Xbox 720 vs. PS4: Warum die Technik zweitrangig ist

Was uns vergangene und aktuelle Konsolengenerationen über die kommende erzählen.

Heute Abend ist es endlich soweit, wenn Microsoft die nächste Xbox enthüllt. Viele warten dabei gespannt auf die genauen Hardwarespezifikationen und werden im Ansatz oder sogar während der Konferenz sämtliche Internetforen mit ihren Meinungen überfluten. Bei jeder Ankündigung das gleiche Spiel. Und obwohl schon jetzt etwas niedriger angesetzte Hardware-Eckdaten als bei der PS4 kolportiert werden und ich mir die ausartenden Argumentationen mit dem gelegentlich eingestreuten "PC-Master-Race"-Kommentar sicherlich nicht entgehen lasse, spielen diese Zahlen letztendlich keine Rolle für den Ausgang dieser Generation. Genau genommen ist es ziemlich erstaunlich, wie viel wir darüber diskutieren, wenn uns die letzten 30 Jahre gezeigt haben, dass diese Werte überhaupt nichts mit dem Erfolg einer Konsole zu tun haben.

Die Vergangenheit lügt nicht

Beginnen wir unsere kurze Zeitreise in den 80ern. Schon hier zeigte sich die Dominanz einer technisch schwächeren Konsole mit dem NES, das sich fast 62 Millionen Mal verkaufte und so das kraftvollere SEGA Master System mit 13 Millionen weit hinter sich zurückließ. Eine Generation später setzte sich Nintendo durch das SNES erneut an die Spitze und erreichte 49 Millionen Verkäufe, wobei Sega mit dem Mega Drive und 40 Millionen Einheiten dieses Mal nur knapp auf dem zweiten Platz landete. Derweil bewies SNK, was ein zu hoch angesetzter Preis anrichten kann, selbst wenn die Technik der Konkurrenz eine halbe Generation voraus ist. Nur die Wenigsten wollten 1990 die gefragten 650 Dollar bezahlen, um Titel in der grafischen Qualität eines Arcade-Automaten zu spielen.

In der kommenden Generation dominierte Sonys PlayStation mit über 100 Millionen abgesetzter Konsolen und verdrängte Nintendo erstmals vom Thron. Obwohl das N64 eindeutig stärker war und Nintendo das Gerät mit einer Vielzahl bekannter Titel segnete, erreichte die japanische Traditionsfirma nicht einmal ein Drittel und musste sich schlussendlich mit 32 Millionen Geräten geschlagen geben. SEGAs Saturn und vor allem Ataris Jaguar braucht man erst gar nicht erwähnen.

Besonders in den ersten beiden Jahren nach der Veröffentlichung der Wii, brauchte sich Nintendo nicht mehr um die Konkurrenz sorgen und besaß zusammen mit dem DS die Lizenz zum Gelddrucken.

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Zudem war es unglaublich schwer, dafür zu programmieren.

Auch danach blieb Sony weiterhin vorne. Zwar schickte Microsoft die erste Xbox als leistungsstärkste Konsole dieser Generation ins Rennen, musste sich allerdings schnell gegen die PlayStation 2 geschlagen geben, die bis heute noch mit über 150 Millionen verkauften Einheiten alleine an der Spitze steht. Den Ausgang der aktuellen Generation brauche ich wohl kaum erläutern. Besonders in den ersten beiden Jahren nach der Veröffentlichung der Wii, brauchte sich Nintendo nicht mehr um die Konkurrenz sorgen und besaß zusammen mit dem DS die Lizenz zum Gelddrucken. Wo wir gerade bei den Handhelds sind. Hier etablierte sich Nintendo seit der Einführung des GameBoys als stetiger Gewinner.

Für die jeweiligen Ausgänge der verschiedenen Konsolengeneration gibt es unterschiedliche Gründe, die allerdings weit von der reinen technischen Stärke der Systeme weit entfernt liegen. Wesentlich wichtiger und interessanter sind andere Faktoren, die trotz zeitlicher sowie wirtschaftlicher Unterschiede stets eine wichtige Rolle spielen, genau wie auch in dieser Generation.

Was kannst du sonst so?

Sehen wir es ein: Wir haben auf die Verkaufszahlen kaum einen Einfluss und bilden nur einen kleinen Teil der gesamten Käuferschicht, die nun einmal zum Großteil aus Personen besteht, die mit den technischen Details einer Konsole wenig anfangen können und sich dafür überhaupt nicht interessieren. Sie benötigen andere Gründe für den Kauf eines weiteren Geräts, das ihre Wii oder Xbox 360 ersetzen soll.

Plötzlich konnte selbst der unbegabteste Mensch einen Controller in die Hand nehmen, den Arm ein wenig wackeln lassen und dadurch ein Ass im Tennis erzielen.

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Brauchst du SCHON wieder eine neue Konsole? Reicht dein 20 Jahre altes SNES nicht mehr?

Hier kommt die sogenannte Killerapp ins Spiel. Ein Teil des Gesamtpakets, der sich leicht an den Kunden übermitteln lässt und den die Konkurrenz nicht bietet oder zumindest nicht in dieser Form. Bei der Wii war es eindeutig Wii Sports, das für die meisten von uns zwar spielerisch nicht viel außer ein paar netten Ersteindrücken bot, dafür aber die Essenz der neuartigen Steuerung perfekt einfing. Ich glaube auch heute noch daran, dass es sich dabei eher um einen glücklichen Zufall handelte und Nintendo nebenher das beste Marketing-Spiel aller Zeiten erschuf. Plötzlich konnte selbst der unbegabteste Mensch einen Controller in die Hand nehmen, den Arm ein wenig wackeln lassen und dadurch ein Ass im Tennis erzielen.

Denken wir eine Generation zurück und Sony überzeugte viele Erstkäufer mit dem eingebauten DVD-Player, der sogar prominent auf der Verpackung beworben wurde und sich dank des guten Preises als bestes Paket herausstellte. Sicherlich bot das Gerät bereits nach einem Jahr eine nette Spielebibliothek, doch den großen Vorsprung zur Einführung von Xbox und GameCube verdankte Sony sicherlich dem eingebauten DVD-Player. Wollt ihr es noch einfacher haben, müsst ihr euch bloß an den GameBoy erinnern. Natürlich eroberte Tetris die Welt, doch erst die lange Batterielaufzeit machte das Gerät gegenüber seinen heute fast unbekannten Rivalen so attraktiv. Oder kanntet ihr jemanden, der einen Game Gear besaß? Ich wusste damals nicht einmal, dass so ein Gerät existierte.

Es legt niemand 400 Euro auf den Tisch, nur um mit seinen Freunden Bilder oder Videos auszutauschen.

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Die sollten ungefähr zwei Stunden halten.

Was bedeutet das für diesen Konsolenzyklus? Die Wii U besitzt den Tablet-Controller und versucht damit, die alte Wii-Zielgruppe zum Aufrüsten zu bringen. Sony setzt bei der PlayStation 4 auf zwei Pferde. Man hat sehr viel Geld in den Streaming-Dienst Gaikai investiert und legt dazu einen stärkeren Fokus auf soziale Komponenten, wobei mir beide aktuell zu undurchdacht erscheinen. Gaikai hört sich auf jeden Fall prima an und ich würde gerne im gleichen Maße Spiele auf meine Konsole streamen, wie ich es aktuell mit Filmen auf dem PC genieße. Um damit allerdings eine größere Menge an Kunden anzusprechen, muss sich die Breitbandanbindung weltweit verbessern. Auch der Share-Button hört sich nett an, doch warum sollten sich Let's Plays von YouTube entfernen, wenn dort für hohe Besucherzahlen eine feste Bezahlung winkt und es wahrscheinlich bequemer bleibt?

Demnach bleibt in diesem Bereich für mich nur noch Microsoft übrig, die heute Abend zeigen werden, ob sie eine wirkliche Killerapp anbieten können. Oder versucht man es erneut mit Kinect, gibt dem neuen Illumiroom eine Chance und setzt in gleichem Maße wie Sony auf soziale Netzwerke, ohne wirkliche Innovationen anzubieten? Jedoch legt niemand 400 Euro auf den Tisch, nur um mit seinen Freunden Bilder oder Videos auszutauschen. Die meisten, die so etwas interessiert, machen das bereits mit ihrem Smartphone.

Spiele, Spiele und noch mehr Spiele

Selbst das beste Stück Hardware kann ohne die passende Software nicht überleben, was die Vita im vergangenen Jahr eindrucksvoll bewies. Jede Konsole braucht für ihren Erfolg nicht nur eine breite Auswahl, die jeden Geschmack zufriedenstellt, sondern vor allem bestimmte Exklusivtitel, die ganz alleine für einen Kauf sorgen. Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der seine Wii nur zweimal im Jahr für einschlägig geniale Nintendo-Titel ausgräbt und ansonsten einsam verstauben lässt. Genauso fiel meine Wahl damals auf den GameCube, weil ich unbedingt Super Smash Bros. Melee mit Freunden spielen wollte.

Viele Spieler fressen primär aus nur einem Napf, dessen Hersteller sie ungern wechseln.

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Das war es wert.

Doch über die Jahre hinweg scheint sich dieser Faktor immer mehr zu verringern, während der Anteil an Multiplattformtiteln nach oben schießt und man Exklusivspiele an zwei Händen abzählen kann. War die PlayStation 2 seinerzeit noch Spitzenreiter in dieser Kategorie und bot einen Katalog an exklusiver Software, den wohl kein anderes Gerät überbietet, so schwappten in dieser Generation viele Serien auch auf andere Systeme über. Den einzig wirklichen Unterschied findet man aktuell eher bei Vergleichen zwischen dem PSN und XBLA. Trotzdem kann eine überzeugende Auswahl besonders zum Start einen großen Vorteil erwirken, sollte die Konkurrenz wie die WiiU eher verspätet in die Gänge kommen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Und viele Spieler fressen primär aus nur einem Napf, dessen Hersteller sie ungern wechseln. Ich rede hier nicht von nervigen Fanboys, die ihr geliebtes Gerät um jeden Preis verteidigen und dabei wie verblendete religiöse Fanatiker in Amerika Schwachsinn wie Kreationismus erfinden, nur um ihren Standpunkt nicht zu ändern. Nein, es handelt sich um normale Kunden, die nicht mehr als eine Konsole im Haus haben wollen und jedes Jahr das neue FIFA oder Call of Duty kaufen, weil sie genau wissen, was sie damit erhalten. Vielleicht schauen sie sich ab und zu in den Händlerregalen um und greifen nach Titeln, die sich sicher anfühlen.

Genau diese Personen brauchen schon einen triftigen Grund, warum sie nun beispielsweise plötzlich von PlayStation zur Xbox wechseln sollten, wenn ihre Lieblingsspiele ebenso auf ihrer bisher gewählten Plattform erscheinen. Zudem haben sie sich an das Gerät, das Interface sowie den Controller gewöhnt und auch ihr gesamter Freundeskreis spielt damit. Eure Profile werden wohl mit der gesamten Freundesliste einfach auf das nächste Gerät übertragen. Es wird für den Kunden umso bequemer, einfach bei der bisherigen Marke zu bleiben.

Je höher die Zahl der Spieler mit jeder Generation anwächst, desto schwerer ist es, neue Zielgruppen anzupeilen oder Kunden der Konkurrenz abzugewinnen.

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Die mögliche Killerapp?

Niemand ändert in diesem Fall seine Gewohnheiten, sollte die Konkurrenz nicht mit den passenden Gründen locken oder die Person ist vom bisherigen Service enttäuscht. Leider besitzen Leute in diesem Lager zu viele unterschiedliche Vorlieben und auch die eigentliche Größe lässt sich unmöglich feststellen. Je höher die Zahl der Spieler mit jeder Generation anwächst und sich die Unterschiede zwischen den Rivalen verringern, desto schwerer ist es, neue Zielgruppen anzupeilen oder Kunden der Konkurrenz abzugewinnen. Besonders zwischen Microsoft und Sony erwarte ich daher ohne Killerapp keine großen Schwankungen oder massive Fehler.

Gute Vermarktung ist die halbe Miete

Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will. Aber gesehen müsst ihr sie haben! Spiele so schlecht, dass man es nicht glauben will.

Letztendlich fließen all diese Punkte beim Marketing wieder zusammen, das nicht nur aus ein paar Werbespots oder Bannern besteht. Zu den wichtigsten Entscheidungen bei der Konzeption gehört der Name. Sony ging hier seit der ersten PlayStation einen sehr sicheren aber auch effektiven Weg. Der Widererkennungswert einer Marke ist von hoher Bedeutung und PlayStation gilt mittlerweile als ein Synonym für Konsolen. Schnell eine simple Zahl dahintergeklatscht und schon verdeutlicht man selbst dem unfähigsten Kunden, dass es sich hierbei um einen Nachfolger handelt, der das Vorgängermodell schnellstens ersetzen sollte. Genau deswegen weiß bis heute niemand, warum Nintendo den Namen Wii U wählte, wenn ihre Zielgruppe "Wii plus Anhang" bisher immer als neuen Zusatz wie Wii Fit verstand. Ich kann niemandem verübeln, falls er die Wii U nicht als neue Konsole erkennt, sondern bloß das Tablet sieht, das die Werbung ebenso oft alleine darstellt. Daher hoffe ich wirklich, dass Microsoft sein neues Gerät nicht bloß Xbox nennt.

Ansonsten müssen alle oben genannten Aspekte so vermarktet werden, dass sie in ihrer simpelsten Form leicht zu verstehen sind und dem Konsumenten einen besonderen Grund für den Kauf bieten. Nintendos Streifzüge beim DS sowie der Wii stelle ich dabei zusammen mit Sonys Kampagnen zu den ersten beiden PlayStations an die Spitze. Beide Firmen bohrten sich unaufhaltsam in die Köpfe ihrer angepeilten Zielgruppen. Sie verstanden den Markt ihrer Zeit und boten genau die richtigen Inhalte. Momentan bin ich mir nicht mehr so sicher, wie viel von dieser Energie noch übrig ist und auch Microsoft muss heute Abend zeigen, ob sie es wirklich besser können. Doch selbst danach bleibt abzuwarten, wie die zukünftige Strategie aussieht und auf welche Aspekte sich die einzelnen Firmen konzentrieren. Denn so interessant die ersten Fakten auch wirken, bilden sie nur den Grundstein für einen möglichen Erfolg.

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