Wenn 1080p60 nicht mehr das Ideal ist: PC-Gaming in Zeiten von 4K und ultrahohen Bildraten.

Ein Selbstversuch in Sachen High-End.

Wie das so ist mit Marketingbegriffen. "Full HD" klingt für mich noch immer wie das Höchste der Gefühle. In Zeiten, in denen gewisse Konsolenspiele bisweilen noch leicht darunter zielen, um all ihre grafischen Tricks abbrennen zu können, ist das vielleicht auch nicht weiter verwunderlich. Dabei ist im Elektrofachhandel der Standard schon längst ein anderer. "4K" heißt das etwas ungelenke neue Zauberwort, das 1080p vergessen machen soll und ich bin sicher, der eine oder andere hat es nicht einmal mitbekommen. Das liegt vor allem daran, dass wir es nicht gewohnt sind, alle drei, vier Jahre einen neuen Fernseher anzuschaffen - und die 3840x2160 Bildpunkte in Sachen Film und TV noch mehr als Overkill sind.

Den Verkäufern fehlen schlicht noch die Argumente, die breite Masse von den Qualitäten ultrahoher Auflösungen zu überzeugen, während natives 1080p-Material den Skalierern der neuen Geräte ausgeliefert ist und auf ihnen selten ein besseres Bild ergibt. Computerspieler haben es da besser, macht die aktuelle Grafikkartengeneration vor allem am oberen Leistungsende doch einen ordentlichen Schritt, 4K vom Luftschloss der Monitor- und TV-Bauer in spieletaugliche Praxis mit echten Vorteilen bei der Bilddarstellung zu verwandeln. Ich werde mich wohl umgewöhnen müssen und mich für einen neuen Standard entscheiden. Denn in 1080p lässt man mit High-End-Karten einfach zu viel Leistung ungenutzt liegen - und 4K ist am PC nicht die einzige Upgrade-Option, die einen echten und ehrlichen Mehrwert fürs Spielgefühl mitbringt.

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Ob nun die Furchen im Gesicht des Nilfgaard-Soldaten, die feinen Strähnen der Pferdemähne, oder der Kopf, der vor der Schänke über den Zaun guckt. In 4K sprüht The Witcher 3 vor Details, die in niedrigeren Auflösungen untergehen.

Für meinem Selbstversuch werkelte eine Nvidia GTX 1080, bis zur neuen Titan X letzten August noch das absolute Flaggschiff des Marktführers, in meinem Computer (i7 6700K, 16 GB DDR4 RAM). Der GPU-Spaß geht knapp unterhalb der 700-Euro-Grenze los. Warum die Karte das Geld wert ist, das erklärt euch niemand besser als Richard von Digital Foundry im GTX 1080 Test. Mich interessierte in erster Linie, wie das Spielgeschehen subjektiv auf mich wirkte, und welche gefühlten und tatsächlichen Zugewinne für meine täglichen Spielgewohnheiten es mit sich bringen würde.

Als Ausgabegeräte nutzte ich Asus' 24 Zoller MG24U und den PG278Q desselben Herstellers. Hier kämpfen also ein 4K-Gerät mit 60Hz-Darstellung und ein 1440p-Monitor (2560x1440, nicht zu verwechseln mit 2K) mit sehr hohen 144Hz sowie Nvidias Vsync-Alternative "G-Sync" um meine Gunst. Ich war sehr gespannt, ob mich am Ende das feinere oder das schnellere, stabilere Bild auf seine Seite ziehen würde, muss am Ende aber einräumen, dass beide Seiten unterschiedliche Spielertypen ansprechen dürften.

Zunächst einmal Grundsätzliches: 4K stellt selbst die GTX 1080, die wohlgemerkt aktuell zweitstärkste Grafikkarte überhaupt, vor eine nicht zu verachtende Herausforderung. PC-Spieler mit potenten GPUs sind es gewohnt, in 1080p alle Spiele auf den höchsten Einstellungen bei "glatten" und vertikal synchronisierten 60 Bildern pro Sekunde oder eben mit unbegrenzert, sehr viel höherer Bildrate zu genießen. Nun, in 4K muss die GPU vier Mal so viele Bildpunkte berechnen - zwei Mal mehr in der Breite, zwei Mal mehr in der Höhe - und das bedeutet, dass man in vielen Spielen Abstriche machen muss, wenn es glatte 60 Bilder pro Sekunde sein sollen. Die gute Nachricht ist, dass in Sachen Bildrate genügsame Spieler selbst Hardware-Fresser wie The Witcher 3 in einer Grafikqualität spielen können, die jeder Beschreibung spottet.

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Rainbow Six: Gegner direkt erkennen und zu zielen beginnen, auch durch Hindernisse hindurch, ist ein gewaltiger Bonus. In Shootern wie diesem ist die Bildrate aber noch entscheidender, weshalb 1440p bei 144Hz hier vermutlich die bessere Option ist und immer noch einen großen Mehrwert in Sachen 'Durchblick' liefert.

Die Vorzüge sind nicht von der Hand zu weisen, wenn man 4K einmal in Aktion erlebt hat. Natürlich sieht sauber designtes 1080p mit einem potenten Anti-Aliasing-Verfahren schon gut aus. Aber in 4K entdeckt man plötzlich Umgebungs- und Charakterdetails, die man vorher nie wahrnahm. Ein paar Beispiele gefällig? In The Witcher 3 sieht man auch in großer Entfernung noch wenige Millimeter kleine NPCs komplett scharf, wo sie in 1080p mit dem Hintergrund verschwimmen würden. Das Grün der Bäume wirkt in der Distanz weniger "platt" und grobflächig ausgemalt, sondern ist feiner definiert. Schon auf mittlere Distanz erkennt man Figuren alleine schon an ihrem Gesicht und kleine Reflektionen, etwa am Griff von Geralts Schwert oder die Sonne reflektierende Ränder einer Pfütze sind deutlicher zu sehen.

Nächstes (Bei-)Spiel: In Rainbow Six Siege stand ich in einem Raum, dessen Wände ich in Full HD immer nur als "weiß" wahrgenommen und abgespeichert hatte. In 4K sehe ich schon von der anderen Raumseite aus, dass es sich um Raufasertapete handelt. Dank des viermal so hohen Pixelcounts sehe ich auch durch Trümmer und Staub hindurch noch die Schädeldecke des vor dem Fenster hinaufkletternden Gegenspielers, die sonst unter dem Kantenflimmern niedrigerer Auflösungen untergegangen wäre. Das gibt mir wichtige Sekundenbruchteile Vorteil, zu reagieren. In Rise of the Tomb Raider treten unterdessen feine Texturdetails an abgekrümelten Gruftwänden deutlicher zu Tage und selbst leichte Schattierungen, die man sonst nie sah, springen in "Ultra-HD" geradezu ins Auge. Man weiß kaum, wo man als erstes hinschauen soll. So gut sehen Spiele aus, die einen mit Bildpunkten förmlich erschlagen.

Der Preis ist natürlich, dass es bei anspruchsvollen Spielen ohne ein bisschen Detailstufen-Schrauberei nicht geht. Zum Glück sind fast alle modernen PC-Spiele auf diesen Fall mittlerweile bestens eingerichtet und legen eine große Flexibilität an den Tag. The Witcher 3 muss auch hier als Beispiel herhalten, weil es wohl das anspruchsvollste aller aktuellen Spiele ist. Mit allen Einstellungen auf dem jeweils höchsten, möglichen Leveln ist es in der vorgestellten PC-Konfiguration möglich das polnische Jahrhundert-RPG in einer Performance zu spielen, die deutlich über der der Konsolen, nämlich stabil in mittleren 30er-Bereichen liegt. "Glatte" 30 FPS samt Tearing-Befreiung durch V-Sync sind kein Problem für einen PC mit dieser Karte und wer mit mittleren Einstellungen leben kann, bekommt Bildraten, die sich konstant deutlich oberhalb der 40FPS bewegen. Oft genug schafft die Karte so sogar annähernd die 60, während das Spiel immer noch brillant aussieht.

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Titanfall 2 - wenn man auf Anhieb sieht, mit wie vielen Gegnern man es auf der anderen Seite zu tun bekommt. Herrlich.

Gut spielbar also, wenn es nicht in erster Linie schnelle Shooter sein müssen - daran war in der letzten Generation noch nicht zu denken. Die Eierlegende Wollmilchsau mag 4K noch nicht sein, aber es scheint nur eine Frage der Zeit. Schon jetzt stehen auch höheren Bildraten in 4K Tür und Tor offen. Shadow Warrior 2 greift etwa auf Nvidias Multi-Res-Shading zurück, bei dem die Randbereiche des Sichtfeldes in niedrigerer Auflösung berechnet werden, was Ressourcen spart, ohne während der laufenden Action großartig aufzufallen. 60 FPS waren so auch mit ansonsten maximierten Einstellungen kein größeres Problem. Ich freue mich schon darauf, beziehungsweise hoffe es, dass andere Entwickler diese Technik in ihre Titel integrieren.

Ein weiterer Haken von 4K, für den die Grafikkarte selbst nichts kann, ist natürlich der, dass eine dermaßen klare Bilddarstellung auch Grafikfehler und selbst erwünschte Verschleierungstaktiken der Spieleentwickler schonungslos offenlegt. Genau so wie Details auf ritterlichen Gürtelschnallen deutlicher hervortreten, wird auch offensichtlicher, wenn die Waffe eines Space Marines ohne Kontakt über seinem Buckel schwebt oder Teile der Rüstung ineinander clippen. Andernorts ertappt man die Spiele häufiger dabei, wie sie die Detailstufen von Charakter- oder Umgebungsmodellen austauschen oder kleinere Objekte einfach aus dem Nichts erscheinen, während man sich nähert. Die höhere Auflösung stellt also auch die Entwickler der Spiele nicht zu knapp auf die Probe. Mit großer Macht, kommt große Verantwortung und so.

Wem Grafikqualität nicht so wichtig ist wie hohe Bildraten - E-Sportler oder allgemein Leute, die in der Mehrzahl Online-Actionspiele mit hohen Anforderungen an schnelle Reaktionen stellen -, für den wird hingegen die 1440p Variante mit 144Hz interessant. Sowohl Asus als auch Acer und Dell haben hier gute Monitormodelle parat. Deren Auflösung ist auch so schon deutlich höher und feiner als in 1080p (78 Prozent höher, um genau zu sein), aber spätestens hier wird klar, dass Entwickler, die die Bildrate als sekundär für das Spielerlebnis betrachten, schlicht und ergreifend messbar falsch liegen. Natürlich gibt es Spiele, die weniger darunter leiden als andere. Doch mehr Bilder - die die GTX 1080 in 1440p auch auf maximalen Einstellungen in den meisten Spielen problemlos ausspuckt - fühlen sich spürbar besser an und sorgen ebenfalls für ein klareres Bild. Besonders bei schnellen Bewegungen.

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Dooms neuer Arcade-Modus in 1440p und weit jenseits der 100Hz-Grenze. Was für ein Rausch von Dingen, die man vorher niemals wahrnahm.

Stellt euch eine Szene in einem beliebigen First Person Shooter vor: Ihr rennt einen Gang hinunter und gelangt an eine T-Kreuzung. Zuvor habt ihr links wie rechts gegnerisches Gewehrfeuer vernommen. Ihr müsst also beidseitig schauen, bevor es weitergeht. Einem geübten Spieler gelingt dieser Schwenk in einer guten Sekunde (nehmen wir das im Sinne der Vereinfachung einfach mal an). Dabei bekommt er während der erforderlichen schnellen Drehung über den Daumen gepeilt 60 Einzelbilder vom Spiel gezeigt. Je mehr Bilder das Spiel zur Verfügung hat, um euch diese Bewegung zu präsentieren, desto klarer bleibt die Darstellung. Ihr erfasst während dieser schnellen Drehung Umgebung und Spielsituation deutlicher und wisst auch plötzlich um die Ecke kommende Gegner unmittelbarer vom Levelinventar zu unterscheiden. Auch hier erwächst einem aus schieren Grafik-Pferdestärken ein spürbarer Wettbewerbsvorteil. Zusammen mit G-Sync (Vorhanden zum Beispiel im Asus PG278Q) ergibt das ein beispiellos ruhiges, ruckelfreies Bild.

Für mich persönlich waren die letzten beiden Wochen ein Augenöffner. Bisher belächelte ich die höher aufgelösten Displays mit ihren horrenden Leistungsanforderungen nur. Das lag allerdings offenbar weniger daran, dass 4K und Konsorten uns nichts zu geben hatten, sondern daran, dass die Hardware, noch nicht so weit war, diese Monitore auch mit genügend Bildern zu füttern, um das Upgrade erstrebenswert zu machen. Die nicht gerade günstigen, aber monströs leistungsstarken neuen Karten wie die GTX 1080 machen diese Technik endlich zu einer echten Alternative.

Ob nun 4K oder 1440p144Hz für euch die richtige Wahl sind - ich als Rainbow-Six-Möchtegern und Titanfall-2-Kanonenfutter liebe die hohen Bildraten, die mir 1440p erlaubt - ist an dieser Stelle fast egal. Die bleibende Erkenntnis, die auch Sonys neue PS4 Pro unterstreicht ist: 1080p ist auf dem Weg nach draußen und wird früher als ihr denkt die Tür hinter sich zumachen. Ich bin ehrlich gesagt nicht traurig drum, wenn ich sehe, wie Spiele nach gut zehn Jahren Full HD einen Flaschenhals sprengen, von dem ich nicht einmal begriffen hatte, dass es ihn gab.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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