Metal Gear Rising: Revengeance - Test

Platinum verweist die Industrie erneut in ihre Schranken und beweist, dass Japan dem Westen noch viel zu zeigen hat.

Ich kann immer noch den Schweiß an meinen Händen spüren. Zwei ganze Stunden hat es gedauert, bis ich den finalen Boss von Metal Gear Rising: Revengeance erlegt hatte. Und was für ein Kampf das war. Länger als manche Missionen im Spiel und unterteilt in mehrere Phasen, verlangt euch diese Auseinandersetzung wirklich alles ab. Jeder Fehler wird bestraft und alle Angriffe müssen perfekt sitzen. Wagt es gar nicht erst, zwischendurch zu blinzeln! Ungezählte Male flogen Controller und Flüche durch das Zimmer, bevor ich stolz die Arme in die Luft riss. Ein perfekter Abschluss und der definitive Höhepunkt einer Achterbahnfahrt, die zum Ende noch einmal sämtliche Regler auf elf stellt.

Dabei war es nicht unbedingt Liebe auf den ersten Blick. Besonders die ersten drei Level können mit ihren eintönigen Farben etwas lieblos wirken und auch in den Kämpfen wollte der Funke nicht so recht überspringen. Da ich meinen ersten Durchgang auf dem harten Schwierigkeitsgrad startete, waren die frühen Gefechte etwas holprig. Viel zu oft nahmen mich die Feinde regelrecht auseinander und benutzten mich als Spielball. Nach ein paar Versuchen schaffte ich es zwar immer bis zum Ende eines Kapitel, so richtig zufrieden mit mir selbst war ich aber nicht.

Der mit dem Schwert tanzt

Doch irgendwann machte es plötzlich "Klick". Unvermittelt legten sich in meinem Kopf all die richtigen Schalter um. Auf einmal machte es Sinn. Ich drückte nicht länger verkrampft auf den Tasten herum. Jede Eingabe folgte dem Fluss des Kampfes. Ab sofort spielte ich mit den Gegnern. Wo ein großer Mech mir zuvor in wenigen Sekunden die Lebensenergie dezimierte, verwandelte ich ihn nun ohne einen Gegentreffer zu Schrott. Es war in diesem Moment, als ich endlich erkannte, dass Metal Gear Rising: Revengeance etwas ganz Besonderes ist.

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Einer der Gegenspieler hat sich ein kleines japanisches Dorf in sein Hochhaus gestellt.

Den Kern bildet dabei natürlich das hervorragende Kampfsystem, das euch geschickt zur Offensive zwingt. Wer passiv an den Kämpfen teilnehmen und lieber seine Chancen abwarten möchte, wird gnadenlos auseinandergenommen. Eine Taste zum Blocken gibt es nicht. Ihr könnt Angriffe nur abwehren, indem ihr in die Richtung des Gegners drückt und einen horizontalen Schlag ausführt. Raiden hält dann für einen Moment die Klinge schützend vor sich. Reagiert ihr zu früh, senkt er das Schwert wieder und kassiert den Treffer. Pariert ihr dagegen im exakt richtigen Augenblick, könnt ihr sogar zum Konter ansetzen. Revengeance belohnt riskantes und aggressives Verhalten.

Das Verhalten von jedem Feind muss genau einstudiert werden. Normale Angriffe werden durch ein rotes Blinken angekündigt, während Schusswaffen immer zuerst einen Laser auf euch richten. Könnt ihr einen Angriff nicht abwehren, sondern müsst ihm ausweichen, umgibt sich euer Widersacher mit einer gelben Aura. Anschließend zeigen gewisse Feinheiten, welche Attacke genau folgt und wie lange es bis zum Treffer dauert. Kleine Nuancen in den Bewegungen sowie visuelle Hinweise telegrafieren die nächste Aktion. Eure Aufgabe besteht darin, diese Kleinigkeiten zu erkennen und zu verstehen.

Was Revengeance jedoch vollkommen von der Konkurrenz absetzt, ist der Blade Modus. Wer auch immer die Idee dazu hatte, sollte für alle Zeit mit Geld und Frauen überschüttet werden. Ein Geniestreich sondergleichen. Durch erfolgreiche Treffer ladet ihr eure Energie auf und könnt geschwächte Feinde dann in einer Zeitlupe nach euren Vorstellungen frei zerstückeln. Mit dem rechten Stick schwingt ihr eure Klinge und trennt gezielt Gliedmaßen vom Körper oder schneidet wie wild drauf los. Der Titel zeigt euch dabei sogar die Anzahl der Stücke an, in die ihr euren Feind zerteilt habt. Zudem sieht es unglaublich elegant aus. Ich persönlich spurte gerne auf den Feind zu, trete ihn durch einen Rutschangriff in die Luft und schlittere dann in Zeitlupe unter ihm her, während ich seinen Körper wie Gemüse zerteile. Glaubt mir, dieser Anblick nutzt sich nie ab.

Metal Gear Rising: Revengeance - Gameplay-Video

Damit der Blade Modus nicht zur ultimativen Waffe mutiert, dürft ihr nicht gleich jeden Soldaten zerhacken. Zunächst einmal müsst ihr ihnen genügend Schaden zufügen. Nach und nach färben sich einzelne Körperzonen blau, die dann zerschnitten werden dürfen. Vollführt ihr einen perfekten Konter, dürft ihr sofort in den Blade Modus übergehen. Je nach Gegnerart könnt ihr dann direkt zum Finisher ansetzen oder nur eine bestimmte Zone anvisieren. Manchmal lassen sich außerdem gezielt Waffen zerstören. Die ultimative Form der Zerstörung ist der Zandatsu, bei dem ihr im Blade Modus eine bestimmte Stelle des Gegners zerschneidet und ihn so nicht nur sofort tötet, sondern ebenfalls eure komplette Energie wieder auffüllt.

Mein Freund die Box

Zwar liegt der generelle Fokus auf den Kämpfen, doch da es sich hier immer noch um einen Ableger von Metal Gear handelt, gehört das Schleichen ebenso dazu. Besonders im späteren Verlauf betretet ihr häufig größere Areale, in denen die Feinde nichts von eurer Präsenz wissen. Auf Knopfdruck scannt ihr ähnlich wie Batman die Umgebung und erkennt so schneller feindliche Positionen, wodurch der actionlastige Ablauf nicht zu stark gebremst wird. Dennoch solltet ihr die Gelegenheit nutzen, jeden Gegner einzeln mit einem Schlag auszuschalten, da die Gruppen zu den schwersten Kämpfen im gesamten Spiel gehören, solltet ihr den direkten Weg wählen. Man lässt euch die Möglichkeit und bestraft ungeduldige Naturen mit knallharten Herausforderungen.

Also lieber auf Nummer sicher gehen und unerkannt bleiben. Abhilfe verschaffen dabei beispielsweise Hologramme von Frauen - Cyborg-Soldaten lassen sich mit billigen Heftchen nämlich nicht ablenken - oder die gute alte Box, in der sich bereits Solid Snake vor etlichen Blicken versteckte. Nur sieht es hier einfach noch bekloppter aus, wenn sich ein tödlicher Cyborg-Ninja unter dem Pappkarton zusammenkauert. Richtig albern wird es aber erst, sobald ihr das Mexikaner-Outfit für Raiden freischaltet. Dann bleibt sein riesiger Sombrero nämlich beim Schleichen auf der Box liegen.

Die Handlung passt zum Metal-Gear-Universum, bietet vor allem zum Ende ein paar interessante Ansichten, macht allerdings deutlich, dass es sich hierbei nur um einen actionlastigen Ableger handelt.

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Der gelungene Soundtrack kurbelt euch bei Bosskämpfen durch seine Mischung aus Rock, Metal und Dubstep noch einmal ordentlich an.

Auch so schaffte es der Titel häufiger als erwartet, mich zum Schmunzeln zu bringen. Teilweise mit sehr subtilen Anspielungen oder visuellen Witzen. Im zweiten Akt übernehmt ihr beispielsweise einen humanoiden Roboter, um an für Raiden unerreichbare Daten zu gelangen. Beim Computer angekommen, steckt der kleine Droide sein USB-Kabel in den passenden Anschluss, muss dieses allerdings nach dem Erstversuch umdrehen, da er es falsch herum hielt. Es gehört zu der Art Humor, die ich sehr zu schätzen weiß.

Wo wir gerade dabei sind, kann ich kurz ein paar Worte zur Handlung verlieren. Sie passt zum Metal-Gear-Universum, bietet vor allem zum Ende ein paar interessante Ansichten, macht allerdings deutlich, dass es sich hierbei nur um einen actionlastigen Ableger handelt. Zwischensequenzen gibt es nur, wenn sie gebraucht werden und auch die Codec-Unterhaltungen bleiben in einem angenehmen Rahmen. Wer ein wenig länger mit den Leuten quasseln möchte, darf dies im Menü gerne tun, wirklich interessante Gespräche solltet ihr hingegen nicht erwarten.

Im Gegensatz dazu hat mir die Charakterisierung sowie Entwicklung von Raiden äußerst gut gefallen, dem man endlich eine sympathische Persönlichkeit spendierte. Seine Wandlungen werden sogar zweimal im Spiel durch die optische Veränderung eurer Anzeigen sowie seinen neuen, aufrüstbaren Körper symbolisiert. So sollte man einen Wandel des Charakters vermitteln, anstatt sich seitenlang Metaphern aus dem Handgelenk zu würgen. Ja Rockstar, auch ihr könnt ab und zu noch etwas lernen.

Kamera mit Eigenleben

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Ein fast fehlerfreies Spiel also? Naja, nicht ganz. Abgesehen von den etwas langweilig gestalteten ersten Abschnitten, die von der zweiten Hälfte mehr als nur korrigiert werden, gibt es einen leidigen Grund, der Kämpfe mit mehreren Feinden schwerer als nötig macht. Nämlich die unter Parkinson leidende Kamera. Diese lässt sich in normalen Duellen zwar durch das Lock-on prima aushebeln, spinnt bei Gruppengefechten dafür umso mehr.

Metal Gear Rising: Revegeance - Trailer

Für manuelle Justierung bleibt bei den auf Lichtgeschwindigkeit ausgefochtenen Kämpfen kaum Zeit und so passiert es, dass Feinde aus dem toten Winkel attackieren. Feine Töne machen auch dann auf gefährliche Bewegungen aufmerksam, was in der Hitze des Gefechts jedoch leider viel zu schnell untergeht. Auch wenn die Kamera nicht ganz so schlimm wie in Ninja Gaiden ist, macht sie sich trotzdem als einziger Schandfleck im ansonsten so grandiosen Kampfsystem bemerkbar.

Restliche Makel beziehen sich auf die kurze Wartezeit, bevor ihr ins Menü zum Ausrüsten von Gegenständen gelangt, sowie die Dauer des Taumelns. Trifft euch ein Feind mit einer bestimmten Attacke oder einfach nur in rapider Folge, stolpert Raiden leicht benebelt über den Platz, während ihr eure Handfläche am Stick zerreibt und schmerzhafte Erinnerungen an Mario Party wiederkehren. Ob man das Taumeln hingegen stark kritisieren kann, bleibt fragwürdig, da es eine definitive Entscheidung der Entwickler ist, um euch noch mehr für Treffer leiden zu lassen. Immerhin war es euer Fehler, getroffen zu werden und die Entwickler schlagen euch dabei praktisch ins Gesicht und fordern, dass ihr besser zu werdet.

Genau hierin finden sich auch die Essenz und das Ziel von Metal Gear Rising: Revengeance. Ich habe schon von vielen Leuten gehört, dass sie sich über eine kurze Spielzeit von vier bis fünf Stunden beschweren. Ja, wenn ihr auf leicht oder normal spielt, blind durch die Areale spurtet und keine VR-Missionen abschließt, seht ihr nach einem Abend den Abspann und fragt euch, warum ihr dafür 60 Euro auf den Tisch gelegt habt. Ich mache es kurz und schmerzlos: Gehört ihr zu dieser Art Spieler, ist Metal Gear Rising: Revengeance nicht für euch. Leiht es euch aus oder wartet auf einen reduzierten Preis, bei dem ihr die Spielzeit rechtfertigen könnt.

Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will. Aber gesehen müsst ihr sie haben! Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will.

Dieser Titel richtet sich primär an Leute, die alles sehen und sich ständig verbessern wollen, bis sie irgendwann triumphierend mit allen Erfolgen in der Tasche auf dem bezwungenen Biest thronen und die eigene Entwicklung rekapitulieren. Mein erster Durchgang auf hart hat knapp zehn Stunden gedauert, der nächste auf sehr hart mindestens genauso lange. Und ich werde nicht ruhen, bis nicht jedes Kapitel auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad "Revengeance" einen S-Rang hinter dem Namen stehen hat. Spiele wie Metal Gear Rising: Revengeance wollen mehrmals durchgespielt und bezwungen werden. Jeder Kampf lehrt euch neue Feinheiten und ihr wachst mit den steigenden Herausforderungen. Falls ihr euch danach sehnt und das letzte Devil May Cry als viel zu leicht empfandet, lasst ihr auf der Stelle alles liegen, kauft dieses Spiel und vergrabt Handy mitsamt Terminkalender im Garten. Ihr werdet sie nicht vermissen.

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Unsere Wertungsphilosophie Metal Gear Rising: Revengeance - Test Björn Balg Platinum verweist die Industrie erneut in ihre Schranken und beweist, dass Japan dem Westen noch viel zu zeigen hat. 2013-02-25T09:00:00+01:00 9 10

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