Ich gebe zu, ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das hier schreiben soll. Dann wiederum: Nichts an diesem lustig gemeinten Artikel soll beschönigen, was für einen Fehler Ubisoft gerade begeht, wenn es Rainbow Six Siege für den Start in asiatischen Territorien auch global auf Parteilinie mit der Führung Chinas bringt.

Das ist gewissermaßen der umgekehrte Fall von der Selbstzensur von Spielen, wie wir sie bisher kannten, wenn einzelne Territorien ihre eigenen Versionen abseits der originalen, internationalen bekamen, um der jeweiligen Rechtsprechung zu genügen. Hier erhalten einfach alle rückwirkend die Version, die die Kommunistische Partei Chinas ihrer Bevölkerung als zumutbar erachtet. Ich kann trotzdem nicht viel mehr dazu sagen, als dass ich Ubisoft zwar verstehe - substanzielle Vereinfachung künftigerer Update-Prozesse durch spielerisch unerhebliche Änderungen -, die Aufregung darüber ist aber ebenso berechtigt und dürfte vermutlich noch lauter werden.

Ein User brachte es auf Reddit ganz gut auf den Punkt. Er befürchtet ganz richtig, künftige Designentscheidungen dürften durch diese Maßnahme beeinflusst werden. Eine Map in einem Casino? In einem Spiel, das jegliche Assoziationen mit Glücksspiel aus seinen Welten tilgt, undenkbar. Und das ist nur der Anfang. Im Grunde ist das zwar nur ein Problem, das lange laufende Multiplayer-Spiele betrifft. Aber der Gedanke einer weltweiten "kleinster gemeinsamer ideologischer Nenner"-Version macht doch schon Angst und Bange für die Zukunft, so lange nicht überall freie Meinungsäußerung herrscht. Dann wiederum: Ubisoft hat sich in der Vergangenheit mehrfach als guter Zuhörer bewiesen - und die Community ist in dieser Sache gerade unüberhörbar.

Hoffen wir also das Beste und kommen wir zum unterhaltsamen Teil - auch wenn wir in vielen Fällen erst heute darüber lachen können: Hier eine Auswahl der zehn seltsamsten, lächerlichsten oder manchmal auch nötigsten Selbstzensuren. Ich verspreche, es sind nicht nur Anpassungen für den deutschen Markt.

Bionic Commando und die Nazis

1
Im Westen dann Master-D: Der verdächtige Herr im Hintergrund.

Bionic Commando ist eine dieser 8-Bit-Ikonen aus der zweiten Reihe, bei der man nach etwas Recherche durchaus überrascht sein kann, dass das Spiel nicht originär so hieß (ein weiterer Kandidat findet sich ein Stück weiter unten in dieser Liste). Der echte Name der NES-Version wäre diesseits der 2000er, in Zeiten von Naziflugscheiben-B-Movies ein echter Knüller gewesen: Top Secret: The Resurrection of Hitler (zu Deutsch "Streng Geheim: Hitlers Auferstehung"). Dass das in gewissen westlichen Territorien in den tiefen Achtzigern noch nicht annähernd so locker aufgenommen werden würde, muss wohl auch Capcom klargewesen sein. Folglich flüchtete sich das Spiel auch in den USA komplett in Sci-Fi-Rambo-Territorium und wählte unverfänglichere, wenngleich immer noch erkennbare Entsprechungen, wenn es gegen die "Imperiale Armee" und ihren Anführer Master-D geht.

Mike Tyson's Punch-Out!! Bei den Anonymen Alkoholikern

In der ursprünglichen Arcade-Version von Punch-Out!! hieß der russische Champ noch Vodka Drunkenski. Man muss kein eifernder Political-Correctness-Priester sein, um diese Art Stereotyp dann doch ein wenig schräg zu finden. Und wenn es das nicht ist, herrschen in den USA immer noch arg puritanische Ansichten, wenn es um den Konsum von Alkohol geht. So oder so: Für die NES-Version schickte Nintendo den Haudrauf zum in die Entgiftungsklinik und ließ ihn schließlich als alkoholfreien Soda Popinski in den Ring steigen. Nur für alle, die schon immer irgendwie Probleme hatten, den Namen gedanklich herzuleiten.

Vodka Drunkenski in der Arcade-Version von Punch-Out!!

Contra vs. Probotector

Siehe Bionic Commando etwas weiter oben: Auch hier dürften uneingeweihte Europäer das eine oder andere Problem haben, ihr geliebtes Probotector mit der generischen Muskelmann-Ballerei in Einklang zu bringen, die einem die US-Packung unter dem Titel Contra verkaufen will - womit ich für den einen oder anderen vermutlich gerade die Frage geklärt habe, was über die Jahre eigentlich mit Probotector passiert ist. Nichts weiter, außer dass für die Änderungen am Charakterdesign irgendwann keine Not mehr bestand, weil Konami merkte, dass die Jugendschutzbestimmungen für traditionelle Actionspiele längst nicht mehr so streng sind wie in den Achtzigern.

2
Von links nach rechts: Gutes Charakterdesign, kein Charakterdesign.

Spielerisch machte es damals wie heute keinen Unterschied, aber trotzdem bin ich etwas melancholisch, wenn es um Probotector geht. Wer wird ernsthaft behaupten wollen, dass die Roboter nicht deutlich cooler waren? Für viele SNES-Fans von damals sind sie heute richtiggehend ikonisch und untrennbar mit diesem Spiel verbunden. Klar, das Packungsdesign der US-Version ist aufregender (unten rechts im Bild), aber die Charakter-Designs der EU-Version lösen bei mir heute wie damals wahnsinnige Lust aus, dieses Spiel endlich mal wieder einzulegen (mein SNES Mini schaut mich eh seit Tagen ohnehin wieder so aufreizend an).

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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