Ode - Test

Freude, schöner Götterfunken!

Stellt euch vor, ihr seid euer Leben lang in einer transparenten Kugel gefangen. Und euer größtes Hobby ist die Musik, aber ihr habt kein Instrument zur Verfügung. Dafür lebt ihr aber in einer bizarren Welt aus Pilzen, Sporen und verrückten Alien-Gewächsen, die Musik machen, wenn ihr in eurer Kugel mit ihnen interagiert. Und ihr könnt andere Kugeln finden. Und ihr seid magnetisch, jedenfalls manchmal. Die Farbe wechseln könnt ihr auch! Klingt alles komisch? Ist es auch, aber das Tolle am Medium Computerspiel ist ja, dass darin irgendwie alles geht. Das Ubisoft-Studio Reflections hat wohl mit diesem Gedanken im Kopf ein exploratives Musikspiel namens Ode geschaffen, das experimenteller und abstrakter kaum sein könnte.

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Das Universum hat eine krause Frisur.

Tatsächlich spielt ihr in Ode ein kleines Wesen mit Stummelärmchen und zwei Knopfaugen, das sich in einer durchsichtigen Kugel befindet. Ihr rollt und springt in alle Himmelsrichtungen und macht Gebrauch von eurem Universalmagnetismus, zieht also Gegenstände in der Umgebung an oder stoßt sie ab. Besonders gut funktioniert das mit kleineren Kugeln, die in der Spielwelt verteilt sind und euch auf Schritt und Tritt folgen - verliert ihr doch mal eine, helfen euch eure anziehenden Fähigkeiten, sie zurückzuholen. In jedem der vier Spielabschnitte ist das Ziel, die Welt gewissermaßen zum Singen zu bringen. Es fällt wirklich schwer, zu beschreiben, was man dabei erlebt, deswegen entschuldigt bitte meine etwas kryptischen Worte: In jedem Level befindet sich eine Reihe von pilzartigen Gewächsen mit Saugnäpfen, außerdem kleinere Versionen davon um sie herum. Berührt ihr letztere mit eurer Kugel oder einer eurer Begleitkugeln, verfärben sie sich. Immer wenn ihr das macht, wird die Hintergrundmusik ein kleines bisschen komplexer, meist kommt eine neue Tonspur hinzu. Habt ihr alle aktiviert, wird das Pilzgewächs in der Mitte aktiviert. Habt ihr alle Pilzgewächse in einem Level aktiviert, könnt ihr in den nächsten Abschnitt springen.

Man merkt dem Spiel deutlich an, dass es von den gleichen Entwicklern kommt, die auch Grow Home und Grow Up gemacht haben (und zuletzt mit Atomega ein lohnendes Kreativexperiment auf die Beine stellten) - insbesondere aufgrund der Steuerung, die hier und da nicht wirkt, als sei sie für das Spiel gemacht. Immer wieder trefft ihr auf Felsen, auf die ihr gern springen würdet, aber nicht könnt, weil eure Kugel einfach nicht hoch genug kommt. Es funktioniert aber nur sehr knapp nicht, weshalb ihr vermutet, dass es irgendwie doch gehen könnte und es deshalb immer weiter versucht. Das ist unkonventionell und es mag Menschen geben, die das schlechtes Design schimpfen. Ich empfand das allerdings schon in Grow Home als angenehm und mochte es auch hier. Denn letztlich ist es ja wie in der Realität: Ihr werdet in eine Welt geworfen, aber diese Welt ist nicht zwangsläufig für euch gemacht. Ihr müsst eben sehen, wie ihr zurechtkommt. Es ist auch dieser Effekt, der dafür sorgt, dass ihr euch in der Welt wie ein Fremdkörper fühlt. Als würdet ihr hier nicht hingehören.

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Hier beginnt die Musik zu spielen.

Dem widerspricht allerdings, wie ihr jenseits der Pilzmechanismen mit der Welt interagiert: Wenn ihr durch einen Büschen Farn rollt, löst das kleinere Variationen im Soundtrack aus, gleiches gilt, wenn ihr etwa auf Pilzen herumspringt oder euch von fleischfressenden Pflanzen durch die Gegend spucken lasst. Ich habe selten ein Spiel erlebt, das die Musik so sehr an das anpasst, was ihr im Spiel macht. Ich fühlte mich teilweise schon fast, als würde ich gerade ein Instrument spielen. Dabei hält die Musik noch nicht einmal Ohrwürmer bereit, es ist eigentlich viel eher das, was man in anderen Spielen als dezente Hintergrundmelodie bezeichnen würde. Die Stärke des Soundtracks kommt nicht aus ihm selbst heraus, sondern einzig und allein aus der Tatsache, dass ihr ihn während des Spielens selbst erschafft.

Einerseits fühlt ihr euch in dieser Alien-Welt also fremd, andererseits aber geht ihr mit ihr um wie mit einer Gitarre, die ihr schon seit Kindestagen spielt. Diesen Widerspruch löst das Spiel nicht auf, im Gegenteil verstärkt es ihn noch dadurch, dass ihr bei der Erkundung der Welt weitere Fremdartigkeiten entdeckt, mit denen ihr dann aber auf Anhieb wie selbstverständlich umgeht. Kleine bunte Teiche beispielsweise, in die ihr springt und die dann eure Farbe verändern und damit auch eure Fähigkeiten. Mal könnt ihr nur höher springen, aber meine Lieblingsfarbe ist in diesem Spiel definitiv grün. Dann nämlich stapeln sich eure Begleitkugeln automatisch zu einem Turm oder zu einer Art Stelzen, mit denen ihr selbst über riesige Felsstelen lauft wie ein hagerer Riese mit zu langen Beinen. Und genau in solchen Momenten ist Ode ein richtig tolles Spiel, weil dann nämlich die Bewegung durch die Welt selbst Spaß macht. Nicht die Progression, noch nicht mal die Musik, sondern die Bewegung durch diese groteske, fremdartige Welt mit ihren bunten Gewässern und fliegenden Pilzen.

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Hoch hinaus will der Zwerg.

Davon abgesehen enthält das Spiel aber hier und da auch kleinere Rätselelemente. Manche Pilze, die zur Aktivierung größerer Pilze dienen, seht ihr nur, wenn ihr euch auf bestimmten Saugnapfpflanzen befindet. Von diesen herab müsst ihr dann eure Begleitkugeln so gut es geht so rollen, dass sie die kleinen Pilze treffen und verfärben, um so schließlich den größeren Pilz zu aktivieren. Auch hier: Entschuldigt bitte meine Wortwahl, aber ich weiß wirklich nicht, wie ich diese Welt sonst anders beschreiben soll. Sie sieht mir am ehesten eben... naja... pilzig aus. Das ist nichts Schlechtes, Pilze sind super, zumindest, wenn man sie essen kann. Pfifferlinge und Steinpilze sind hervorragend im Risotto. Das, was ich in Ode sehe, hat mit Pfifferlingen und Steinpilzen allerdings nicht viel zu tun, sie sind nur das, was ihm am nächsten kommt. In meinem Kopf zumindest.

Diese Fremdartigkeit macht Ode aber auch so faszinierend. Das Spiel ist darauf ausgelegt, dass ihr die Welt erforscht, hier und da Kleinigkeiten entdeckt, damit spielt und dann möglicherweise feststellt, dass sie doch zu nichts weiter gut sind. Zuvor hattet ihr aber euren Spaß damit, wie eine Katze mit einem Pappkarton oder ein Wellensittich mit einem Stehaufmännchen. Spielt ihr Ode einfach nur durch, könnt ihr das in zwei bis drei Stunden erledigen, aber darum geht es nicht. Es geht um das meditative Erlebnis, das entsteht, wenn ihr euch in der Welt verliert und das darüber hinaus durch Uplay verstärkt wird. Ja, wirklich. Dieses Spiel hat in meinen Augen die ersten sinnvollen Uplay-Boni. Über Ubisofts Steam-Äquivalent könnt ihr beispielsweise einen Retromodus freischalten, in dem ihr alles grob gepixelt wahrnehmt oder einen anderen, in dem ihr eine Regenbogenspur hinter euch herzieht. Das verändert das eigentliche Gameplay nicht, aber weil so viel in diesem Spiel davon abhängt, wie ihr das Spiel erlebt, verändert es massiv die Art, wie ihr es wahrnehmt. Man könnte sagen: Bei Ode passiert ein großer Teil des Spiels in eurem Kopf. Ihr stimuliert euer Hirn.

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Pixel-Party per Uplay.

Aus vielerlei Gründen ist Ode daher empfehlenswert. Es entspannt, es regt zur Entdeckung der Welt an, es verschafft Befriedigung nicht in Form sammelbarer Gegenstände, sondern durch ungewöhnliche Interaktionen mit Pflanzen, Pilzen und Strukturen, die ihr in der Welt einen interessanten Dreh geben. Dazu gibt's tolle Begleitmusik, die sich einerseits anfühlt, als würdet ihr sie selbst gerade komponieren, die andererseits aber auch nur begleitet. Ihr seid fremd in dieser Welt, wisst aber intuitiv mit ihr umzugehen. Ode ist das, was Videospiele großgemacht hat. Ein Abenteuer voller Widersprüche, aber es macht Spaß, sich selbst da hineinzuwerfen und darin zu wühlen wie ein Kind im Sandkasten, in der Hoffnung, irgendwo versteckt sich bestimmt ein Goldschatz. Und weil es diesen kindlichen Entdeckergeist weckt, weil ihr eine ganz neue Welt vor euch habt, die ihr erkunden könnt und die so fremd ist wie es nur geht - deshalb finde ich Ode toll.

Wer auch nur einen Funken an Begeisterung für experimentelle Spiele übrig hat, sollte diesem hier eine Chance geben.

Entwickler/Publisher: Reflections/Ubisoft - Erscheint für: PC - Preis: Euro - Erscheint am: 27. November 2017 - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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