkamera mit 16MP ist da zum Glück weit besser, aber ihr Nachteil ist der feste Fokus. Was aber unter 500 Euro völlig normal ist - und manchmal auch darüber.

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Makro: Wenn man dem Club der 'Makro-Low-Res-Enthusiasten' angehört, dann ist das ein Premium-Phone.

Der aktuell größte Konkurrent des realme GT dürfte das Poco F3 sein. Sein Prozessor fällt eine Nummer kleiner aus - Snapdragon 870 - je nach Version gibt es etwas weniger Speicher und die Hauptkamera ist etwas schlechter, aber nicht viel. 5G haben sie beide, eine Kopfhörerbuchse nur das realme GT. Der Akku des Poco hält etwas länger, das GT hängt das Poco in den Benchmarks ab. Insgesamt ist das realme ein klein wenig netter, hat ein wenig mehr Power und kosten tut das Poco etwas weniger: 370 Euro im Vergleich zu den 430 Euro des kleineren GT. Keine leichte Entscheidung.

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Zu kaufen gibt es das realme GT zum Beispiel bei Kaufland, Amazon (256 GB Version) oder bei realme direkt.

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realme GT: Test Fazit

Die Zeiten, in denen man sich für Leistung, einen exzellenten Screen und schöne Haptik dem vierstelligen Bereich nähern musste, sind bei Handys endgültig vorbei. Der Schwung an relativ neuen Anbietern wie realme, Poco und Co. haben die Preise für ein gutes Smartphone zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Das realme GT zeigt, dass fast alles für 430 Euro möglich ist, wofür man bei einigen der großen Firmen sehr viel mehr zahlt. Am Ende hapert es bei Kleinigkeiten. Die Weitwinkel- und vor allem die Makro-Kamera sind einfach nicht gut. Der Rahmen aus Plastik sollte Metall sein, vielleicht wäre das auch besser für die Wärmeabfuhr und dann würde die Prozessorleistung im Dauerlauf nicht so schnell einklappen. Vielleicht. Das ändert aber alles wenig daran, dass ihr hier für 430 Euro ein High-End-Gerät bekommt, das sehr zukunftstauglich für die nächsten Jahre ist, alle relevanten Features an Bord hat und einen fantastischen AMOLED-Screen mit hohen HZ-Zahlen und ausgezeichneter Haptik mitbringt.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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