New Play Control! Mario Power Tennis

Kontrollverlust

Ich hasse es, wenn man mir etwas vorenthält, was nicht nur erprobt, sondern allgemein für gut befunden wurde und dann behauptet, es wäre doch nur zu meinem Besten. So wie zum Beispiel die Gamecube-Kontrollen beim Spielen von New Play Control! Mario Power Tennis.

Die Prämisse Nintendos frischer New Play Control! Serie ist klar: Alte Cube-Hits, aufgefrischt durch Mote-Controller. Selbst wenn es eigentlich nur von der Faulheit zeugt, hier endlich echte neue und zeitgemäße Fortsetzungen der Hits von Gestern zu entwickeln, ist die Idee wohl nicht gänzlich verwerflich. Zumal der Preis ja prinzipiell auch stimmt und bei Pikmin bereits klasse klappte. Nur warum scheint sich daraus zwanghaft der Rückschluss abzuleiten, dass man die alte Cube-Steuerung auf gar keinen Fall und schon gar nicht als Option anbieten darf? Stattdessen MÜSST Ihr zu Mote-Chuck greifen.

Würden diese Controller das Arcade-Tennis mit der gleichen Präzision beim Timing dirigieren, dann wäre das nicht mal ein echter Kritikpunkt. Neue Zeiten, neue Steuerung, damit könnte man leben. Leider heißt es stattdessen neue Zeiten, nicht ganz genaue, milde glücksabhängige Steuerung. Mario Tennis lebt vom Tennisablauf in Lichtgeschwindigkeit, mit absurden Super-Specials und Reaktionszeiten weit jenseits eines Top Spin 3. Viel Glück dabei, liebe Wii-Sensoren.

In der ersten Steuerungsoption beschränkt Ihr Euch nur auf die Mote und der Computer nimmt Euch die Laufarbeit ab. Und wenn er schon dabei ist, dürft Ihr ihm auch gleich noch den gezielten Einsatz der Specials und eigentlich allem anderen dazu überlassen. Womit sich das Game komplett aus der Gamer-Ecke verabschiedet und nur noch für zwei Dinge zu gebrauchen ist: Spirituell hochprozentige Partys – räumt alles aus dem Weg, was mehr als 3 Euro kostet – oder Kleinkinder von drei bis sechs, die Ihr vor der harten Realität schützen wollt.

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Vielleicht nicht HD, aber das macht nun wirklich nichts. Schick bleibt schick.

Diese heißt nämlich, dass man im richtigen Leben und in richtigen Spielen sich auch mal Mühe geben muss, um Erfolge zu erzielen. Mario Tennis' Automatiken verschonen die Kleinen vor solch grausamen Erkenntnis für ein Weilchen, was mein zu Null-Sieg auf dem zweithöchsten Schwierigkeitsgrad belegt, den ich in der ersten Runde Mario Power Tennis seit drei Jahren auf Anhieb holte. Nur die gelegentlichen Aussetzer bei der Erkennung der Bewegung sorgen hier vielleicht für ein klein wenig Frust, aber irgendeine Chance muss man der KI ja geben.

Die Lage besser sich drastisch, sobald Ihr den Chuck ankoppelt, die Automatiken ausschaltet und jetzt mit dem Stick Eure Spielfigur lenkt. Plötzlich spielen Mario und Kollegen nicht immer nur auf den Mann, endlich habt Ihr alle Möglichkeiten. Nicht nur die Entscheidung, ob es vielleicht Lob oder Smash sein soll, sondern auch Basics wie die Frage, ob Ihr Cross spielt und probiert, ein wenig den Konkurrenten auf der Grundlinie zu scheuchen oder ihn am Netz komplett zu verladen. Plötzlich fühlt es sich fast so an wie damals auf dem Gamecube.

Mit dem klitzekleinen Unterschied, dass Glück damals kein Faktor war. Im Hochgeschwindigkeits-Gameplay eines Arcade-Tennis geht es um Sekundenbruchteile und selbst wenn Ihr Blitzgelenke habt und die Bewegung ausführt: Das heißt noch nicht, dass die Wii und Mote es auch zwangsläufig mit Euch einer Meinung sind. Bei einem Knopfdruck gibt es da weit weniger Verhandlungsspielraum. Entweder Ihr habt gedrückt oder nicht. Kein „Vielleicht war es richtig gemeint, aber ganz Hundertprozent war die Haltung nicht“.

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YOSHIII-POWER!

Diese Haltungen an sich sind dabei gar nicht mal schlecht umgesetzt. Von oben den Drop herunterschlagen, den Lob von unten, seitliche Bewegungen werden berücksichtigt. Nur habt Ihr im Gegensatz zu einem realistischen Tennis-Tempo kaum die Zeit für großes Ausholen und geht aus der Not heraus schnell dazu über, einfach aus dem Handgelenk zu spielen. Wer „realistische“ Tennisbewegungen sucht, wird mit Wii Sports weit besser bedient.

Es ist klar, dass Mario Power Tennis gar nicht diese Absicht hat. Nur hätte es sich dann gleich einen Controller suchen sollen, der sich dafür anbietet. Zum Beispiel den Gamecube-Controller. Ist ja nicht so, dass die Wii das nicht könnte…Der Rest des Spiels bewahrt sich seine alten Qualitäten und die waren so überzeugend, dass leicht verhunzte Kontrollen nicht ausreichen, um einem Beinahe-Klassiker in einen Flop zu verwandeln. Farbenprächtig und jetzt in 16:9 bietet sich Euch eine stattliche Auswahl aus den 20 üblichen Verdächtigen, mit denen Ihr entweder ein Tournier bestreitet oder – weit sinnvoller – gleich in das Mehrspielervergnügen stürzt. Dass das Original keine Onlineunterstützung bot, war zu der Zeit normal, heute verbuchen wir es nur noch mit einem enttäuschten Kopfschütteln unter Wii.

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Schade, dass die Fress-Bomben nur Punkte räubern und die Spieler nicht einfach verspeisen.

Im gleichen Raum mit bis zu vier Spielern läuft das Spiel dann zu allem auf, was es in seinen besten Momenten sein kann. Eine kleine Tennisparty, in der jeder abwechselnd alle paar Minuten „Aber ich hab doch richtig geschwungen“ brüllt. Neben dem Turnier und dem Einzelspiel findet Ihr noch die vom Original bekannten Minispielchen im Stil von „Füttert die Fressbomben mit Tennisbällen“, die für ein paar spaßige Intermezzos mit Freunden sorgen. Nett, aber schwerlich denkwürdig, daran zumindest hat sich nichts geändert.

Die Wahrheit lautet schlicht, einfach und kurz: Durch den Zusatz New Play Control! gewinnt Mario Tennis Power in keinster Weise an Reiz. Im Gegenteil. Spielt Ihr allein, fühlt Ihr Euch entweder durch das gewisse Glücksmoment bei allen Eingaben von der KI übervorteilt oder Ihr schaltet komplett auf Automatik, legt den Chuck weg und fragt Euch nach einer halben Stunde, was das alles eigentlich soll.

Mit mehren Spielern sieht es weit besser aus. Alle sind gleich benachteiligt und deshalb kommt hier noch zumindest beinahe der alte Fun auf. Warum sich jedoch das Spiel, nachdem die neuen Kontrollen bestenfalls „ganz ok“ funktionieren, durch den sinnlosen Verzicht der Gamecube-Variante selbst ins Knie schießt, bleibt Nintendos Geheimnis. Geht es Euch hier nur um die „Wii-Experience“ und spielt Ihr stets im Rudel, bleibt eine verhaltene Empfehlung. Eine uneingeschränkte gibt es erst für eine Fortsetzung, die sich den Eigenheiten und Möglichkeiten der Wii wirklich annimmt, statt einfach ein altes Spiel in ein nicht ganz passgenaues Korsett zu quetschen.

6 /10

New Play Control! Mario Power Tennis ist für relativ günstige 30 Euro zu haben.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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