Rocksmith - Vorschau (US-Version)

Zwischen Perfektion und Menühölle liegt das spannendste Musikspiel der letzten Jahre

Warum? Warum? Warum? Warum gibt man nicht dem Spieler die Kontrolle? Warum? Warum? Warum?

Das sind so ungefähr die Gedankengänge, die nach mehreren Stunden mit Rocksmith in meinem Kopf kreisten. Verflucht habe ich da dieses wundervolle Experiment, das auf manchen Ebenen geradezu phänomenal untadelig funktioniert, auf anderen ein so markerschütterndes Unverständnis der Lage an den Tag legt, dass es einem die Schuhe auszieht.

Zuerst der untadelige Teil: Rocksmith ist ein Musikspiel ohne Plastik-Zubehör, das jedoch trotzdem keineswegs auf Hardware verzichtet. Mitgeliefert wird ein USB-Kabel, das auf der einen Seite in einem Standard-Klinkenstecker endet. Dieser passt in praktisch jede E-Gitarre auf diesem Planeten, sodass ihr bei der Wahl des Spielgerätes durchaus eine breite Auswahl habt. Sei es die mit dem Spiel zusammen promotete Billig-Epiphone SG Junior - ab 85 Euro - oder ein wertvolles Original, solange es diesen sehr üblichen Anschluss hat, geht alles.

Und es funktioniert tadellos. Die PS3 als Verstärker-Ersatz nimmt die Signale entgegen und erkennt sie praktisch fehlerfrei, so wie es auch ein normaler Amp tun würde. Eine technische Revolution ist das nicht, für Apple-Geräte gibt es beispielsweise ähnliche Apps. Das Besondere an Rocksmith ist damit nicht der Einsatz der Konsole als Amp mit zahlreichen Einstellmöglichkeiten - was Rocksmith auch bietet -, sondern das Spiel drum herum.

Rocksmith - Trailer

Dieses wurde wie ein übliches Musikspiel konzipiert. Spielt vor kleinem Publikum erste Songs, dann auf immer größeren Venues, bis ihr vor berauschten Mengen die Saiten zupft. Zum Aufsteigen müsst ihr Punkte sammeln, die natürlich über das Spielen der richtigen Noten im richtigen Moment eingesammelt werden. Nur, dass dies statt mit einem Taster und fünf Knöpfen nun auf sechs Saiten und 24 Bünden stattfindet.

Den Entwicklern war zum Glück klar, dass wirklich nur harte Profis von Minute Eins an den Keith Richards machen und die volle Intonation von "Satisfaction" runterspielen können. Also beginnt es ganz harmlos auf zwei Saiten und nur wenigen Bünden mit einzelnen Noten, Akkorde sind erst später gefragt. Die Darstellung auf dem Screen entspricht dabei in gewisser Weise Rock Band und Co. Die Bahnen repräsentieren die Bünde und die Anzeige ist erstaunlich geschickt darin, selbst über 15 und mehr Bünde hinweg die Übersicht zu bewahren. Das Zoomen funktioniert, ohne Verwirrung auszulösen und man kann ihm gut folgen. Auf der zu spielenden Linie werden die Saiten und Noten angezeigt. Egal ob ihr schon mal eine Gitarre in der Hand hatte oder nicht, das hier kapiert selbst der sturste Notenblatt-Verweigerer in Sekunden.

Das wäre auch alles völlig klasse, legendär und feierwürdig, wenn da nicht irgendjemand die bekloppte Idee eines irgendwie adaptiven Schwierigkeitsgrades gehabt hätte. Je besser ihr spielt, desto mehr nähert sich die Menge der Noten, die ihr wirklich spielt, der an, die es in dem Song wirklich gibt. Zupft ihr anfangs vielleicht nur jede Zehnte, während der Rest vom Band kommt, spielt ihr ganz zum Schluss den Song, als würdet ihr nun wirklich spielen. Was ihr ja auch tut. Herzlichen Glückwunsch, sobald ihr dort seid, ihr habt einen Song ohne Tricks und Wenn und Aber gemeistert.

Bis es jedoch soweit ist, steht ein je nach Talent mal mehr, mal weniger langer Weg bevor. Um diesen scheinbar zu beschleunigen, legt Rocksmith immer einen drauf, wenn ihr gerade mal erst etwas auf die Reihe bekamt. Sobald ihr eine Notenfolge halbwegs seriös gespielt habt, wird angezogen. Eben freute man sich noch auf das kleine, stark vereinfachte Solo, dass man schon fast hinbekam, da wird entschieden, dass ihr das jetzt verschärft spielt, weil ihr in den Refrain-Passagen mal nicht alles verpatzt habt. Nachdem das Elend dann seinen Lauf nahm, ist Rocksmith enttäuscht und schaltet wieder einen Gang zurück. Es ist so unglaublich irritierend, dass ich zeitweilig den Spaß verlor.

Warum zur Hölle kann ich nicht einen Level - wie auch immer gestaffelt - auswählen und diesen erst einmal für mich bewältigen und dann weitermachen? Oder auch für immer auf diesem Level verharren, wenn das mein Wunsch wäre? Vielleicht will ich ja gar nicht mehr Noten können, sondern nur zur Entspannung vor mich hin zupfen. Aber nein, hier wusste es mal wieder jemand besser, was gut für den Spieler ist. Ganz ehrlich, was soll dieser Schrott?! Kein einziger Modus, nicht mal der Freispielmodus, erlaubt euch irgendwelche Freiheiten. Es ist schlicht zum Kotzen. Sorry, aber dieses Spiel ist eigentlich so großartig, dass dieser Makel mich wirklich massiv anstinkt. Und dieses Elend der Spieler-Bevormundung zieht sich noch viel weiter. Ihr könnt die Passagen eines Songs einzeln üben, was großartig ist. Und sehr schnell auch nötig. Was jedoch nicht geht, ist eine Endlos-Schleife dieser Passage. Ihr spielt sie einmal, dann geht es zurück in das Menü, was mit längeren Ladezeiten - die generell hier nicht berühmt sind - garantiert nach ein paar Durchgängen den Nerv raubt. Gitarre lernen ist auch endlose Wiederholung und es gibt keinen Modus, in dem ihr einfach mal ein paar Chord-Folgen oder irgendetwas auf endlos üben dürft, bis ihr das Gefühl habt, es hinzubekommen. Immer. Wieder. Geht. Es. Zurück. In. Das. Menü. Es ist irritierend, nervig und lässt es gar nicht erst zu in irgendeinen Flow zu kommen.

Selbst die eigentlich sehr sinnvollen Challenges leiden darunter. Nehmt die Power-Chords, eine von ungefähr 30 Lektionen. Es wird euch dreimal gezeigt, wie es geht, dann spielt ihr eine kleine Folge von ein paar Griffen, einem Dutzend vielleicht. Dann ist Schluss und wieder setzt es eine Ehrenrunde durch das Menü. Gitarre hängelassen, zum Controller greifen, ein bis zwei Minuten Verzögerung, dann wieder alles von vorn. Warum zur Hölle spielt diese Folge nicht einfach weiter, bis ich es beende? Wäre das so schwer? Vielleicht sogar mit kleinen zufälligen Variationen von Zeit zu Zeit drin, hier wäre so viel möglich, ohne dass Rocksmith mehr Programmcode bräuchte. Nur ein paar Optionen, die dem Spieler die Kontrolle geben.

Sicher, jetzt könnten die Entwickler natürlich sagen, dass ich die Akkorde ja auch so üben kann. Sicher könnte ich das, aber mit einem Zähler, wie viele ich richtig hinbekam, vielleicht sogar im Takt mit dem Spiel als Vorgabe würde das Ganze viel strukturierter und motivierender ablaufen. Stattdessen bestehen sie lieber an anderer Stelle auf Perfektion. Für alles, was ihr macht, sei es ein ganzer Song, oder nur eine kurze Übungsrunde, will Rocksmith eine perfekt gestimmte Gitarre haben. Ist ja an sich nicht verkehrt, aber doch bitte nicht alle maximal 4 Minuten, nach denen ein Song vorbei ist. Ja, Musiker auf der Bühne drehen auch gerne mal kurz nach, aber hier kann man ja wohl einen Timer einbauen, der das Ganze auf einmal die halbe Stunde oder von mir aus zwanzig Minuten reguliert. Bitte nicht jedes Mal, wenn ich eine Übungsfolge neu starte. Oder - ein ganz verrückter Gedanke: GEBT DEM SPIELER DIE VERDAMMTE OPTION DAS EINZUSTELLEN! Gott, wie schwer kann es denn sein. "Sei frei zu spielen, was und wie Du willst, aber bitte nicht in diesem Spiel?" War das das Motto?

Rocksmith - Trailer

Toll auch, dass bewältigte Venues und Songs nicht mehr in der Karriere besucht werden können, sondern für euch danach nur noch über das Songbook zugänglich sind. Warum? Wieso? Was wäre jetzt so schlimm daran, mich noch mal meine ersten Songs so spielen zu lassen? Seltsam, aber von mir aus, das ist angesichts der genannten Dinge das kleinste Problem. Ich lasse meinen Zorn langsam ausklingen. Es ist eine Frechheit, dass ich die Amp-Settings für den Freispielmodus freispielen muss. Warum? Wozu? Lasst mich doch einfach damit experimentieren. Das hier ist ein einmaliges Spiel, das nicht einem 08/15-Struktur-Modus folgen muss, weil das Spiel an sich überhaupt nicht das Ziel ist. Das Ziel ist mich auf der Gitarre Spaß haben zu lassen und mich dabei zu unterstützen. Oder zumindest denke ich, dass es das sein sollte, aber vielleicht liege ich hier auch falsch.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen, gerade nach der Tirade, die ich da gefeuert habe: Rocksmith ist ein absolut großartiges Experiment, etwas im Mainstreambereich völlig Einmaliges und ich liebe die Tatsache, dass alles, von dem man eigentlich gedacht hätte, dass es dabei die Probleme geben würde, praktisch tadellos funktioniert. Es ist Guitar Hero mit einer echten Gitarre und es macht höllisch viel Spaß, auch wenn es am Anfang natürlich hart ist. Aber gerade für Instrumentenspäteinsteiger wie mich könnte es genau das Richtige sein, um sicher nicht perfekt oder auch nur wirklich gut zu werden, aber trotzdem zu erlauben, mit einem echten Instrument ein paar echte Noten und vielleicht sogar Songs zu lernen und das mit Freude. Wenn das kein 10er-Kandidat im Musikspiel-Genre sein könnte, dann weiß ich auch nicht weiter.

Jetzt muss es nur noch von all der Schlacke einer mittelmäßigen Menüstruktur, elendigen Ladezeiten und - mit Abstand am wichtigsten - von dieser verdammten Spielerbevormundung befreit werden. Gebt mir Optionen! Lasst mich den Schwierigkeitsgrad bestimmen, lasst mich wählen, was ich wie lange spielen möchte, bevor es in die Menühölle geht. Lasst mich bestimmen, wie oft ich meine Gitarre stimmen möchte. Gitarrenspiel im Besonderen und Musik zu spielen im Allgemeinen kann sich um den freien Ausdruck von Kreativität, Gefühlen und Stimmungen drehen. Hier wird die Chance einer neuen, breiten Gruppe diese Möglichkeit zu geben, von einer furchtbaren Programmstruktur unterdrückt. Bitte, bitte, bitte, liebe Entwickler: Bringt das für den Europa-Release auf die Reihe. Ich gebe euch dann gerne jede Wertung, die ihr haben wollt. Aber nicht so.

Rocksmith ist in den USA bereits erhältlich, die (wie auch immer) angepasste und überarbeitete Europa-Version wird im November für Xbox 360, PS3 und PC erscheinen.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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