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NBA 2k7

Korbjagd par excellence

Es muss schon eine tolle Sache sein, für Visual Concepts zu arbeiten. Die Mannen hinter Take 2s NBA 2k-Reihe leben, essen und atmen Basketball und besitzen einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie legten bereits das bestmögliche Fundament für die akkurate Simulation der NBA. So können sich die Entwickler in aller Ruhe dem Feintuning der ohnehin schon tadellosen Engine widmen, ohne sich - und ich nenne da jetzt mal keinen Namen - Jahr auf Jahr einen fetzigen Namen für eine halbgare Neuerung ausdenken zu müssen.

Ebenso wie Konami Tokio haben die Kalifornier „ihren“ Sport nämlich auf elementarer Ebene verstanden, ihn im Laufe langjähriger Analysen in seine Einzelteile zerlegt und aus diesen Erkenntnisbausteinen eine Simulation gebastelt, die sich „richtig“ anfühlt, ihrem Vorbild gleicht wie ein Ball dem anderen. Schon die Aufschlüsselung der Athleten in die wichtigsten Spielerattribute hätte ich mit 15 jähriger Real-Life-Vereinserfahrung nicht besser treffen können. Mit der Zeit ergänzten noch unterschiedliche Spielerschläge (samt eigener Animationen) und deren tendenzielles Verhalten auf dem Feld das Erscheinungsbild und Leistungsprofil der digitalisierten Basketballer – eine Entwicklung, die nun in NBA 2k7 auf der Xbox 360 ihren vorläufigen Höhepunkt findet.

Vorspiel

Schweißtreibend: Die harten Post-Up Duelle sind einer der Höhepunkte des Spiels.

„Höhepunkt“ nicht deshalb, weil das aktuelle Spiel einer Serie zwangsläufig immer das Beste wäre. Sondern weil NBA 2k7 dem Spieler zeigt, was er von der Next Generation erwarten kann und wie die Spiele von morgen von erhöhter Rechenpower profitieren sollten. Dabei geht es nicht einmal um den Begriff des Fotorealismus, der seit Beginn der Berichterstattung zur ersten PlayStation eine Art grafischen Superlativ darstellt.

Diese viel beschworene Standbild-Lebensechtheit verpasst auch 2k7 knapp. Macht aber nichts, denn die Gebrüder Yerli (Denker und Lenker von Crytek) haben vollkommen Recht, wenn Sie davon sprechen, dass die Maxime in Zukunft „Bewegungsrealismus“ lauten muss: Die Glaubwürdigkeit von Animationen, Masse und Bewegungsmoment der Figuren, sowie deren Zusammenspiel mit ihrer Umgebung erwecken das Bildschirmgeschehen zum Leben. In diesem Bereich trennen uns zugegebenermaßen noch einige technische Schluchten und Steilhänge vom animatorischen Gipfel. Visual Concepts nahmen diese Herausforderung aber an und treiben mit NBA 2k7 ein messerscharfes Steigeisen in den Gletscher.

Ob Spielzugansage des Playmakers, giftiger Crossover, lässig nach vorne trabender Center oder zähes Deny-Ringen im Low Post - mehr und vor allem lebensechtere Animationen waren noch nie auf einem Screen versammelt. Wirklich beeindruckend, wie auch im Treiben abseits des Balles und in den Bewegungen der Jerseys einhundert Prozent Detailtreue stecken. Nur noch selten tritt der „Staubsauger-Effekt“ auf, bei dem ein Ball von den Händen eines Spielers angezogen zu werden scheint und auch die Übergänge riskanter Dribbelmanöver in einen Schuss, Dunk oder Korbleger waren nie fließender. Vor ein paar Jahren noch undenkbar, wurden nun die Schussanimationen von über 200 namhaften NBA-Spielern per Motion-Capturing-Verfahren nachempfunden. So bedarf es weder HUD-Einblendungen noch der Hilfe des Kommentators um den ansatzlos, aber seltsam hopsenden Schützen der Suns als Shawn Marion zu identifizieren. Hier offenbart sich ein nie gesehener Individualismus der Feld-Akteure, der die 2K-Reihe um eine weitere interessante Facette ergänzt. Der schnelle, abgehackte Schuss eines Josh Childress verlangt schließlich ein ganz anderes Timing als der Bilderbuch-Wurf eines Ray Allen.

Gefühlsecht

Die Qualität der Spielermodelle schwankt etwas.

Für den Aktiven am Joypad fühlt sich das nach wie vor ganz hervorragend an. Die Spieler bewegen sich mit genau dem richtigen Tempo und angemessener Trägheit. Das überarbeitete „Isomotion-System“ verlangt von Euch noch immer Beat ’em Up-artige Stick-Kommandos in Verbindung mit den Dribbling- und Aggressions-Modifikatoren auf den Triggern. Dies erfordert zwar einiges an Eingewöhnung, gewährt mit zunehmender Übung aber auch deutlich größere Kontrolle über Art und Weise eines Solos. Der rechte Stick steuert noch immer Timing und Beschaffenheit eines Schusses, Layups oder Dunks. Gerade bei Low Post-Duellen ist dies eigentlich eine zündende und praktikable Idee, manchmal wählen die Spieler aber seltsam wilde Schüsse anstelle der leichteren Variante, die man eigentlich im Sinn hatte. In der Defensive wurde noch einmal deutlich nachgebessert. Ihr senkt den Shotstick zum Steal in Ballrichtung, schneidet dem Ballführenden mit einer schnellen Seitwärtsbewegung den Weg ab oder streckt die Arme per Rückwärts-Kommando zum Stören in die Höhe.

Insgesamt muss ich sagen, dass mir die Tendenzen der CPU-Spieler durchaus realistisch vorkommen, auch wenn es einigen Playmakern und Shooting Guards ab und zu etwas an Biss und Selbstvertrauen fehlt. Dennoch spielt die CPU ab dem Profi-Schwierigkeitsgrad mehr als kompetent mit, bzw. gegen Euch an. Die Folge sind knappe und verbissene Partien, in denen Ihr nicht umhin kommt zu bemerken, dass Visual Concepts den Basketball genauso sehr lieben wie Ihr. Sollte Euch trotzdem irgendetwas stinken, findet sich für fast jeden Parameter ein „Game Slider“, um das Spiel seinem persönlichen Verständnis von Realismus anzupassen. Die endlosen Optionen und Taktik-Einstellungen seien nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Bodenlose Spieltiefe

Neben allen erdenklichen Standard-Modi wie Saison, Einzelspiel, Turnier, Street und Situation (Ihr wählt Punktestand, verbleibende Zeit und Team Fouls selbst) sind es aber „24/7: Next“ und der Association Modus, die den Basketballfan über Monate hinweg bei der Stange halten werden. „The Association“ erhebt Euch zum Coach, Spieler und General Manager Eures Franchises. In Minispiel-Sessions stählt Ihr die Talente Eurer Schützlinge, legt auf dem Wochenplan allgemeine Trainingseinheiten fest und achtet dabei darauf, Eure Spieler nicht zu sehr zu ermüden. Verstärkung beschafft Ihr Euch über Spielertrades zwischen bis zu drei Teams oder Ihr verlasst Euch auf Euer Losglück beim Draft. Bis zu drei angeheuerte Scouts (mit verschiedenen Talentstufen) besuchen in Eurem Namen zukünftige NBA-Rookies und geben eine grobe Einschätzung ihrer Fähigkeiten ab. Einem eventuellen „Gotta catch em all“-Rausch schiebt Eure Salary Cap meist eher früher denn später einen Riegel vor. Dann gilt es, sich rechtzeitig von überbezahlten Altstars zu trennen.

Abgesehen von der oft verqueren Ergebnislogik bei simulierten Spielen, hat Visual Concepts hier den perfekten Franchise Modus parat. Eine Lebensaufgabe, die Basketball begeisterte Kontrollfreaks mühelos ins Einsiedlertum treiben wird. Alle „Anderen“ retten Ihr Sozialverhalten, indem sie die Spielerentwicklung dem Zufall und die Wahl der Trainingseinheiten dem Assistenten überlassen. Ein dickes Doppelpfui gebührt allerdings der Kopfschmerzen verursachenden Menüführung. Wäre das „2k Nav“ ein neues Navigationssystem fürs Auto, müsste unser Verkehrsminister nächstes Jahr eine alarmierende Unfallbilanz ziehen. Selten lässt das Menü einen Schritt zurück zu, muss oft erst geschlossen und durch Antippen des rechten Sticks wieder hervorgelockt werden. Grauenhaft.

Rund um die Uhr

Genau der richtige Zeitpunkt für eine Runde „Hack the Shaq“.

Das zweite Herz in der Brust von NBA 2k schlägt noch immer für den Streetball. Wieder einmal generiert Ihr im 24/7-Modus einen hoffnungsvollen Straßensportler und pusht ihn im Rahmen einer schwachbrüstigen Story zum Szene-Superstar, mit dem Ziel im Rucker Park (wo sonst?) in eine Streetball-Auswahl berufen zu werden. Die Menüs funktionieren hier schon besser, vor allem, weil man in diesem Modus nur einen mickrigen PDA mit deutlich weniger Optionen zur Verfügung hat. Dies unterstreicht nur das Tatsache, dass man es hier mit der „Susi Sorglos“-Variante des Hauptspiels zu tun hat. Im Grunde wird ununterbrochen auf verschiedenen Plätzen bei extrem gelockerten Regeln in einem Potpourri an Matchvarianten um Respektpunkte gezockt. Schnörkellos und frei von Taktik, daddelt man hier zwar nicht ganz in And1-Mixtape Dimensionen über den Asphalt, auf Finger brechende Kombos kann man aber nach einer aufreibenden Association-Session gut verzichten.

Einen weiteren Benchmark setzt Take 2 nun im Bereich Online-Gaming: Bis zu 30 Kontrahenten messen sich in Saisons oder bei Turnieren über Xbox Live. Ich wage einfach mal zu behaupten, dass niemand auf der Welt so viele Freunde hat. Zumindest nicht die Normalverdiener. Leute wie ich treten dann einfach alleine in Ranglisten-Matches - nach Street- oder NBA-Regeln und absolut lagfrei - gegen wildfremde Menschen aus dem Internet an. Wenn das meine Mutter wüsste…

Wie bereits zu Genüge angeklungen ist, liegt der größte Verdienst von NBA 2k7 in der Brillanz seiner Animationen. Hier und da clippt zwar noch ein Körperteil der hervorragend modellierten Recken durch das eines anderen Spielers, fährt die Hand beim Dunk durchs Brett oder bewegt sich ein Athlet nicht ganz dem Spielkontext entsprechend, doch Visual Concepts traue ich zu, derlei Probleme in den nächsten ein bis zwei Episoden deutlich besser unter Kontrolle zu haben.

Bis dahin erfreue ich mich an den bislang besten Animationen im Spielebusiness und der gewohnt realistischen Umsetzung meines zweitliebsten Videospiele-Sports. Ein dickes Lob gibt es für den konkurrenzlos guten Online-Modus.

8 / 10

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Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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