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Amanitas Pilgrims ist eine Wonne – auch wenn mein Sohn vielleicht noch eine Idee zu jung dafür war

Vom Wert, Kindern beim Spielen zu begleiten.

Mein fünfdreivierteljähriger Sohn und ich entdecken zusammen gerade ein paar Games. Nachdem Mario seine Augen-Daumen-Koordination (und die Geduld meines inneren Backseat-Gamers) noch dezent überforderte, sind wir vermehrt auf Apple Arcade am iPad unterwegs, denn Touch-Kontrollen fallen ihm aktuell noch leichter. Als Fan von Amanita Design (Samorost, Machinarium), war ich aber ohnehin auf Pilgrims gespannt. Das ist zwar erst ab sechs Jahren freigegeben, aber er ist ziemlich aufgeweckt und reflektiert.

"Was soll schon passieren?", dachte ich also… nur um dann von ein, zwei Szenen doch ein wenig schockiert zu sein. Mein Sohn dagegen? Der lachte das meiste einfach weg. Und irgendwo zwischen diesen beiden Reaktionen passierte die Magie, die Spiele als Gemeinschaftserlebnis zu etwas so Besonderen macht.

Pilgrims selbst bringt wieder viel vom handgezeichneten Charme des tschechischen Studios auf die Mattscheibe, irgendwo zwischen niedlich-verschroben und ein wenig finster. Inhaltlich geht das wie immer wortlos in Richtung Adventure, allerdings mit dem interessanten Twist, dass eure Handlungsmöglichkeiten hier durch Karten symbolisiert werden, was das Spielen mit einem Kind natürlich erleichtert. Ihr zieht also einen der Charaktere zunächst als Karte in die Szene, wo er sich dann materialisiert. Alle weiteren Karten abseits der Figuren sind Gegenstände, die ihr findet oder die neue Begleiter im Inventar hatten.

Besorgt, was dem Fährmann fehlt. Dann dürft ihr mitreisen. Mehr Story braucht es nicht, in Pilgrims.

Diese Dinge zieht ihr dann zusätzlich ins Bild, damit der Charakter eine bestimmte Aktion vollführt. Je nachdem, was Pilger, Räuber, alte Dame oder Teufelchen so drauf haben, ist das eben etwas anderes. Der Rest ist simples Antippen der wenigen bewegten Szenengegenständen zur Interaktion. Easy und auch für junge Schulkinder und etwas darunter zu managen. Die Geschichte an sich spielt kaum eine Rolle, was gut ist, weil das bedeutet, dass wir nicht lesen müssen. Es gibt lediglich ein Ziel: Der Pilger will sich vom Fährmann den Fluss hinunter schippern lassen, der aber dafür eine Gegenleistung verlangt. Um das zu erreichen, tauscht und puzzelt man sich über die Karte und ist nach einer halben Stunde auch schon wieder fertig – noch so eine der guten Seiten, soll der Nachwuchs nicht zu lange vor dem Bildschirm verbringen.

Und das ist auch nur der erste Durchgang, denn obwohl das Ziel dasselbe bleibt, gibt es gibt diverse Arten, Pilgrims durchzuspielen. Mein Sohn hat bereits zweimal gefragt, ob wir das noch einmal machen könnten. Warum ist nicht schwierig zu verstehen, denn der Slapstick, der entsteht, wenn die Charaktere mit den vorgesehenen (und nicht vorgesehenen) Items hantieren, ist süß gemacht. Amanita zeigt da trotz aller visueller Kunstfertigkeit immer auch gerne eine alberne Seite von sich. Nun aber zu den zwei Szenen, die ich schon hart an der Grenze fand.

Jede Figur kann etwas, das die anderen nicht können. Schön einfach, um Kinder an grundsätzliche Gaming-Spielregeln heranzuführen.

Zum einen beginnen einer gemeinen Hausdiebin (mein Sohn sagte, sie sei eine Hexe), die es zu vertreiben gilt, in einer Szene die Augen zu brennen und sind – nachdem man sie mit einem Eimer Wasser löscht – auch einfach nicht mehr da. Das sah schlimm genug aus, dass mich mein Sohn eine Woche später beim Frühstück aus dem Nichts noch einmal darauf ansprach, ob die Augen dann wirklich weg waren. Das tat er zwar mit einem Grinsen, aber Eindruck hatte es hinterlassen. Die andere Szene drehte sich um einen Priester, der beim Kartenspiel seine Seele wohl an den Teufel verloren hatte. Amanita beweist reichlich Mumm, wenn wir dem Teufel dabei helfen, den Geistlichen zu verschleppen und mit ins “Loch” zu nehmen. Besucht man das Loch später noch einmal, sehen wir noch den Geist des Priesters gen Himmel fahren.

Das ist selbst für einen Atheisten wie mich schon … stramm! Nun denn, ich hätte bereits ahnen können, wohin die Reise geht, als ich dem Drachen, den ich eigentlich im Auftrag des Königs erschlagen sollte, im Gegenzug für seinen Schatz die Prinzessin brachte… Was ich sagen will: Pilgrims ist ein tolles Spiel, aber auch eines, das anschaulich zeigt, dass es Altersfreigaben nicht umsonst gibt und dass man gut daran tut, seine Kinder beim Genuss dieser Medien zu begleiten. Und das war letzten Endes das, was mir die meiste Freude bereitet hat: Angeregt mit ihm darüber zu sprechen, wie wir fanden, was da passiert war, was nett war und was weniger. Und ich glaube, er hat beinahe verstanden, dass es auch okay gewesen wäre, zugunsten der Prinzessin auf den Schatz vom Drachen zu verzichten (ich möchte dazu noch zu Protokoll geben, dass der Prinzessin nichts Böses geschah, sondern es ihr beim Drachen offensichtlich ziemlich gut ging)!

Weiß jemand hier, was man beim Froschmann sonst so machen kann?

Abgesehen von den schwierigeren Themen fand mein Sohn es jedenfalls mehr als faszinierend, mit den verschiedenen Möglichkeiten zu experimentieren und ich liebe den wortkargen Ansatz dieses Spiels und all die Arten, auf die es sich Gaming-Anfängern öffnet. Die inhaltlichen Ecken und Kanten des Gezeigten sind gewagt, auch für Sechs- oder Siebenjährige noch, aber fordern auch heraus – dazu, mit dem Kind darüber zu sprechen, was man hier sieht und tut. Damit sind sie in jedem Fall interessanter als viel von der Entertainment-Wegwerfware, die unseren Sprösslingen sonst so als Freizeitbeschäftigung präsentiert wird und vor Beliebigkeit und Klischees nur so tropft (*hust*Paw Patrol*räusper*). Insofern: Klare Empfehlung für das Spielen zusammen mit einem Gaming-Anfänger ab sechs.

Pilgrims ist in Apples Abodienst Apple Arcade enthalten, dort findet sich auch eine Reihe weiterer Amanita-Spiele, wie Samorost 1 und 3 und Creaks. Auf Steam und im Nintendo eShop kostet Pilgrims knapp 5 Euro.

Über den Autor
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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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