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Everreach: Project Eden gehört in seiner jetzigen Form eigentlich noch in den Early Access

Der Weg ins Paradies ist beschwerlich.

Im Grunde ist Everreach: Project Eden ein nettes, kleines Sci-Fi-Spiel, das ich gerne mehr mögen möchte, als ich es aktuell tue. Wenn es sich nicht alle Mühe dabei geben würde, mir das schwer zu machen. Zum einen sehe ich hier Potenzial zu mehr. Und zugleich, dass dieses Potenzial nicht ansatzweise zur Geltung kommt. Warum? Es wirkt unfertig. Mehr wie ein Spiel, das in der Form in den Early Access gehört und nach drei, vier Monaten oder einem halben Jahr weiterem, umfassendem Feinschliff bereit zur Veröffentlichung ist - und nicht in der jetzigen Form als "fertige" Verkaufsversion im Angebot sein sollte.

Und das, obwohl die Entwickler es im September um mehrere Monate nach hinten verschoben. Zeit, in der - so nehme ich an - Feinschliff auf dem Programm stand. Nicht genug, wie sich jetzt zum Release zeigt. Um kurz die Geschichte anzureißen: Ihr spielt Nora Harwood, Anführerin einer Sicherheitseinheit der Nova Corporation, die Außenposten auf dem Planeten Eden errichtet hat. Dort bricht eine Meuterei aus und eure Aufgabe ist, die Angelegenheit zu untersuchen und für Ruhe zu sorgen.

Spielerisch geht Everreach im Ansatz ein wenig in Richtung Mass Effect. Die Betonung liegt dabei auf "im Ansatz". Ich wäre froh, ließe es sich so vernünftig spielen. Ihr lauft in der Third-Person-Perspektive durch die Level, habt später verschiedene Fähigkeiten, sammelt Skillpunkte und verbessert euren Charakter - was eher geringe Auswirkungen hat.

Ihr könnt nicht durch die freien Flächen zwischen dem Stahl hindurch schießen. Und das im Jahr 2019.

In der Theorie klingt das ganz vernünftig, oder? Wenn doch nur das Gunplay nicht so grausig und problematisch wäre. Um beim Vergleich mit Mass Effect zu bleiben: Dort merkt ihr den Waffen ihre Wucht an, unter anderem hinsichtlich des Trefferfeedbacks und der zugehörigen Sounds. Hier klingt das nicht allein schwach, das Feedback ist miserabel - das gilt für Treffer, die ihr austeilt, wie auch für die, die ihr einsteckt. Obendrein ist die Steuerung extrem schwammig - ein K.o.-Kriterium für ein solches Spiel - und Anpassungen der Sensitivität (was nicht enorm hilfreich ist), die standardmäßig auf dem maximalen Wert steht, muss ich bei jedem Spielstart erneut vornehmen.

Der Knackpunkt an der ganzen Sache ist zudem, dass Feinde enorm tödlich sind. Seid ihr unvorsichtig, liegt ihr innerhalb von Sekunden tot am Boden - im Gegenzug stecken sie viel mehr ein. Ein Deckungssystem würde hier Wunder wirken, gibt es aber nicht. Das allein ließe die Kämpfe in einem viel besseren Licht erscheinen. Hinzu kommt eine merkwürdige KI. Zum einen registriert sie euch in manchen Situationen in der Sekunde, sobald ihr in Schussreichweite kommt - sogar dann, wenn sie mit dem Rücken zu euch durch die Landschaft marschiert. Bei anderen Gegebenheiten reagiert sie darauf nicht oder marschiert im Kampf schnurstracks auf euch zu.

Bei diesem Kampfsystem ist es in der aktuellen Fassung einfach am besten, wenn ihr versucht, Feinde auf so große Distanz wie möglich auszuknipsen. Sucht euch eine Deckung, hinter der ihr hervorlugen und schießen könnt. So lauft ihr keine Gefahr, dass euch Feinde schnell mit Kugeln durchlöchern und zum letzten Speicherpunkt zurückschicken - freies Speichern gibt es hier ebenso wenig. Ihr landet zwar nie weit zurück, doch Frust kommt angesichts der Unzulänglichkeiten beim Gameplay schnell auf. Betet daher, dass keiner der Feinde so weit in eure Richtung marschiert, dass er für mehrere Sekunden ein freies Schussfeld hat.

Das Spiel hinterlässt den Eindruck, als hätten die Entwickler die Phase des Feinschliffs und Balancings nahezu komplett übersprungen. Störende Bugs gab es bisher zum Glück nicht.

Ihr lauft indes durch die Level, immer auf dem Weg zur nächsten Zielmarkierung. Abseits der Hauptaufgaben gibt es wenig zu tun, es sei denn, ihr öffnet ein paar herumstehende Kisten. Die bescheren euch Munition sowie Material für Upgrades, sie aufzuspüren lohnt sich, was nicht schwer ist. Zum Zustand des Spiels passen darüber hinaus die Abschnitte, in denen ihr ein Hoverbike fahrt. Es steuert sich nicht intuitiv und schnell, vielmehr schwerfällig und frustrierend. Schwebt eine Drohne vor euch herum, schießt ihr sie mit der automatischen Zielerfassung ab, auf menschliche Feinde könnt ihr damit nicht feuern - einfach weiterfahren und hoffen, dass sie euch nicht vom Hoverbike ballern. Extra frustrierend gestaltet es sich zum Teil dadurch, dass das Hoverbike enormen Schaden nimmt, wenn ihr ein wenig gegen einen Felsen rammt. Was in Fluchtsituationen nicht unwahrscheinlich ist.

"Ungeschliffen" ist ein Wort, das mir in jeder Minute in den Sinn kommt, in der ich Everreach spiele. Es zieht sich von Anfang an wie ein roter Faden durch das Spiel. Vom erwähnten Gun- und Gameplay bis hin zur technischen Seite und der zum Beispiel lächerlich geringen Sichtweite - auch auf der Xbox One X -, den Zwischensequenzen und Gesprächen und vielen anderen Details. Dinge wie Szenenwechsel erscheinen viel zu hastig, Bewegungen wirken unnatürlich, die Kamera wackelt komisch. Warum bewege ich mich geduckt in manche Richtungen schneller als in andere? Warum bleibt die Protagonistin wie verwurzelt stehen, wenn sie ihre Waffe zieht? Hat sich einer mit der Spielbalance beschäftigt? Wissen die Entwickler, was eine gute Dialogregie ausmacht? Ich stellte mir beim Spielen viele Fragen dieser Art.

Es könnte ein solides Spiel sein, doch dazu ist weitere Arbeit nötig.

Das Beste, was ich bis jetzt über Everreach: Project Eden sagen kann, ist, dass es funktioniert. Und dass darin Potenzial schlummert. Das Problem des Spiels ist, dass es sich anfühlt wie ein Early-Access-Titel: Ungeschliffen, unfertig, wie eine Beta. Was es aber nicht sein sollte, denn es ist als vermeintlich fertiges Spiel zum Download verfügbar. Ich bin überzeugt, dass sich viele der Problembereiche mit Patches deutlich verbessern ließen und ich hoffe, dass die kommen. Verdient hätte es Everreach. Denn es sind keine Bugs, die hier das Spielvergnügen stören. In seiner jetzigen Fassung fehlen ihm einfach noch mehrere Monate an Feinschliff. Dann käme dabei unter Umständen ein solides Spiel heraus. Warten wir ab, ob das passiert.


Entwickler/Publisher: Elder Games/Headup - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 24,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: Englisch - Mikrotransaktionen: nein


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Benjamin Jakobs

Leitender Redakteur News

Benjamin Jakobs ist Leitender Redakteur, seit 2006 bei Eurogamer.de und schreibt News, Reviews, Meinungen, Artikel und Tipps.

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