Call of Duty WW2 bietet in der Kampagne das gewohnte Action-Feuerwerk

Und zumindest im Ansatz ein bisschen mehr.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Langsam, aber beständig nähern sich die alliierten Landungsboote dem Strand der Normandie. Ringsherum peitscht Wasser nach oben, es herrscht überwiegend angespanntes Schweigen. Doch je näher die Boote dem Strand kommen, desto lauter wird es. Erste Geschosse schlagen im Wasser ein und reißen hohe, nasse Fontänen in die Luft, bis zum sandigen Ufer wird es immer mehr und sobald sich die vordere Rampe öffnet, werden die ersten Kameraden bereits von Kugeln durchlöchert, noch bevor sie überhaupt einen Fuß auf französischen Boden setzen können.

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Von links rauscht ein brennendes Landungsboot heran, rammt effektvoll das, in dem ich mich befinde. Alles kippt zur Seite, um mich herum sterben weitere Kameraden und die Überlebenden springen in alle Richtungen von Bord, kriechen und sprinten an den Strand, versuchen im Kugelhagel zu überleben. Der D-Day diente schon in einigen Spielen als Schlachtfeld und läutet auch die Kampagne von Call of Duty: WW2 ein, ohne dabei jedoch die brutale Intensität der Stranderstürmung aus Der Soldat James Ryan zu vermitteln.

Es ist beispielhaft für den Rest des Spiels, das im Grunde zwei Seiten einer Medaille vermittelt. Einerseits haben wir noch immer das, wofür Call of Duty eigentlich steht und was es in WW2 ebenfalls wieder verdammt gut umsetzt. Es ist ein spektakuläres Action-Feuerwerk, in dem es an jeder Ecke kracht und rummst, mit effektvoll inszenierten und choreografierten Szenen, die in bester Hollywood-Manier umgesetzt wurden. Zum Beispiel dann, wenn ihr einen Zug zum Entgleisen bringt, ihr neben den Schienen landet und seht, wie um euch herum die Wagons durch die Gegend fliegen, Tankwagen explodieren und einen kleinen Aussichtsturm mit ins Verderben reißen.

Ja, selbst im Zweiten Weltkrieg kann man für Bombast sorgen, auch wenn man gerade keine abstürzenden Raumschiffe, in sich zusammenstürzende Hochhäuser und dergleichen zur Verfügung hat. Das ist wirklich nett anzuschauen und sorgt alles in allem für eine sehr kurzweilige Kampagne, die euch insgesamt ungefähr sieben bis acht Stunden beschäftigt. Das ist das, was man von Call of Duty erwartet und es macht mir jedes Jahr aufs Neue wieder Spaß, mich hier einige Stunden lang ein bisschen mit Action berieseln zu lassen.

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Dabei haben sich die Entwickler bemüht, das Ganze etwas aufzulockern. Einerseits dadurch, dass ihr eben nicht nur zu Fuß unterwegs seid, sondern ebenfalls mal kurzzeitig einen Panzer oder ein Jagdflugzeug steuert. Das sorgt im Spielverlauf für die nötige Abwechslung, damit es nicht zu eintönig wird. Außerdem wurde das Gameplay im Gegensatz zu anderen Teilen der Reihe etwas angepasst. In WW2 habt ihr nämlich keine regenerierende Gesundheit mehr, also müsst ihr gerade auf den höheren Schwierigkeitsgraden schon deutlich mehr aufpassen, was ihr so anstellt. Nachschub in Form von Verbandskästen findet ihr hier und da in den Levels, aber ihr erhaltet sie ebenso wie Granaten, Munition oder Signalrauch für Artillerieschläge auch von euren Truppkameraden.

Dafür gibt es eine Art Cooldown, der sich aber nicht nach einer bestimmten Zeit richtet. Vielmehr füllen sich die entsprechenden Anzeigen nach Abschüssen eurerseits Stück für Stück wieder auf, bis ihr euch mehr davon zuwerfen lassen könnt. Das Gameplay verläuft so ein kleines bisschen anders als in der Vergangenheit, ihr agiert ein wenig überlegter, taktischer, aber im Großen und Ganzen ändert sich nicht so wahnsinnig viel. Es ist aber eine nette, gut umgesetzte Idee, um eure Kameraden ein bisschen ins Geschehen einzubinden.

Die andere Seite der Medaille sind die Schrecken und Dramen des Krieges. Kann und will ein Spiel wie Call of Duty das überhaupt vermitteln? Nun, zumindest hat man es in Ansätzen versucht, von einem Band of Brothers oder anderen vergleichbaren Serien und Filmen ist man nichtsdestotrotz noch ein ganzes Stück entfernt. Ihr trefft zum Beispiel mal im zerbombten Aachen auf deutsche Zivilisten, die ihr evakuiert, während es in der eigenen Einheit brodelt und einer eurer Vorgesetzten aufgrund von früheren traumatischen Erlebnissen mit Problemen zu kämpfen hat, doch das passiert alles eben nur zu einem kleinen Teil im eigentlichen Spielverlauf.

Es dominiert schlussendlich erneut die Action. Um hier wirklich gefühlsmäßig etwas erreichen zu können und die Leute vielleicht etwas zum Nachdenken anzuregen, hätte es drastischere Szenen gebraucht. Das Thema der Judenverfolgung wird nur am Rande angerissen und am Ende durchsucht ihr beispielsweise ein verlassenes deutsches Arbeitslager, während zwischendurch bei bestimmten Szenen immer wieder echte Fotos eingeblendet werden. Aber irgendwo fehlt diesen Momenten das Besondere in der Umsetzung, durch das man einen echten Kloß im Hals bekäme und das einen nach der Kampagne dazu brächte, über das Gesehene und Geschehene zu reflektieren. Das fällt alles irgendwo in die Kategorie "bemüht, aber nicht konsequent durchgezogen". Womit wir wieder bei der Frage wären: Ist Call of Duty das richtige Spiel für so etwas? Nun, das könnte es sein, doch letzten Endes ist man wohl doch eher davor zurückgeschreckt, "all in" zu gehen.

Was ich übrigens gerade im Vergleich mit dem ebenfalls aktuellen Wolfenstein 2 interessant fand: Während man dort selbst Begriffe wie "Nazis" in "Das Regime" geändert oder Hitler umbenannt hat, wird in Call of Duty - natürlich ohne entsprechende Symbole in der deutschen Fassung - fleißig davon gesprochen. Warum Bethesda bei Wolfenstein 2 diesen zusätzlichen Aufwand betreibt, ist mir somit nicht ganz klar. Nötig wäre es definitiv nicht, wie Call of Duty: WW2 zeigt. Da könnte man sich nun darüber streiten, ob das eine Form der Geschichtsverfälschung ist, selbst wenn Wolfenstein sich eher auf fiktivem Territorium bewegt, aber lassen wir das an dieser Stelle...

Im Endeffekt begrüße ich jedoch die Rückkehr zum Zweiten Weltkrieg als Szenario. Ich persönlich sehe darin einen größeren Reiz als in moderneren Geschichten, so gut sie auch ausgearbeitet und umgesetzt sein mögen. Ich kann nicht mal genau erklären woran es liegt, aber ohne diese ganzen futuristischen Gadgets und Hilfsmittelchen auskommen und zum Teil noch in den Nahkampf Mann gegen Mann gehen zu müssen, ist für mich einfach die intensivere Erfahrung. Dementsprechend hat mich die Kampagne von Call of Duty: WW2 bestens unterhalten, selbst wenn sie hinter dem zurückbleibt, was erzählerisch möglich wäre. In diesem Sinne bleibt Call of Duty weiterhin Call of Duty - ein handwerklich, choreografisch sehr gut umgesetzter Shooter - und kein Band of Brothers in Spieleform. Aber man kann ja nicht alles haben.

Entwickler/Publisher: Sledgehammer Games/Activision - Erscheint für: Xbox One, PS4, PC - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Im Multiplayer (dazu später mehr)

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News  |  f1r3storm

Seit 2006 bei Eurogamer.de und spielt hauptsächlich auf Konsolen. Mag Sci-Fi, Star Wars UND Star Trek. @f1r3storm auf Twitter.

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