Lawn Mowing Simulator erinnert mich, warum ich keinen "richtigen" Beruf ausübe

Muss ich wirklich?

Womit habe ich das verdient!? Ah, stimmt. Mit zwei kurzen Absätzen in der vorletzten Ausgabe meiner Kolumne Alt+F40, in der ich dem Lawn Mowing Simulator kurz nach seiner Ankündigung die Existenzberechtigung absprach. Dem Mann über mir, Martin, signalisierte das zweierlei. Erstens: Ich war der schlechteste Kandidat, über das Spiel zu schreiben. Und zweitens: Ich war der beste Kandidat, über das Spiel zu schreiben. Ein Spannungsfeld, in dem häufig die interessantesten Texte entstehen, das muss ich zugeben.

Puh... Diesmal trifft es eben mich. Gehört zum Leben dazu. Wie einen Löffel Joghurt zu schlucken und dann erst den Schimmel am Deckel zu sehen. Oder wie ein vorgehaltenes Messer mit anschließender Portemonnaie-Übergabe auf dem Weg von der Bar nach Hause. Nur sind diese Dinge meist schnell vorbei. In Lawn Mowing Simulator dauert mein erster Rasen schon eine geschlagene Viertelstunde.

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Muss ich wirklich!?

Hach, das war jetzt ein bisschen ruppig, oder? Ich sollte vielleicht vorweg die Entwickler in Schutz nehmen. Das hier ist ein vollkommen funktionales, nicht einmal schlecht aussehendes Produkt von Leuten, die eindeutig wissen, wie man ein prinzipiell tadelloses Videospiel auf die Beine stellt. Das ist ein beeindruckenderer Akt, als ich jemals geleistet habe (nein, nicht einmal der The Crow nachempfundene Schülerparty-Flyer, den ich in der elften Klasse gezeichnet habe, kommt da heran) und ich werde niemals müde, mich für die Entstehungsgeschichten dieser kleinen Wunder zu begeistern, die man Videospiele nennt. Aber ich bin schlicht nicht sicher, ob man Rasenmähen auf irgend eine Weise packend simulieren könnte.

Aber das ist es eben, nicht wahr? Rasenmähen wird frühestens dann aufregend, wenn man in "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft"-Manier als miniaturisierter Mensch vor den Klingen eines ratternden Gardena PowerMax wegrennen muss. Wirklich Rasen zu mähen, mit einem Aufsitzer, erschöpft sich nun mal darin, mit maximal achteinhalb Stundenkilometer in Kreisbahnen einen Garten entlangzufahren und ab und zu den Auffangkorb zu leeren. Darüber ein Spiel zu machen - selbst mit den funktionalen, aber trockenen Management-Elementen hier, bei denen man Garten um Garten ein bisschen mehr Geld verdient, um neue Aufsitzer und Angestellte ranzuschaffen - ist einfach keine gute Idee.

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Ernsthaft, ich kann fast fühlen, wie meine Gesäßbacken von den Vibrationen langsam taub werden.

Ich verstehe es trotzdem: Die anhaltende Simulations-Craze sichert anscheinend immer mehr Twitch- und Youtube-Zuschauer, je absurder die Gamifizierung einer Alltagstätigkeit ist. Tatsächlich läuft in meinem Kopf gerade das Filmchen, das ich problemlos von mir selbst drehen könnte: Lawn Mowing Simulator am Spielelaptop. Zu Hause. Im fast kniehohen Gras, das die Spielzeuge unserer Jungs nach und nach zu verschlingen droht. Und ich möchte meinem gedanklichen Ich für vier Wochen die Bierprivilegien dafür streichen ("dann gibt's halt nur Kölsch!" - ha!). Meine Frau hätte da wahrscheinlich Drakonischeres im Sinn.

In der Zeit, in der man einen Rasen in LMS kürzt, komme ich durch unseren eigenen mit Leichtigkeit durch. Und ich schiebe noch selbst, muss zum Leeren wirklich zur Biotonne rennen. Im echten Leben kann ich sogar "speichern", eine Pause machen und später den Rest wegruppeln. In Lawn Mowing Simulator geht das nicht. Mit Blick auf Aufträge, für die das Spiel 45 Minuten empfiehlt, eine absolute Horrorvorstellung.

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Tötet mich!

Dabei will ich dem Spiel und dem monotonen Röhren der Benzinmotoren nicht einmal eine gewisse hypnotische Qualität absprechen. Klar, der eigentliche Sound, wie die Klingen das Grün stutzen, könnte ein wenig besser durchkommen. Aber je länger ich auf diesen Ratterkisten so meine Runden drehe, desto penibler achte ich darauf, dass sich die Bahnen schön überlappen und kein verirrter Halm stehen bleibt.

Das sind Momente, in denen man immer wieder merkt: Das Spiel lullt mich ein, hat ein paar Mal fast über mich triumphiert. Irgendwo unter den 92 Dezibel schierem Krach muss eine Gedankenkontrollfrequenz versteckt sein. Vermutlich lege ich mich am Ende dieser paralysierenden Antistimulation reglos ins Gras, auf dass mich mein Stiga 2084 H langsam überrollt. Ist es komisch, wenn ich in diesem Moment daran denken muss, dass ich besser den Knight OFS1 mit Mulcher gekauft hätte?

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Ein Fest für Zwangsneurotiker!

Ich habe in der Vergangenheit häufig Spiele gescholten, die meine Zeit nicht respektieren. Tatsächlich tue ich das immer häufiger, je älter ich werde. Bei zwei Kindern kommt man mit Haushalt und Garten nur gerade so hinterher und jetzt sitze ich hier und tue so, als würde ich rasenmähen. Die Rasen anderer Leute noch dazu. Leute, die nicht existieren. Es ist der blanke Hohn, nur eben sauber programmiert und gar nicht hässlich gestaltet.

Gleichzeitig ... und das klingt jetzt sicher komisch ... bin ich auch ein bisschen dankbar für die Erinnerung, wie wertvoll meine Zeit ist, und daran, wie glücklich ich mich schätzen kann, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Mh... Vielleicht hat der Lawn Mowing Simulator doch seine Existenzberechtigung.

Lawn Mowing Simulator erscheint am 10. August auf PC und Xbox, damit ihr auch im Herbst und Winter noch Rasen mähen könnt!

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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