Viva Piñata

Traumberuf: Gärtner!

Wie definiert man als Spieler etwas so ungreifbares wie die „Essenz“ – den Kern – guter Unterhaltung? Ist es das lückenlose Ineinandergreifen von Grafik und Gameplay? Ein anregendes Zusammenspiel von Bild, Ton und Wort? Oder liegt das Wesen guter Unterhaltung in der Ungezwungenheit, die das Medium „Spiel“ eigentlich auszeichnen sollte – diese gewisse Leichtigkeit, die dieser Tage immer mehr Spiele vermissen lassen?

In Wahrheit ist es wohl ein bisschen was von allem. Dennoch nimmt jeder Spieler einzelne Aspekte anders wahr, gewichtet unterschiedlich und setzt eigene Prioritäten. Mir persönlich sollte gutes Gaming-Entertainment vor allem ein Gefühl der Zwanglosigkeit bescheren: Weniger „müssen“, mehr „dürfen“, und vielleicht gerade deshalb alles „wollen“. Unverkrampftheit als Designphilosophie – mit mir als Spaßminister wäre das Gesetz! Nicht nur unser Besuch in Twycross verriet uns, dass man bei Rare diese Ansicht durchaus teilt. Es ist Viva Pinata selbst, dem es gelingt, von der ersten Sekunde an nichts anderes zu sein, als eine umwerfend charmante Einladung zum hemmungslosen Zeitvertreib.

Gartenparty

1

Rosa Dachse mit Wikingerhüten – warum nicht?

Ziemlich kurios, denn eigentlich geht es in Viva Pinata um echte Knochenarbeit. Oder besser: „Gartenarbeit“; und zwar mit dem Ziel, möglichst seltene Pinatas anzulocken. An dieser Stelle sollten wir vielleicht mal mit einem der großen Missverständnisse bezüglich Pinatas aufräumen: Bei dem farbenfrohen Gekreuch, dem meist gleich eine ganze Horde kreischender Halbwüchsiger die schokoladigen Innereien mit Knüppeln aus dem Leib prügelt, handelt es sich um weit mehr als um liebevoll beklebte Pappmaschee-Modelle. Tatsächlich sind Pinatas lebendige, atmende Tierchen, haben Vorlieben und Abneigungen und müssen sogar schlafen und essen – nun ja, zumindest auf Pinata Island.

Auf dieser virtuellen Insel, die optisch irgendwo zwischen Day of the Tentacle, Psychonauts und Shreks abgedrehtem Märchenwald liegt, trefft Ihr auf eine tödlich betrübte junge Dame mit … ähm… Blättern im Gesicht. Die Lady mit dem einleuchtenden Namen Leafos reicht Euch einen schartigen Spaten, mit dem Ihr unverzüglich den vertrockneten Boden des einstmals ach so grünen Biotops weich klopft und den überall verstreuten Unrat zertrümmert. Obendrein stellt sie Euch einen Sack Endlos-Rasen zur Verfügung, der hervorragend dazu taugt, das (noch) kleine Fleckchen Land ein bisschen freundlicher zu gestalten. Der Einstieg von Viva Pinata macht zugegebenermaßen eine relativ hektische Figur. Zwischen trivialen Steuerungshinweisen und deutlich wichtigeren Saatgut-Informationen fühlt man sich zunächst ein wenig „zu Tode geholfen“, während sich im Garten Knall auf Fall neue Pappschmarotzer einnisten.

Techtree aus Schoko

2

Die harmlos-drolligen Paarungstänze bringen selbst Stoikerherzen zum schmelzen.

Spätestens mit dem Ende der übertrieben belebten Tutorial-Phase fällt der Groschen aber selbst bei ungeübten Spielern: Der satte Rasen hat die Aufmerksamkeit der putzigen Whirlms – herzallerliebster Wurm-Pinatas – geweckt. Diese wiederum genossen schon bald das ungeteilte Interesse der Sparrowmint-Spatzen, während sich das Bunnycomb, das wenige Minuten später erschien, sich Eure erste geerntete Karotte natürlich nur mal kurz „anschauen“ wollte. Kein Wunder, dass die Anwesenheit der Langohren die Füchse auf den Plan rief, et cetera perge, perge. So beginnt man eine erstaunlich komplexe Nahrungskette aus über 60 Pinatas Glied für Glied zu entwirren – und zwar mit exponentiell anwachsender Begeisterung.

Direkten Einfluss habt Ihr nicht auf Eure Papiertiger. Ansässige Pinatas dürft Ihr zwar mit einem Fingerzeig zu verschiedenen Dingen animieren, eine Gehorsamsgarantie gibt es aber – vor allem bei miserablen Wetterbedingungen und unseligen Tageszeiten – niemals. Eure Interaktion mit den quirligen Partyattraktionen besteht eher darin, die individuellen Bedürfnisse für ihr Auftauchen, ihren Verbleib und ihre Paarungsbereitschaft zu befriedigen, um irgendwann die wertvollsten und größten Arten in eurem Garten begrüßen zu dürfen. Wie in einem freundlichen Zoo – und ohne Gitter. Zielgerichtetes Vorgehen begünstigt Viva Pinata mittels des übersichtlichen Tagebuchs, in dem sich die wachsenden Ansprüche eventueller Neuankömmlinge haarklein nachlesen lassen. Sehr nützlich, wenn die Zentrale mal wieder an Eurer Türe klingelt, um ein bestimmtes Pinata bei Euch zu bestellen. Ob Ihr den Auftrag annehmt, ist aber – wie alles in Viva Pinata – allein Eure Entscheidung.

Armors Pfeile

3

Ihr dürft Euren Pinatas auch Namen geben.

Früher oder später werdet Ihr Amor spielen wollen. Das ist dringend notwendig, wenn die Population einer Gattung jemals zwei Exemplare überschreiten soll. Sind alle Voraussetzungen für die Paarung getroffen, erscheinen rosa Herzchen über den Köpfen der Turteltäubchen. Jetzt müsst Ihr den Bewerber nur noch in einem simplen Minispiel durch ein Labyrinth zum Objekt seiner Begierde steuern. Diese Sequenzen sind zwar weit davon entfernt das spielerische Highlight von Viva Pinata zu sein, fallen aber auch nicht störend aus dem Rahmen. Es sei denn, Ihr wollt eine Hundertschaft einer einzigen Art heranzüchten. Doch mal im Ernst: Wozu sollte man das wollen?

Selbst im schönsten Idyll kann natürlich auch mal der Haussegen schief hängen: Beispielsweise, wenn sich Fuchs und Karnickel, Hund und Katze oder Bienen und Ameisen in kunterbunt stilisierten Gefechten gegenseitig zu Tode quieken, bellen und summen. Hier hilft nur, schnellstmöglich den Doktor in seinem Blaulicht-Bobby-Car herbei zu rufen und die Streithähne anschließend mit Zäunen voneinander zu trennen so gut es eben geht. Früher oder später tauscht man einen der Troublemaker ohnehin gegen ein lukrativeres Pinata ein. So!

Ein weiteres Unheil bedeuten „saure“ Pinatas und randalierenden Hooligans. Erstere spucken saure Bonbons die „süße“ Pinatas krank machen, können aber ebenfalls durch gewisse Maßnahmen zum „Süßtum“ und somit für die gute Sache bekehrt werden. Die Rowdys des bösen Professor Pester sind da schon ein größeres Übel: Nahezu unverwundbar, im Glücksfall aber bestechlich, fallen die Schlachtenbummler wie Naturkatastrophen über Euren Garten her, zertrampeln Blumen und Dekorationen. Hier wünscht man sich oft ein etwas gröberes Kaliber als den alten Spaten. Zum Glück halten sich die Schäden meist in Grenzen und sind mit einigen wenigen Handgriffen wieder behoben.

Kommentare (24)

Die Kommentare sind nun geschlossen. Vielen Dank für deine Beiträge!