High-end überall? Mein Selbstversuch mit einem Gaming-Laptop

Es herrscht Aufbruchstimmung.

Es hat bereits begonnen: Die Nintendo Switch verändert gerade ein wenig meine Wahrnehmung von Videospielen. Der "Überall-mit-hinnehmen"-Faktor ist für mich, ohne dass ich es merkte, wollte oder erwartet hatte, auf einmal ein echter Wettbewerbsvorteil. Ich ertappe mich dabei, aktuelle Testmuster der Marke Persona 5 (mehr dazu gegen Ende des Monats) mit einem "Wäre ja schön, wenn's das auf der Switch gäbe" zu beäugen.

Dabei steht ein vergleichbarer "Sidegrade"-Pfad zumindest im Windows- und Steam-Ökosystem die seit Jahren offen, wenn man sich ein potentes Spiele-Notebook zulegt. High-end PC-Gaming für unterwegs, das war vor ein paar Jahren noch mit einigen Leistungs-Kompromissen behangen, die einem die gewaltige erforderliche Investition in eine solche Maschine noch gehörig verleidete. An die 2000 Euro dafür zu lassen, dass man PC-Games auf mittelprächtigen Einstellungen genießen konnte, das ist für viele Enthusiasten eine zu bittere Pille gewesen. Aber die Zeit blieb ja nicht stehen und die Leistungszuwächse sind gerade jetzt so dermaßen enorm, dass Gaming-Notebooks auf einmal eine echte Option scheinen. Zeit, das mal in der Praxis auf einen Versuch ankommen zu lassen.

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Trotz mehrfarbig beleuchteter Tastatur angenehm schlicht, auch und vor allem dank des sich sehr zurücknehmenden Metallgehäuses. Nur schlank, das ist er nicht.

In meinem höchst unwissenschaftlichen Versuchsaufbau kam die 2017er Version des 15,6 Zoll großen XMG P507 der Firma Schenker zum Einsatz. Ein Blick aufs Datenblatt macht klar, dieses Gerät hat kein Interesse an Kompromissen, werkelt doch der "dicke" Notebook-Kaby Lake i7 7700HQ im Oberstübchen des guten Stücks. Ebenso bezeichnend die GPU, eine Geforce GTX 1060, die Nvidia in der Notebook-Ausführung nicht einmal mehr mit dem traditionellen "m" dahinter versieht, das damals signalisierte, dass es sich um eine abgespeckte Mobilvariante handelt. Die neuen Fertigungsprozesse und höhere Energieeffizienz machen es möglich, diese Chips mit nur leichter Untertaktung in einem Laptop unterzubringen. Knapp 1850 Euro kostet das gute Stück als Komplettpaket - durchaus ein gewisser Sprung verglichen mit der Switch -, samt wertigem Metallgehäuse, 16GB RAM, insgesamt 1250 GB auf SSD und HDD verteilt sowie, und hier wird's lecker, 1080p G-Sync-Display mit 120Hz.

Meine erste Gelegenheit, das unter Realbedingungen auf die Probe zu stellen, war eine ICE-Fahrt von Berlin nach Köln. 2,8 Kilogramm Laptop exklusive des ordentlich dimensionierten Netzteils sind heute zwar nicht wenig, in diesem Fall aber eine gerechtfertigte und - mit zwei Mal über vier Stunden Zugfahrt in Aussicht - sogar gern geschleppte Last. Kurz nach Abfahrt die erste, angenehme Erkenntnis: Selbst mit über 15 Zoll ist der Rechner nicht zu groß, um ihn auf dem Sitztablett Betrieb zu nehmen, wenn man vorhat, mit dem Controller zu spielen. Schön, also Stecker rein in die Untersitz-Steckdose und losgelegt.

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So etwas auf 'nem Laptop - das wär's doch, oder?

Nach dem Start von The Witcher 3 das große Augenwischen. Damit hatte ich nicht gerechnet. CD Projekts moderner Klassiker läuft in Ultra-Einstellungen (abzüglich Hairworks, denn die sind es nicht wert - Blattwerk-Sichtweite unterdessen auf die zweithöchste Stufe runter) konstant jenseits der 60 FPS. Das auf einem Laptop mit einem hochwertigen 1080p-Display mit butterweichem G-Sync zu sehen, ist schon ein transformativer Moment: Derartige Grafik, in der Performance, auf so kompaktem Raum. Ich sitze im Zug und spiele einen High-End-PC-Titel. Mein debiles Grinsen muss die Leute bis ans andere Ende des Wagens geblendet haben.

Es waren sehr kurze vier Stunden, in denen ich dank des mitgebrachten Kopfhörers komplett in Blood and Wine versank, ganz als säße ich Zuhause. Als ich aus dem Zug ausstieg, freute ich mich wirklich schon auf die Heimfahrt und darauf, wie sich der XMG in Ghost Recon: Wildlands und - später - im Batteriebetrieb schlagen würde. Wie sich abends herausstellen sollte, stellt Ubisofts jüngster Open-World-Titel eine nicht zu verachtende Herausforderung auch für dieses Leistungsbiest dar. Runterschrauben musste ich schon, bekam auf den hohen Einstellungen (nach "Sehr hoch" und "Ultra" die dritthöchste) laut internem Benchmark auf durchschnittlich knapp 69 FPS, ausgezeichnet spielbar und wenn man es hübscher wollte, ging auch das, man muss sich dann nur überlegen, die Bildrate auf Konsolenniveau, sprich 30 FPS, zu arretieren. Wer mit schwankenden Bildraten durchaus leben kann, erlebt dank Gsync etwaige Einbrüche der Bildrate aber ebenfalls deutlich weicher als auf einem Display ohne.

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Anschlüsse sind massig vorhanden: Unter anderem auch ein normaler HDMI-Ausgang, um den Rechner an einen Monitor oder TV zu klemmen.

Ernüchterung setzt erst ein, als ich den Stecker ziehe, um den Akku zu testen und der Laptop unmittelbar auf lebenserhaltende Maßnahmen umschaltet. Die Bildrate von Wildlands kappt der Rechner von selbst auf 30 FPS, was schlicht und einfach der Physik geschuldet ist: Gängige Akkus liefern, wie mich Kollege Richard von Digital Foundry wissen ließ, kaum mehr als 100 Watt. Die neue Kaby-Lake-Architektur und die 10er-Karten von Nvidia sind zwar sparsam, aber unterhalb dieser Grenze zu operieren, das kostet nun mal Performance. Nun denn, mit knapp 30 FPS und immer noch zugeschaltetem G-Sync ließ sich Bolivien auch so noch ganz angenehm erkunden. Und zwar ziemlich genau 51 Minuten lang, bis mich Windows warnte, dass die Batterieladung nur noch bei 10 Prozent läge.

Eine Stunde Batterieleistung im Spielbetrieb - viel ist das nicht. Gleichzeitig weiß ich nicht, was für Fantasieleistungen ich erwartet hatte und bin nicht sicher, ob ich das Recht habe, enttäuscht zu sein. Vermutlich nicht. Aber es schränkt das "Unterwegs"-Potenzial dieses Spiele-Laptops doch empfindlich ein. Als ich den Test Zuhause dann fortsetze bemerke ich etwas, das der Zug wirklich ausgezeichnet kaschierte. Das Ding ist laut! Hinten am Lüftungseinlass maß meine Dezibelmesser-App um die 92 db, was der Software zufolge dem durchschnittlichen Lautstärkepegel in einer U-Bahn entspricht. Auf Ohrenhöhe geht es eher in Regionen einer "ruhigen Straße", knapp 50 db. So oder so war mein subjektiver Höreindruck der eines ordentlichen, aber immerhin gleichmäßigen Föhnens. Ungestörtes Spielen ist daher eigentlich nur mit Kopfhörern möglich. Gut, dass ich die ohnehin immer trage. Okay, das Problem hatte sogar meine erste PlayStation 4, die teilweise offenkundig unserem Staubsauger zu imponieren versuchte, aber ich will nicht wissen, was sich dort über die Jahre an Fusseln angesammelt hatte. In der Konsole, nicht in dem Staubsauger.

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Rainbow Six: Siege läuft auf sehr hohen Einstellungen mit 120 FPS und mehr.

Eine kurze Recherche im Netz ergab, dass dieses Problem im Gaming-Notebook-Segment sehr wohl ein verbreitetes ist. Hilft aber trotzdem niemandem, der nicht darauf gefasst war. Wer Kopfhörern abgeneigt ist, sollte von konventionell gekühlten Geräten mit diesen Leistungseckdaten wohl besser Abstand nehmen, oder zumindest vorher probehören. Als Bürogerät eingesetzt, was angesichts der durchaus ordentlich straffen Tastatur wider Erwarten keine Qual war (auch diesen Text tippe ich auf dem XMG), lässt sich die Lüftung dank praktischer Software-Voreinstellungen ordentlich nach unten regulieren. Keine Probleme hier, aber beim Spielen solltet ihr euch darauf gefasst machen, dass eure bessere Hälfte grundsätzlich den Raum verlässt, sobald der XMG in den Beast-Mode springt.

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Womit wir bei der Frage wären, für wen diese Geräte eigentlich gemacht sind? Ich gebe zu, auch wenn ich ihn gerne mitgenommen habe und die kompakt zusammengefasste Leistung mir wahnsinnig imponierte: man muss schon auf der Suche nach einem Gerät sein, das eine Lücke in einem ganz bestimmten Lebensentwurf füllt oder ein gehöriges Luxusproblem löst. Das hier ist ein tadelloser, per Cloud synchronisierter Zweitrechner für unterwegs. Einer für Menschen, die mobil und flexibel sein müssen, die vielleicht viel und längere Strecken pendeln, ausgedehnte Hotelaufenthalte eingeschlossen, oder die ihre wochenendliche Hobby-Insel Zuhause nicht komplett von der Hardware dominiert wissen wollen. Für sie - sofern sie Kopfhörern nicht abgeneigt sind - stellt XMG hier ein kompromisslos potentes, gut verarbeitetes Stück Hardware, wie man es vor zwei, drei Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte.

Die mobilen Spiele-PCs sind technologisch gesehen auf jeden Fall endlich über den Berg und an einem Punkt angekommen, an dem das Preis-Leistungsverhältnis nicht mehr komplett befremdlich wirkt. Das ist eine Entwicklung, die sich zweifellos nahtlos fortsetzen und mit den kommenden Jahren weitere Scharten auswetzen wird. In einer Zeit, in der sich Spiele offenbar gerade mehr und mehr aus den Wohn- und Spielzimmern hinauswagen, könnte der Zeitpunkt kaum passender gewählt sein.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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