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Game of Thrones House of the Dragon geht volles Risiko in Folge 6

Rhaenyra, bist du es?

Ich wusste, dass es irgendwann passieren würde, aber wie kompromisslos und ohne Anlauf House of the Dragon mit Folge sechs seinen signifikanten Zeitsprung hinlegen würde, das hat mir schon ein kleines Schleudertrauma verpasst. Zwischen der fünften und sechsten Episode vergehen, von uns ungesehen, satte zehn Jahre.

Erzählerisch wird das, wie von dieser Serie gewohnt, lapidar behandelt. Hier ein paar Kinder mehr, dort ein paar kosmetische Falten oder dünneres Haar. So und nicht anders muss man das wohl machen. Aber einige zentrale Figuren werden komplett durch neue Darsteller ausgetauscht und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass das sofort bei mir funktioniert hätte. Gerade Rhaenyra, Alicent und Laenor sehen ihren jüngeren Versionen kaum ähnlich. Darüber konnte ich mit der Zeit aber hinwegsehen, da insbesondere Raenyras Umbesetzung, Emma D’Arcy, eine angemessene Intensität für eine erwachsen gewordene Thronfolgerin mitbringt, die bestens zu ihrer Rolle passt.

Das ist wohl nicht gemeint, wenn man sagt, dass die Geburt eines Kindes einen verändert.

Auch Olivia Cooke, die in Slow Horses auf Apple TV zuletzt eine fantastische Figur machte, ist besetzungstechnisch ein Glücksgriff, der es zügig vergessen macht, dass Alicent letzte Folge noch komplett anders aussah. Dann wiederum verändert Hass und Missgunst nicht nur die Seele, sondern oft auch das Äußere und davon liegt bei Hofe mehr als genug in der Luft. Vor allem Alicent – nun in steter Begleitung des geprellten Rhaenyra-Liebhabers Kriston Kraut (Criston Cole) – und die kontroverse Targaryen-Thronerbin sind sich spinnefeind. Interessanterweise in erster Linie wegen der Positionen, in die ursprünglich zwei Männer brachten, ihre Väter. Zehn Jahre nach Folge fünf sind sie zwar schon ein gutes Stück entfernt davon, selbst unschuldig in der Sache zu sein. Eine interessante Facette ist es dennoch.

So oder so: Der Wechsel der Darsteller wird für Immersionsschluckauf sorgen, den einige Zuschauer und Zuschauerinnen besser wegstecken werden als andere. Zumal auch viel Charakterentwicklung übersprungen wird. Die heimliche Beziehung zwischen Rhaenyra und Harwin Kraft zum Beispiel, aus der zu Beginn der Episode gerade der dritte Sohn hervorgeht, über dessen mangelnde Ähnlichkeit zum Prinzgemahl sich der Hofstaat das Maul zerreißt. Und auch Daemon erwartet gerade sein drittes Kind mit Drachenreiterin Laena Valeryon. Kurzer Einwurf: Selbst als Kreißsaal-gestählter Vater zweier Kinder finde ich fast jede Geburtenszene in House of the Dragon dermaßen unangenehm und von finsteren Vorahnungen verhangen, dass ich mich über einen Geburtenrückgang im Jahr nach dieser Serie nicht wundern würde.

Ade, Harwin Kraft, wir kannten dich nicht gut genug.

Wir treffen Daemon in einer Zeit, in der seine offenkundige Zähmung durch Laena gerade neuen Spannungen unterworfen wird. Man kann die Uhr für einen erneuten Ausbruch des einst so unberechenbaren Königsbruders förmlich ticken hören. So wie sie im Schatten des Verdachts auch für Rhaenyra bei Hofe tickt: Die geheime Entehrung des Thrones und ihre unrechtmäßigen Nachkommen stellen zunehmend ihre Position infrage, was die einstigen besten Freundinnen angesichts von Alicents sichtlich mehr nach Targaryen aussehenden männlichen Nachkommen mit König Viserys noch mehr auf Konfrontationskurs bringt. Es wird noch wahnsinnig hässlich werden.

Nicht, dass es das nicht schon wäre, aber bei Alicent dürften jetzt wohl letzte Hemmungen fallen, nachdem Larys ihre Abneigung gegenüber Rhaenyras und Harwins empfundener Sündhaftigkeit als Aufforderung zum Mordkomplott verstanden hatte. Lyonell und Harwin sind nach dem Brand in Harrenhal jedenfalls Geschichte, was ich schade finde, denn von Harwin hätte ich gerne mehr gesehen. Der Umgang mit seinen unehelichen Kindern ließ zumindest auf keinen komplett verdorbenen Charakter schließen. Sei es, wie es sei. Larys dürfte den Anschlag so oder so beabsichtigt haben, aber wenn Alicent jetzt ihre Hände ohnehin schon als blutbefleckt empfindet, bahnt sich die nächste Eskalationsstufe wie von selbst an.

Kriston Kraut als enttäuschter Liebhaber Rhaenyras ist er ein gefährlicher Gegner.

Es liegt auch in ruhigen Szenen von House of the Dragon eine ganze Menge unangenehmer Spannung und so langsam könnte ich mal ein paar Szenen der Leichtigkeit oder Sorglosigkeit vertragen, von denen es in Game of Thrones zuvor immer reichlich gab. Ich bezweifle, dass House of the Dragon in der Stimmung ist, sie mir zu geben. Die Serie hat sich klar positioniert, als das hässlichere, gemeinere Game of Thrones und dass ich beginne, das zu mögen, gibt mir ein bisschen zu denken. Sehr gutes und forderndes, weil kompliziertes Fernsehen, das mit seinem Darsteller- und Darstellerinnen-Tausch hoffentlich nicht zu viele Fans abschüttelt.

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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