realme 8 Pro Test - 108MP sind auch keine Lösung

Dieser Screen in diesem Handy für dieses Geld, das passt.

Als aktueller Nutzer eines der teuersten Telefone am regulären Markt fragt man sich schon dann und wann: "Muss das so teuer sein?" Meistens dann, wenn man ein Gerät wie das realme 8 Pro in der Hand hat. Das Flaggschiff der recht jungen Marke bedient den preislich eher unteren Android-Bereich und das, ausgehend von den Tests des sehr Preiswerten 7i und etwas teureren 7 5G, durchaus kompetent. Das realme 8 Pro kostet nun knapp unter 300 Euro, nur minimal mehr als das 7 5G, und wieder einmal dreht sich das Feature-Karussell. Ein paar Dinge fallen raus, ein paar kommen dazu, die Frage in diesem Preisbereich ist immer, was einem wichtig ist.

Kein 5G, aber exzellentes AMOLED

Erst einmal ist das 8 Pro kein 5G-Gerät. Das mag jetzt erstaunen, da 5G gefühlt und ausgehend von den Werbeplakaten diverser Netzanbieter das einzig wichtige Feature aktuell ist. Aber dann wirft man einen Blick auf die 5G-Karte von Deutschland und denkt sich seinen Teil. Vielleicht kann ich auch noch ein, zwei oder drei Jahre ohne 5G auskommen, denn wer weiß, wann der Ausbau endlich an der eigenen Haustür ankommt. Hier warte ich aktuell noch auf eine LTE -Verbindung mit mehr als 7 Mbit, es ist halt alles Neuland. Am Ende ist es die Frage, wie zukunftssicher euer Handy sein soll. 5G wird wichtig werden, aber das wird ein wenig dauern. Das 8 Pro ist ein Gerät, mit dem man zwei, drei Jahre gut über die Runden kommen dürfte, ohne das Gefühl zu haben, mit der technischen Steinzeit zu hantieren. Aber maximales Unterwegs-Internet-Tempo wird ihm immer verwehrt bleiben.

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Dann wiederum kann man sich im Gegensatz zum 7 5G mit dem Screen trösten. Dieser ist beim 8 Pro ein AMOLED mit all seinen Vorteilen. Kräftige Farben, starke Kontraste, hohe Leuchtkraft, fast unbegrenzte Betrachtungswinkel. Das ist ein, vor allem in dieser Preisklasse, ausgezeichneter Screen mit einer ordentlichen Auflösung - 1080×2400 FHD+ bei 6,4 Zoll. Mit 180Hz Touch-Polling geht es dann auch prahlen, dabei verschweigt das 8 Pro aber, dass es nur 60 Hz als Screen-Frequenz mitbringt. Das ist für das Geld nicht ungewöhnlich. Es gibt AMOLEDs mit weit mehr Hz, aber dann springt der Preis auch nach oben. Das 7 5G hat 120 Hz und scrollt noch ein gutes Stück weicher, aber es ist eben kein AMOLED. Wieder Kompromisse, wieder die Frage nach persönlichen Vorlieben, aber wenn ihr mit ja immer noch sehr sauberen 60 Hz leben könnt, dann macht es euch der Screen des 8 Pro so leicht, wie es nur geht, mit diesem Verzicht klarzukommen. Erneut, für diese Klasse ist der Screen klasse, einer der besten sogar.

108M? Pixel sind sicher nicht alles.

Das gilt nicht unbedingt für die Kamera und dabei ist sie eigentlich das Onboard-Werbemittel des 8 Pro. Nicht weniger als 108 MP hat die von Samsung hergestellte Kamera und das sind schon echt viele Pixel. Braucht man das? Nun, bei idealen Lichtverhältnissen und einem Motiv mit wahnsinnig vielen Details ist das sicher ganz nett. Wenn man ganz ruhig bleibt, dann ein paar Sekunden wartet, bis das 30MB Bild gespeichert ist und ehrlich gesagt sehen selbst dann die Bilder immer noch etwas zu weichgezeichnet und unnatürlich aus.

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108MP mit Blume - Hier sieht man beim Reinzoomen, dass die extreme Pixelzahl nicht unbedingt für mehr Details sorgen muss.
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108MP mit Mario - Dagegen könnt ihr hier bis zum letzten Pixel rangehen und dessen Farbbeschaffenheit bewundern. Der etwas blasse und verwaschene Gesamteindruck bleibt.

Haltet euch lieber an den Standard-12MP-Modus, der sehr brauchbare Bilder macht, die sich definitiv am oberen Ende der Preisklasse des Gerätes bewegen. Gute, natürlich Farben, detailreich, der 3x-Zoom funktioniert tadellos und auch der weitere 5x-Zoom ist gelungen, da er den echten optischen Zoom mit dem digitalen verbindet und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Eine ausgezeichnete Handy-Kamera also, vor allem, wenn man den 108MP-Modus vergisst, der sich als genau das reine Marketing-Gadget ohne Echtweltimplikationen herausstellt, das man erwartet hat.

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Solide 12 MP - Die normale Kamera macht wirklich brauchbare Bilder.
Makro
Das übliche Makro-Desaster. Das realme darf sich damit trösten, dass die Makro-Linsen teurerer Geräte auch oft nicht besser sind als das.

Danach geht es bei den Linsen leider abwärts, denn wieder einmal produziert der 8MP-Widewinkel bestenfalls Mittelmaß und wehe dem, der den 2MP-Makro benutzen will. Der 4cm-fix-Fokus produziert Bilder, bei denen man mit dem 3x-Zoom im Standard-12MP-Modus weit besser fährt. Aber Haken dahinter, für das normale Leben bei guten bis nächtlichen Lichteinfällen produziert die normale Kamera hier ausgehend vom Licht ausgezeichnete bis immer noch brauchbare Bilder, die besser wirken, als man es für den Kaufpreis erwarten würde. Wer Makro-Fotografie betreibt, hat sich eh ein teures Hobby gesucht, das man nicht mit einem Handy praktizieren sollte.

Schnelles Laden und saubere Software

Wo das 8 Pro dann wieder glänzt, das ist die Ladegeschwindigkeit. Der Akku selbst ist mit 4500 mAh im soliden oberen Mittelfeld, hält locker einen Tag im anspruchsvollen Normalbetrieb und das mit Mails, YouTube, Facebook, ein, zwei Games und was ich sonst so den Tag lang treibe. Das läuft in Tests auf etwa 20 Stunden Video-Zeit hinaus oder 15 im Web surfen. Mit anderen Worten, der normale Mensch sollte erst zum Schlafen gehen eine Steckdose suchen müssen. Diese lädt das 8 Pro dann von null auf 100 in etwas mehr als eine Dreiviertelstunde, 50W-Charging sei Dank. Dass mehr geht, zeigte ausgerechnet der Vorgänger, das 7 Pro unterstützte 65W-Schnellladen. Es wird wohl Gründe geben, warum das nicht mehr so ist. Im Endergebnis dürfte es den meisten recht egal sein, ob eine volle Ladung fünf Minuten länger dauert (das ist etwa der Unterschied zwischen 7 Pro und 8 Pro). Eine halbe Ladung gibt es beim 8 Pro in etwas über 15 Minuten, was den meisten reichen sollte, um einen guten Teil des Tages zu überbrücken.

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Aufgeräumt wie immer, aber mit einem Klinkenanschluss.

Softwareseitig ist alles so sauber, wie man es erwarten kann. Realmes UI 2.0 hat praktisch keine Bloatware an Bord, wirkt klar strukturiert und aufgeräumt. Android 11 ist schon da, da ist man also auch auf Stand und es ist insgesamt ein Gerät, an dem ich eigentlich nichts ändern musste, um zufrieden zu sein. Okay, ich musste es in den Dark Mode schalten, der mittlerweile meiner eigenen Meinung nach Standard und kein Feature sein sollte. Aber er ist da, sogar mit ein paar optionalen Grau-Abstufungen, also ist alles gut.

Viel Speicher, betagter Prozessor und gute Verarbeitung

Auf der Hardwareseite gibt es sonst nur solides zu berichten. Na gut, ich bevorzuge den Fingersensor auf der Rückseite, aber der vorn auf dem Screen funktioniert ausgezeichnet und fehlerfrei. Der Prozessor ist ein Snapdragon 720G mit einer Adreno 618 als GPU. Diese Kombi nennen wir netterweise mal "erprobt" statt "cutting edge". Die CPU war bereits in beiden Vorgängermodellen, wo sie ebenso brav und zügig alles am Laufen hielt. Dieser Grad an langjähriger Erfahrung spiegelt sich auch in den eher mauen Benachmarks wider: Geekbench gibt 570 Punkte im Single und 1700 im Multicore. Auch die 1050 Punkte für Wild Life im aktuellen 3DMark mit so um die 6 Frames zeigen klar, dass das 8 Pro sich im realen Leben super schlägt, während es für den Core-Mobile-Gamer nicht das Mittel der Wahl sein dürfte. Alle aktuellen Spiele laufen noch ganz gut, aber das hat viel mehr mit deren beeindruckenden Fertigkeiten zur Anpassung zu tun als mit der Hardware hier.

3dmark
5-8 Frames sind jetzt nicht gerade Gaming-Powerhouse-Performance.

Auf der Speicher-Seite habt ihr auf jeden Fall 128GB UFS2.1 Speicher, die sich mit einer MicroSDXC-Karte erweitern lassen. Beim RAM gibt es zwei Versionen des 8 Pro auf der Welt: eine mit 6GB und eine mit 8GB. Die in Deutschland verkaufte ist zum Glück die mit 8 und das kommt natürlich Android 11 sehr entgegen. Am Ende ergeben die Kombi aus genug RAM und 700er-Snapdragon ein Phone, das keine Probleme beim Multitasking, UI und selbst anspruchsvollen Apps hat, sowie Spiele sehr solide handhabt. Aber dann wiederum ist ein 700er Snapdragon nun nicht mehr ganz zeitgemäß, selbst bei diesem Preis. Das Poco X3 Pro hat einen deutlich flotteren 860 drin und kostet sogar etwas weniger...

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Ähhh...nein. Einfach nur nein. Für das normale Leben aber völlig okay.

Im Gegensatz zum Billig-Leistungswunder Poco kann das realme 8 Pro dafür aber mit Haptik und Leichtigkeit überzeugen. Leichte 170 Gramm, trotz einer Plastikschale sehr wertiges Anfassgefühl - wobei man über den "Dare to Leap" Spruch auf der Rückseite streiten darf -, gute Verarbeitung, den Klinkenstecker dort, wo er hingehört (unten) und Netzteil wie transparenter Bumper liegen auch in der Packung. Das passt alles beim realme 8 Pro.

Was es noch so gibt.

Aber es ist nicht allein auf der Welt. Da gab es zum Beispiel das realme 7 Pro, das abgesehen von Details fast das gleiche Handy ist. Sony statt Samsung Kamera, aber sonst gleicher Chip, gleicher Speicher, AMOLED... Modellpolitik, die ich jetzt nicht verstehen muss, da das 7 Pro ebenfalls 300 Euro kostet. Whatever, da ist ja auch noch das 7 5G, das zwar kein AMOLED hat, dafür aber mehr Hz im dunkleren Screen und natürlich die 5G. Das Poco 3 Pro wurde eben schon erwähnt, mit 250 Euro etwas billiger, in der Haptik etwas grobschlächtig, dafür aber mit mehr Rechenpower unterwegs. Ein weiterer 4G Kandidat ist das Xiaomi Redmi Note 10 Pro, ebenfalls mit einem 700er-Snapdragon unterwegs, mit einem ähnlichen Screen, aber weniger RAM und einer MP-schwächeren Kamera - die aber auch hübsche Bilder macht, da kann sich das 8 Pro mit seinen 108MP nicht groß durchsetzen. Für ein paar Euro mehr gibt es schließlich bei Samsung insgesamt ähnliche Leistungsdaten, aber 5G, wenn man sich das A52 5G anschaut. Liegt dann etwa bei 350 Euro.

Kaufen kann man das realme 8 Pro direkt bei realme, bei Kaufland oder bei Amazon

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Bin nicht sicher, ob das sein musste, aber okay...

realme 8 Pro Test Fazit

Das 300-Euro-Android-Mittelklasse-Feld ist schwer umkämpft und ein einfach "nur" gutes Gerät kann da schnell mal untergehen. Daher braucht es ein Gimmick zum Auffallen und realme versucht es mit der Monster-MP-Zahl von 108 bei der Kamera. Ich kann jetzt nicht sagen, dass es das für mich reißen würde. Gerade die 108MP-Bilder überzeugen nicht unbedingt, sind aufwendig in der Handhabung und müllen schnell den Cloud-Speicher voll. Da bleibt man lieber bei der weit besseren und praktikableren 12MP-Einstellung. Vor allem hätte das realme 8 Pro solche MP-Angeberei gar nicht nötig. Für euer Geld bekommt ihr ein haptisch wertiges Phone mit einem der besten Screens in der Preisklasse - wenn man auf die hohen Hz-Zahlen verzichten kann - und genug Leistung unter der Haube, um den Alltag plus ein paar Spiele problemlos zu stemmen. Nun, Speicher hat es genug, bei der Leistung darf sich realme gern mal den aktuellen Katalog von Snapdragon schicken lassen. Auch wenn der 720er hier noch für eine Weile im normalen Leben reicht, ein Renner ist er nur bei den Verkaufszahlen.

Sicher, mit 5G statt 108MP würde das realme 8 Pro besser fahren, aber da der Termin für das realme 8 G ganz sicher schon feststeht - welches übrigens wieder ohne AMOLED, aber mit mehr Hz kommt, also im Prinzip die gleiche Schiene der 7er-Reihe fährt -, nun so ist das Leben halt. Trotzdem und um es noch mal für das Protokoll festzuhalten, ja, ich habe gerade ein Phone, das zig Mal schneller und aufwändiger ist. Aber im realen Leben mit eigenem Geld? Ich würde keine Sekunde zögern, zum 8 Pro zu greifen und mein Leben nicht weniger glücklich mit viel mehr Geld in der Tasche fortsetzen.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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