NIER

Was in Japan passiert, bleibt in Japan

Das ist also der westliche Ansatz von Square Enix. Ich glaube, die Firma sollte das ganze „Let´s Go West“-Gedöns noch einmal überdenken und hat am Ende hoffentlich nicht viel Geld für das marketingtechnische Heranschmusen an den Westen bezahlt. Nach was auch immer NIER, das kommende Werk der Bullet-Witch-Macher Cavia, noch so aussieht, seine Herkunft aus dem Land der aufgehenden Sonne kann es beim besten Willen nicht verbergen. Dafür reicht es sicher nicht, einfach nur den Helden mal nicht 15 sein zu lassen und ihm eine tiefe Stimme zu geben.

Trotzdem, es bleibt eine nette Abwechslung, dass der namensgebende Held NIER – ganz normaler Name, ganz klar angelsächsisch, Süd Sussex würde ich sagen – ein reiferes Alter erreicht hat. Ungefähr 1.300 Jahre scheint der Mann auf dem Buckel zu haben, ohne dass er sich von seinem Dolph-Lundgren-meets-The-Warlock-Look hätte verabschieden müssen. Er war dabei, als im Jahr 2049 die Welt den Bach runterging. Eine große Seuche machte sich breit, aber dank der Gentechnik oder anderer toller Technik fand man schnell ein Wunderheilmittel. Dieses funktionierte so gut, dass es die Bahn für eine noch größere Epidemie freimachte, the Black Scrawl – lose übersetzt die schwarze Kritzelei. In kürzester Zeit verwandelte sich ein Großteil der Menschheit in eine Art Dämonen.

Deren Artdesign dürfte eines der großen Highlights sein, wirken die menschenförmigen Biester, die sich scheinbar aus wabernden Blättern zusammensetzten, doch ausgesprochen beunruhigend. Als NIER 2050 auszieht, kümmern ihn diese Wesen aber nur am Rande. Er sucht eine Heilung für seine kranke Tochter. Und dass er eine Aufgabe wirklich ernst nimmt, wird schnell klar. Nach über 1.300 Jahren ist er immer noch auf der Suche. Dass die Welt sich inzwischen eigentlich nur noch aus Dämonenhaufen mit kleinen menschlichen Restenklaven zusammensetzt, hält ihn dabei nicht auf.

Um noch mal einen Blick auf das Design der Optik zu werfen, kann man sagen, dass die Bösewichter beim bisher zu sehenden der Höhepunkt sind. Ihre Umgebung wirkt zwar nicht tot, nicht direkt schlecht aber auch irgendwie nicht fertig. Es hilft sicher nicht, dass es sich hier mal wieder um einen Japaner ohne Antialiasing zu handeln scheint, aber das dürfte nur ein Teil des Problems sein. Die Welt wirkt ein ganz klein wenig wie Bullet Witch, wenn man diesen Vergleich wirklich nur auf den Gesamteindruck bezieht: Schon hübsch und prinzipiell nicht schlecht designed, aber irgendwie doch zu steril. Man wird sehen, ob das fertige Spiel diesen aus zugegebenermaßen kurzen Impressionen gewonnenen Eindruck widerlegen kann.

Nier - Xbox 360 Trailer

Was den Release angeht, gibt es sicher eine Besonderheit. Während bei uns nur NIER in den Handel kommt, werden in Japan zwei Spiele im Regal stehen. NIER Gestalt erscheint für die 360 und die PS3, das aber nur im Westen. Im Japan handelt es sich um einen 360-Exklusivtitel. PS3-Spieler kaufen dort NIER Replicant. In dieser Fassung ist das kranke Mädchen dann die Schwester und NIER selbst ein gutes Stück jugendlicher. Beide Titel spielen definitiv in der gleichen apokalyptischen Welt und es ist ein wenig unklar, ob und, wenn ja, wie weit sich die Handlungen von Gestalt und Replicant unterscheiden werden. Es sieht allerdings schwer danach aus, dass es letztlich ein und dasselbe Spiel sein könnte, dass man einfach nur regionalen Geschmäckern anpasste. Älter und rauer für die USA, jugendlich für Japan. Und eine Sache bleibt mit Replicant definitiv den Japanern vorbehalten. Ich weiß wirklich nicht, wo ich das so genau verbuchen soll: Prüde Zensur, kulturelle Rücksichtnahme, Feigheit oder doch tieferer Sinn.

Nur im Japan-only Replicant ist NIERs ausgesprochen weiblich wirkender Sidekick Kaine nicht einfach nur die leicht geschürzte Metzelmagd an seiner Seite. Für Replicant-Spieler ist es eine Metzel-Hermaphrodite. Solltet ihr nicht wissen, was sich hinter dem Wort verbirgt, lest hier im ersten Zitat nach. Als wäre das für ein Videospiel nicht skurril genug, wurde Kaine durch die Bessenheit eines Dämons zum Geschlechtszwitter. Ich hab keine Ahnung, wie groß die intersexuelle Community der Welt so ist, aber an ihrer Stelle wäre ich milde beleidigt, wenn man diesen Zustand auf Dämonenbessessenheit schiebt.

Klingt mehr nach etwas, was die Kirche im Jahr 1400 verbreitet hätte. Der Sinn des Ganzen erschließt sich mir eh nicht ganz, schließlich wird Kaine wohl kaum den Bikini fallen lassen. Aber Schwamm drüber, es ist ja nur ein Spiel und in Europa kriegen wir offiziell eh nichts von diesen seltsamen Doppelleben NIERs mit. Eine andere scheinbare Eigenschaft des Dämonenkontakts bekommen wir allerdings doch geliefert: Kaine flucht wie ein beleidigter Kesselflicker.

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Über den Autor:

Martin Woger

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Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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