WWE All Stars

Ur-amerikanisch, schrill und richtig spaßig

Mein Verhältnis zu Wrestling ist, vorsichtig ausgedrückt, schwierig. Vor ein paar Jahren schrieb ich mal einen fast legendären Test zu WWE Smackdown vs. RAW 2007. Mal ganz abgesehen von der Note, hat sich THQ vor allem über meinen Porno-Vergleich "gefreut". Seit dem lasse ich eigentlich die Finger weg von WWE, doch beim THQ-Event in New York wurde Allstars gezeigt und ich war nun mal vor Ort. Mein erster Gedanke: Zähne zusammenbeißen und durch. Ich war auf alles gefasst, nur nicht auf einen spaßigen Prügler, der mehr an Street Fighter IV als an die restlichen WWE-Titel erinnert.

WWE All Stars ist ein Ableger. Ein Versuch, mit einem komplett anderen Gameplay Wrestling- und Prügel-Fans gleichermaßen zu begeistern. Statt auf einen ausufernden Karriere-Modus konzentriert sich das Spiel der Macher von Mortal Kombat vs. DC Universe auf die Kämpfe. Im Gegensatz zum simulationslastigen Stammtitel geht es hier wilder zu. Viel wilder. Die Kontrahenten springen, werfen und prügeln sich gegenseitig durch den Ring. Selbst Juggling-Manöver sind möglich. Einfach mit Big Show einmal fest auftreten, schon wird der Gegner wie eine Puppe in die Luft geworfen. Dann zweimal zuhauen und das Opfer landet benommen in den Seilen. Ein überraschender Ansatz.

Dass All Stars für THQ ein wichtiger Titel ist, zeigte sich schon bei der beeindruckenden Gästeliste. Neben dem wirklich riesigen Big Show tauchte noch Wrestling-Veteran Ricky „The Dragon" Steamboat, der irre Ire Sheamus und Intercontinental-Title-Gewinner Kofi Kingston auf einer Bühne auf. Eine echt witzige Truppe, die sich spaßige Wortgefechte und ein paar digitale Fights lieferten. Trotz meiner leichten WWE-Aversion muss ich zugeben: Die Jungs sind witzig. Allen voran Big Show. Der Mann teilt nicht nur im Ring kräftig aus.

Neben den vier Anwesenden sind noch Dutzende weitere aktuelle und legendäre Wrestler mit im Boot. Bestätigt beziehungsweise zum Teil schon spielbar waren der Undertaker, „Machoman" Randy Savage, Bret „Hitman" Hart, Triple H, Rey Mysterio, John Cena, The Rock und Andre the Giant. Aufgeteilt werden diese Heroen in Spandex in Acrobat, Big Man, Brawler und Grappler. Jede Klasse bringt dabei besondere Fähigkeiten mit sich. Während ein Big Man auf den Seilen kaum etwas erreichen kann, fliegt ein Acrobat über das halbe Spielfeld und landet zielgenau auf seinem Gegner. Im Gegensatz dazu braucht ihr deutlich länger, um einen Koloss in die Knie zu zwingen. Brawler schlagen kräftig zu und Grappler sind die besten Werfer. Das Endergebnis: Jeder Kämpfer fühlt sich komplett anders und zum Teil richtig aufregend an.

In den Auseinandersetzungen selbst sorgen diverse Block- und Konter-Möglichkeiten für eine überraschende Spieltiefe. Wer hier nicht schnell reagiert, wird mit wirklich sagenhaften Moves ungespitzt in den Boden gerammt. Natürlich könnt ihr euch wie beim großen Vorbild frei im Ring bewegen, auf die Seile klettern und Renn-Attacken starten. Trotzdem spielt sich alles viel schneller und direkter, für meinen Geschmack einfach spaßiger.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Grafik. Unterlegt von farbigen Schlieren springt euer Kämpfer bei einer Super-Attacke mit seinem Opfer in den Armen in die Luft, dreht sich mehrfach im Kreis und jagt ihn dann Rücken voran in Richtung Untergrund. Und das Ganze sieht mit seinen weichen Animationen und detaillierten, etwas überzogen dargestellten Kämpfern nicht nur prächtig aus, sondern verpasst dem durchgeknallten Wrestling-Zirkus endlich den passenden Anstrich. Ur-Amerikanisch, extrem überdreht, ein wenig selbstverliebt, aber dafür schön komplex.

Wie komplex, zeigt sich bei einer ersten Auseinandersetzung gegen die KI. Ohne viel Vorwissen tut man sich schwer damit, gegen die brutal agierenden Computergegner mehr als ein paar Treffer zu landen. Schnell kam ich dabei mit der Take-Out-Mechanik in Kontakt. Ist ein Gegner angeschlagen, könnt ihr versuchen, ihn zu tacklen, verliert er dann beim anschließenden Quick-Time-Event, kann der Kampf schon in der ersten Runde zu Ende sein. Ein wirklich brutaler Wettbewerb. Siegt ihr nicht auf legalem Wege, könnt ihr natürlich, wie es sich für ein Wrestling-Spiel gehört, aus dem Ring aussteigen und euch einen Plastik-Stuhl schnappen. Peng, Peng. Und schon hat man ein verloren geglaubtes Match wieder umgedreht.

Die Kämpfe Mann gegen Mann beziehungsweise schwächlicher Spiele-Redakteur gegen schwabbliger Spieler-Redakteur überzeugten im Gegensatz zu den beinharten KI-Gefechten durch viel Situationskomik und packende Auseinandersetzungen. Das Hin und Her, die oft zufällig geglückten Attacken und das robuste Konter-System verwandelten die Fights nach ein paar Durchgängen in einen taktisch ausgeklügelten Nervenkrieg. Vielleicht nicht ganz Street Fighter IV, aber schon gut genug. Zu den restlichen Spielmodi hielten sich die Entwickler leider noch bedeckt. Immerhin verrieten sie uns ein kleines Bonbon für Wrestling-Fans: Im Spiel könnt ihr neben Kämpfern auch Videos zu legendären Fights freischalten. Undertaker vs. The Ultimate Warrior, anyone?

Keine Frage, auch WWE All Stars wird mich nicht bekehren und aus mir einen WWE-Fan machen. Das Spektakel an sich ist mir einfach zu amerikanisch, zu schrill und selbstverliebt. Das Spiel selbst sieht aber nach einem großen Spaß aus. Vor allem das runde Kampfsystem, die erstklassige Grafik, die sauberen Animationen und die abgedrehten Moves machen aus WWE All Stars einen ganz eigenständigen Titel, der das bierernste WWE Smackdown vs. RAW perfekt ergänzt. Noch dazu viel Nostalgie und eine enorme Bandbreite an Kämpfern, da kann fast nichts mehr schief gehen. Allein bei den Spielmodi weiß ich noch nicht so genau, was die amerikanischen Entwickler noch aus dem Hut zaubern. Aktuell sieht es danach aus, dass der Titel, wie viele Prügler, vor allem mit ein paar Freunden auf der Couch viel Laune macht. Mal abwarten, was die fertige Version für Einzelspieler-Freunde zu bieten hat.

WWE All Stars erscheint am 1. April für PS3, Xbox 360, PSP und Wii.

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Kristian Metzger

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