Was NIER zu etwas Besonderem erhebt, ist nicht die „Gehobene Mittelklasse“-Grafik oder die arg traditionelle Spielmechanik. Es sind die Charaktere, ihr Wortwitz, die verrückte Geschichte, die gediegene Musik und die faszinierenden Bosskämpfe. Alle Kämpfe laufen in Echtzeit ab und vermitteln, anders als etwa bei White Knight Chronicles, einen spritzigen Eindruck. Die Option, ein Ziel fest anzuvisieren, wäre allerdings schön.

Immer mal wieder trefft ihr auf ein pompöses, schleimiges Ungetüm oder eine irrwitzige Maschine, die euch den Lebenshahn zudrehen wollen. Für diese Sorgen existiert die richtige Taktik, sie zu lösen. Selbst wenn euch ein Roboter mit den Worten begrüßt: „Eindringling entdeckt. Verteidigungssysteme aktiviert. Leite Vernichtungssequenz ein!“ Mal donnert ihr den Burschen Bomben in den Rachen, mal haut ihr auf Monster-Patschehände, wenn ihr einen Riesen zu einer Attacke verleitet habt. Die Kämpfe mit diesen Gegnern entschädigen garantiert auch für den schlimmsten Angelausflug. Episch.

Um die Runenpest zu heilen, die eure Tochter Yonah befallen hat, streunt ihr mit Schlagwaffen und Magie ausgerüstet durch eine überschaubare Mittelalter-Welt. Schatten-Wesen bedrohen euch und die auf einer zerfallenen Industrienation gegründete Zivilisation – Maschinen in Bergwerken, zerfallene Brücken und Windkraftanlagen in einer Hafenstadt erinnern an das Erbe. Auch eure Aufgabe scheint mit der Vergangenheit verbunden zu sein.

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Eine magische Barriere schützt euch vor Angriffen.

Für trockenen, britischen Humor sorgt nach kurzer Spielzeit euer Begleiter Grimoire Weiss. Das sprechende Buch ermöglicht euch zudem acht Zauber, die ihr über sogenannte versiegelte Verse lernt. Je zwei legt ihr euch auf die Schultertasten und könnt zum Beispiel gleichzeitig magische Speere verschießen oder mit „Dunkle Mauer“ einen Schutzschild beschwören.

Der Kram lässt sich auch in mehreren Stufen aufladen, sofern ihr über genug Mana-Energie verfügt. Kaine, eine Kriegerin in Unterwäsche, legt eine deftigere Wortwahl an den Tag. Die Dame trefft ihr des Öfteren. Malt euch selbst aus, wie sich Unterhaltungen mit den beiden entwickeln. Nur so viel: ein „Sag die Wahrheit, Luder!“ und „Halt die Klappe, Weiss!“, sollte darin vorkommen. Schade nur, dass bloß ein Teil der Dialoge vertont ist. Und selbst das nur auf Englisch mit deutschen Untertiteln. Als dezent enttäuschend zeigt sich das Waffen- und Ausrüstungsarsenal. Mit dem Bestienprügel kauft ihr bei einem Händler bereits relativ früh ein Schwert, das sich als besser erweist als die kommenden Belohnungen nach erfolgreichen Missionen. Erst Zweihänder und Spieße bringen wieder Schwung in die Sache. Auf Sucht-Erzeuger wie bessere Rüstungen, Schilde und so weiter verzichtet Entwicklers Cavia jedoch komplett. „Rollenspiel Light“ sozusagen.

Stattdessen lassen die Gegner benutze Malbücher und medizinische Kräuter fallen, die ihr in den Läden zu Gold machen könnt. Immerhin stoßt ihr manchmal auch auf Gegenstände, mit denen ihr eure Prügel auf die nächste Evolutionsstufe aufrüsten lassen könnt. Und manchmal erhaltet ihr sogar magische Worte, die ihr mit eurer Waffe oder dem Zauber kombinieren könnt, um so zum Beispiel die Energie schneller aufzuladen oder Gegner zusätzlich zu vergiften.

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Die Kämpfe gegen Bossgegner wie diesen sind einfach nur gut.

Wer NIER genießen will, kneift also hier und da besser mal ein Auge zu und genießt die herrlichen Hiebe der Entwickler unter die Gürtellinie ihres eigenen Genres. Zum Abschluss des Test genießt noch ein Prise der Komik des Spiels. Mit den Worten „Gnädige Frau, ich habe eine weitere Medizin für euch“, überreicht ihr einer alten Dame ein Gebräu, für das ihr von Pontius bis Pilatus latschen musstet und für das euch eine Menge Geld durch die Lappen gegangen ist. Aber was leistet man nicht alles zum Wohle der Menschheit?

„Der junge Mann wieder. Gott sei Dank, dass ihr da seid“, begrüßt euch die Alte. „Meine Blähungen sind außer Kontrolle heute! Und ihr würdet nicht glauben, was für ...“ Ihr verabschiedet euch schnell und zieht weiter zur nächsten Aufgabe. Vielleicht sind ja der Weizen und die Wassermelone schon gewachsen, die ihr vor eurer Hütte angebaut habt ...

NIER strahlt Lebensfreude aus. Man hat ständig das Gefühl, dass die Entwickler kichernd vor ihrem Monitor saßen, während sie eine wahnwitzige Idee nach der anderen verwirklicht haben. Das wirkt nicht aufgesetzt wie etwa bei Sacred 2, das wirkt authentisch. Gleichzeitig schneidet NIER virtuos schwierige Themen wie Liebe, Schuld und Tod an. Und genau das hält euch trotz spielerischer Ungereimtheiten und technischer Schönheitsfehler bei der Stange. Doch wenn das Spiel einmal mit einer Sache nervt, dann richtig. Dennoch beschäftigen euch Botengängen, Knobeleinlagen und Kämpfen locker einige Tage. Und wenn ihr nicht genug bekommen könnt, spielt ihr es eben einfach noch einmal. Denn wofür gibt es denn gleich vier Enden, die immer ein bisschen mehr von der Wahrheit enthüllen? Mit ein wenig mehr Feinschliff hätte ein Genre-Meilenstein entstehen können. NIER ist trotzdem mein Rollenspiel-Geheimtipp dieses Frühlings.

7 /10

NIER erscheint am 23. April 2010 für PlayStation 3 und Xbox 360.

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