Man muss schon auf sein Wachs kucken, wenn man eine Kerze ist. Denn das schmilzt schneller als man denkt. Und plötzlich steht man da, verlassen von der Welt, ist nur noch Docht und ein Restfunke, der nur allzu schnell gänzlich verglüht. Das Leben als Kerze ist nicht einfach, erst recht nicht, wenn ihr als solche mutterseelenallein auf einem verlassenen Geisterschiff aufwacht. Eben dieser Prämisse widmeten sich schon vergangenes Jahr die Entwickler von Spotlightor Interactive mit Candleman für die Xbox One. Jetzt ist das Spiel auch für den PC erschienen - und es hat nichts von seiner Faszination eingebüßt, die es damals schon auf der Konsole hatte, die aber kaum jemand wirklich wahrgenommen hat, weil das Spiel gnadenlos untergegangen ist. Gerade deswegen lohnt sich jetzt ein Blick auf dieses versteckte Kleinod.

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Dunkelheit ist die natürliche Lebensumgebung einer nicht brennenden Kerze.

Candleman kommt mit einer äußerst simplen Prämisse daher. Ihr spielt eine Kerze, die laufen, springen und sich selbst entzünden kann. Ihr kämpft euch von Level zu Level, wobei die meisten davon mit einer Art blauem Portal enden. Seid ihr dort angekommen, kommt ihr in den nächsten Abschnitt. Unterwegs könnt ihr verschiedene andere Kerzen anzünden, was ratsam ist, denn so kommt Licht in die meist recht dunkle Spielwelt. Außerdem könnt ihr euer Licht nutzen, um selbige selbst zu beleuchten. Aber: Pro Level könnt ihr nur zehn Sekunden brennen. Das bedeutet, dass ihr euer Licht sehr selektiv einsetzen müsst, um nicht auszubrennen. Zehn Leben stehen euch pro Level zur Verfügung, sind alle verbraucht, beginnt der Abschnitt von vorn. Dabei wird nicht berücksichtigt, welchen Checkpoint ihr bereits erreicht und welche Kerzen ihr schon angezündet habt.

Das mag sich jetzt alles sehr simpel lesen und irgendwie ist es das auch - und auch wieder nicht. Candleman will gar kein neues 3D-Super-Mario sein, es ist sich seiner Simplizität durchaus bewusst und setzt daher gekonnt auf seine melancholische Atmosphäre. Die Kerze wird dargestellt als tapferer Held, der sich aus einem verlassenen Schiff herauskämpft, weil sie glaubt, es nicht verdient zu haben, so einfach vergessen zu werden. Die Kerze hat noch nicht einmal Gesichtszüge, keine Augen, keinen Mund, nur kleine Beinchen an einem Kerzenständer - und doch habe ich beim Spielen nach und nach ein gewisses Identifikationspotenzial in diesem seltsamen Protagonisten entdeckt.

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Solche blauen Portale sind das Ende der meisten Level.

Das mag auch an der wirklich hübschen Grafik liegen, die naturgemäß vor allem durch ihre Beleuchtungseffekte zu begeistern vermag. Teilweise reagiert eure Umgebung darüber hinaus auf Licht, manche Pflanzen blühen plötzlich auf, nur um dann wieder in der Dunkelheit zu versinken. Das alles wird untermalt von atmosphärischer Musik und Soundeffekten, wobei beides wohl erst auffallen würde, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre - die Geräuschkulisse greift perfekt auf, in welcher Stimmungslage eine beseelte Kerze sich in der aktuellen Situation wirklich befinden würde. „Wirklich"? Naja. Ich möchte es so ausdrücken: Gäbe es Kerzen mit Verstand und würden die durch die Gegend laufen und gäbe es dann einen Hollywood-Schmonzettenregisseur, der das Leben einer besonders benachteiligten Kerze verfilmen würde: Der Film sähe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr ähnlich aus wie dieses Spiel.

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Bisschen Industrie-Charme gefällig? Die Kerze auf einem verlassenen Öltanker.

Trotz all dieser Faszination hat das Spiel auch seine schwierigen Momente. Dann nämlich, wenn ihr in irgendeinen Abgrund stürzt, weil ihr nicht seht, wohin ihr springt. Die Kamera könnt ihr nämlich nicht steuern, stattdessen gibt euch das Spiel ständig vor, wie ihr auf eure Lieblingskerze zu blicken habt. Überhaupt ist die Steuerung enorm simpel gehalten, sie ließe sich ohne Untertreibung auch mit einem NES-Controller bewältigen. Ihr habt einen Button zum Erleuchten der Kerze, einen zum Springen und bewegen könnt ihr euch mit dem Analog-Stick, wahlweise auch mit dem D-Pad. Das wars, mehr kommt auch im Verlauf des Spiels nicht dazu. Dafür verändert sich die Levelstruktur stetig. Mal schwebt ihr auf bunten Glühwürmchen durch die Gegend, mal müsst ihr Planken im Wasser ausbalancieren, dann spaziert ihr über Papierbahnen, die im Wind wehen. Die Entwickler haben aus einer simplen Idee wirklich viel gemacht, das spürt man. Wer die Spielwelt mag, kann sich der Aufgabe widmen, in jedem Level wirklich jede Kerze anzuzünden, wer das nicht braucht, lässt es eben bleiben und rennt einfach bis zum Schluss. Je nachdem, wie viel Hingabe ihr investiert, braucht ihr zum Durchspielen etwa fünf bis sechs Stunden.

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Diese bunten Blumen blühen bei Licht auf - töten euch aber bei Berührung.

Der Schwierigkeitsgrad zieht in späteren Abschnitten ziemlich an. Während ihr anfangs noch glaubt, euch in einer Art Walking Simulator zu befinden, wird euch nach ein paar Stunden klar, dass ihr ziemlich leicht in einen Abgrund fallen könnt. Das kann und wird frustrieren, aber ihr lernt auch relativ schnell wie ein Level zu meistern ist und seid deshalb in der Regel relativ schnell wieder an der Stelle eures Versagens um einen neuen Versuch zu starten. Ich musste meinen Controller zumindest nicht vor Wut gegen die Wand werfen. Letzterer empfiehlt sich übrigens sehr, mit der Tastatur ist das Spiel doch ein wenig arg hakelig, eine Maus wird gar nicht erst unterstützt. Netter Vorteil der PC-Version: Der Zusatz "The Complete Journey" bedeutet, dass ihr den DLC Lost Light gleich mit dazubekommt.

Puzzle-Plattformer gibt's nun wirklich wie Sand am Meer, letzten Endes ist Candleman aber einer, der sich wirklich lohnt. Nicht so sehr aufgrund seiner eigentlich doch simplen Mechanik, viel mehr, weil er eine sehr märchenhafte Atmosphäre aufbaut. Die bleibt das ganze Spiel über erhalten, wenn sie auch am Ende zu keiner großen Auflösung führt. Candleman fühlt sich ein bisschen an wie ein postmodernes Kunstmärchen. Es will keine große Botschaft vermitteln, es möchte keine komplexe Geschichte erzählen, es will einfach zeigen, wie eine Kerze durch eine verlassene Welt läuft und mehr und mehr von ihr erhellt. Ich halte das für einen absolut legitimen Ansatz, der hier auch aufgeht.

Entwickler/Publisher: Spotlightor Interactive/Spotlightor Interactive, Zodiac Interactive - Erscheint für: PC, Xbox One - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsche Bildschirmtexte, englische Sprachausgabe - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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