Atari kombiniert Blockchain, alte Glorie und die Hoffnung, dass Retro-Sammler wahnsinnig sind

Vielleicht bin ich auch nur alt.

Atari ist und wird immer ein legendärer Name sein. Für seine Erfolge - hauptsächlich das 2600 und eine Reihe alter Homecomputer wie der ST - und seine Niederlagen. Derer gibt es zahlreiche: Das E.T.-Fiasko, praktisch alles, was um den Jaguar drumherum passierte, viele Spiele für den Jaguar und mehr oder weniger alles, was im Anschluss passierte. Nicht, dass Atari über die folgenden Jahrzehnte nicht eine ganze Reihe nette Games als Publisher herausgebracht hätte, aber der Schwund an Relevanz von immerhin noch ein wenig davon, bis runter zum Retro-Logo auf einem T-Shirt als Hipster-Zierde zeichnet eine klare Kurve des Misserfolgs. Immerhin, mit Rollercoaster Tycoon hat man noch eine nette Reihe am Laufen, die nicht auf verklärten Erinnerungen aus den 70ern aufbaut.

Um genau diese verklärten Erinnerungen dreht sich aber ihr neuestes Business-Abenteuer und ich musste es dreimal lesen. Nicht unbedingt, weil ich es nicht verstanden habe, sondern um mich zu vergewissern, dass das kein Witz ist. Also, es ist ein Witz, generell gesprochen, aber es dreht sich um echtes Geld, Lootbox-Charakter, High-End-Krypto-Technologie und die Hoffnung, dass Atari-Sammler komplett durch den Wind sind. Das alles und Sammelkarten. Nicht im Sinne von Magic: The Gathering, mehr in Richtung von Baseball-Karten. Nur digital.

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Zumindest ist es hübsch gemacht. Je nach Seltenheit drehen sich die Boxen, glänzen goldig oder zeigen kurze Spiel-Szenen.

Die Idee ist, dass es eine limitierte Zahl digitaler Sammelkarten mit alten Atari-Box-Covern gibt. Wobei ich nicht sicher bin wie limitiert oder ob am Ende überhaupt wirklich limitiert. Jedenfalls kauft ihr einen Booster-Pack für 10 Euro mit zehn Karten. Oder mehr Karten, wobei es dann minimal billiger wird, 50 Karten für 40 Euro zum Beispiel. Diese rein digitalen Karten sind in verschiedene Kategorien von "Common" bis "Ultra-Rare" eingeteilt, um die im Kartengeschäft übliche Terminologie zu benutzen. Ihr klickt auf euren Pack, um ihn zu öffnen, seht, was an alten Atari-Games-Cover-Bildchen ihr bekommen habt, wie selten diese sind und packt sie in euer ebenfalls rein digitales Sammelalbum. Wo ihr sie dann angucken könnt, falls ihr zu ahnungslos seid, um Moby-Games anzusurfen und euch dort alle Cover der Welt anzusehen.

Das allein wäre aber zu durchsichtig bescheuert, also peppt man die Idee mit Blockchain-Technologie auf. Jede Karte hat ihre eigene Blockchain-Kodierung, um sie eindeutig zu markieren und die Tausch-Historie zu markieren. Ihr könnt die Karten nämlich wie richtige Sammelkarten auch tauschen und sicher auch verkaufen, auch wenn ich nicht weiter ergründet habe, wie das funktioniert. Diese Einzigartigkeit soll den digitalen Karten einen Wert geben, den eine reale seltene Karte hat und eine individuelle Historie für eine Karte aufbauen.

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Die aktuell seltenste Kategorie klappt auf und zeigt kurze Spielszenen.

Ich bin durchaus Enthusiast, wenn es darum geht, sich mit in unserer Zeit eher irrelevanten physischen Objekten zu umgeben, eine kleine aber feine Sammlung an Büchern, Schallplatten und natürlich alten Spielen und Technik zeugen davon. Man fragt sich schon, woher manche Dinge kommen, welche Wege sie nahmen, bevor sie in die eigene Sammlung kamen und so eine Blockchain-Historie wäre sicher manchmal ganz witzig, manchmal langweilig. Aber der rare Wert dieser Dinge besteht darin, dass es eine physisch limitierte Anzahl von ihnen gibt, dass nicht mehr von ihnen kommen werden und ihr inhärenter Sammlerwert - wie hoch auch immer - nicht wirklich reproduzierbar ist, sondern natürlich entsteht. Selbst der Müll, den Limited Run für Unsummen verkauft, fällt in diese Kategorie.

Sehe ich es falsch, dass eine digitale Sammelkarte mit elektronischem Fingerprint nur eine dumme, traurige Kopie dieses physischen Originals ist? Kann ein ultra-rares digitales Bild den Wert der physischen Box eines alten Spiels erreichen, emotional wie monetär? Denke ich hier veraltet und Atari ist nur einer der Vorreiter? Wird ein vollständiges "Atari-Cover-Album" den gleichen Stand haben, wie ein im Regal vergessenes Panini-Album zur 74er-WM?

Hier jedenfalls könnt ihr euch das Ganze selbst angucken.

(Und ja, ich weiß, dass Steam zum Beispiel seit Jahren "Sammelkarten" hat, aber diese zähle ich nicht, da sie nur als kleines Goodie zu den Spielen gereicht werden und nicht für sich selbst stehen.)

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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