Frostpunk (PS4, Xbox One) - Test: Überleben in der Eishölle ist kein Zuckerschlecken

Zeit, für warme Gedanken.

Ich habe meine Lektion gelernt. Ich gab alles, um meine Mitbürger in dieser Eis- und Schneehölle bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich durchzubringen. Beschaffte ihnen Essen, sorgte für Unterkünfte und Sanitätsstationen, um die Kranken zu behandeln. Ich verzichtete auf Kinderarbeit, ließ die Leute ihren Glauben ausleben. Ich kam mit ihnen über die Runden, bis die Kohle ausging. Durch diesen Engpass versagte der Generator seinen Dienst, die Wärme wich der Kälte. Mit den Temperaturen im Lager sank die Stimmung, während die Unzufriedenheit kletterte. Bis sie mich am Ende von meinem Posten verjagten, einen anderen suchten, der sie anführt. Und mich in die eisige Kälte schickten ...

Mein erster Versuch in Frostpunk endete in dieser Katastrophe und ich bin zu 99 Prozent davon überzeugt, dass das so gedacht ist. Ich fühlte mich zu Anfang ein wenig erschlagen von all den vielen Systemen und den Möglichkeiten zur Verwaltung meiner Siedlung. Und das Spiel macht nicht die beste Arbeit dabei, sie euch in einem Tutorial ersichtlich zu erklären. Es gibt Hilfestellungen, die hätten aber besser und interaktiver sein können.

So habt ihr eher den Eindruck, dass euch das Spiel ins kalte Wasser wirft und schaut, ob ihr absauft oder spontan das Schwimmen lernt, um euch über Wasser zu halten. Der Einstieg fällt somit schwer, zugleich lernt ihr beim Spielen in jeder Minute. Auch wenn ihr beim ersten Versuch scheitert, nützt euch das bei eurem nächsten Anlauf. Ihr wisst dann, wir ihr die Dinge besser zu regeln habt, was ihr zuerst baut, worauf ihr euch stärker fokussiert und all das.

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Aller Anfang ist schwer. Vor allem bei -40 Grad. (Frostpunk - Test)

Dabei folgt es im Grunde einer simplen Formel: Haltet eure Siedlung und vor allem euren Generator am Laufen, das ist die halbe Miete in dieser postpokalyptischen Welt. Sie zeigt eine alternative Realität, in der die Erde sich nie vom Ausbruch eines Vulkans erholte, dessen ausgespuckte Asche in der Atmosphäre das Sonnenlicht verdeckte und die Temperaturen deutlich sinken ließ. Was weniger gut ist.

Das Endzeitszenario sorgt in diesem City Builder für das richtige Maß an Spannung. Entscheidungen und Konsequenzen treffen euch hier härter als in vergleichbaren Titeln, sie sind die Essenz dessen, was Frostpunk aus der Masse hervorstechen lässt. Statt -20 Grad sind es am nächsten Tag -40 Grad? Ihr habt die Möglichkeit, euren Generator im Kern der Siedlung mit doppelter Leistung laufen zu lassen - wenn ihr zugleich dafür sorgt, dass mehr Kohlenachschub kommt. Ansonsten gibt es absehbare Probleme. Darüber hinaus befasst ihr euch mit Forschung und entwickelt zum Beispiel neue Technologien und Upgrades, ebenso schickt ihr Teams zur Erkundung nach draußen, um wertvolle Rohstoffe und neue Einwohner zu finden.

Und als wäre es nicht schon schwierig genug, sich in dieser Eiswüste allein damit zu befassen, dass der Laden nicht zusammenbricht und für Nachschub gesorgt ist, melden sich die Bewohner noch regelmäßig zu Wort. Sie haben ihre Bedürfnisse, lassen euch wissen, wenn sie Nahrung benötigen, wenn es an Wohnraum mangelt. Hinzu kommen die Entscheidungen, die ihr trefft, wenn ihr neue Gesetze erlasst. Mischt ihr Sägespäne unters Essen, um die Nahrungsvorräte zu strecken? Wie sieht es mit der Kinderarbeit aus? Oder wie geht ihr mit Kranken um, denen Gliedmaßen amputiert wurden? Das sind definitiv schwierigere Entscheidungen, als ihr sie zum Beispiel in einem SimCity trefft. Wenn ihr dort bereits bei der Straßenplanung ins Schwitzen kommt, habt ihr hier Herzrasen. Und es gibt dabei kein Richtig oder Falsch, alles hat nachvollziehbare Vor- und Nachteile. Am Ende entscheidet euer Gewissen. Oder euer Bauchgefühl.

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Immer wieder trefft ihr Entscheidungen. (Frostpunk - Test)

Das Gute ist, dass ihr die zu erwartenden Auswirkungen direkt präsentiert bekommt. Und nehmt es nicht auf die leichte Schulter. Ab und an ist es erforderlich, Dinge zu tun, die in anderen Situationen nicht infrage kämen. Wisst ihr, dass ein Sturm naht, dann lasst ihr die Arbeiter Extraschichten schieben, um gerüstet zu sein. Frostpunk verlockt euch dazu, Risiken einzugehen. Risiken, die sich unter Umständen lohnen. Wenn ihr es damit nicht übertreibt, denn es lauert im Hintergrund immer die Gefahr, dass was schief geht und alles eine dramatische Wendung zum Schlechten nimmt.

Da das hier somit nicht euer üblicher City Builder ist, erfordert es bis zu einem bestimmten Grad Frustresistenz von euch, wenn ihr mehrmals scheitert und neue Versuche wagt, ohne das Handtuch zu werfen. Am Ende lohnt es sich und beschert euch ein umso größeres Erfolgserlebnis, wobei euch die Kampagne für zirka zehn Stunden beschäftigt. Im Anschluss daran habt ihr die Option, es erneut zu wagen und besser zu machen als zuvor. Oder ihr absolviert drei Bonusmissionen, die nicht ganz so lang sind wie die eigentliche Kampagne und euch auf neuen Maps mit individuellen Zielen zu neuen Abenteuern anspornen. Alternativ schaut ihr, wie lange ihr im Endlosmodus durchhaltet.

Technisch ist die Konsolen-Umsetzung gut gelungen. Sie läuft flüssig und ich hatte beim Spielen keinerlei Probleme. Das erdachte Steuerungskonzept für den Controller erfüllt seinen Zweck, wenngleich ich mir hier und da ein paar mehr visuelle Hinweise und Hilfestellungen gewünscht hätte.

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Stück für Stück erkundet ihr die Welt um eure Siedlung herum. (Frostpunk - Test)

Schönheit spielt in diesem Spiel keine Rolle. Wo ihr in Cities Skylines oder SimCity danach strebt, eurem inneren Architektendrang nachzugeben und schöne Städte zu errichten, geht es in Frostpunk um brutale Effizienz. Das Überleben steht auf dem Spiel und ihr tut das, was dafür nötig ist. Und von Zeit zu Zeit erfordert das Entscheidungen, die euch nachdenken, euch abwägen lassen - vereinzelt mehrere Minuten lang. Beißen euch Dinge, die das Potenzial dazu haben, euch kurzfristig zu helfen, langfristig in den Hintern? Mit solchen Fragen beschäftigt ihr euch in diesem Spiel. Eines, das nicht einfach ist, das euch fordert. Das euch aber zugleich eine einzigartige, spannende City-Builder-Variante offeriert. Wer all die anderen Vertreter des Genres wie seine Westentasche kennt und nach was Neuem sucht: Ergreift die Chance und beweist euch als Krisenmanager in der Eis-Apokalypse!

Entwickler/Publisher: 11 bit Studios - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 29,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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