Rainbow Six: Siege: White Noise - unbeirrt weiter Richtung Spitze

Eine Woche nach dem Update zeigt sich Siege frisch wie eh und je.

Gut, die Bewertung der neuen Map Tower müssen wir uns für den Beginn der nächsten Season aufheben. Selten weiß man schon mit dem Start, ob man sie zukünftig als Bereicherung sehen wird oder nicht. Was ich sagen kann: Das Konzept ist zumindest interessant. Zwei ausufernd große Etagen eines Hochhauses mit nur wenigen zerstörbaren Böden, nur einem zentral gelegenen Zugang durch den Fahrstuhlschacht, dafür vielen Fenstern an der Fassade. Die meisten Angreifer werden nach dem Start auf dem Dach den "aktiven" Bereich wohl abseilend betreten. Der Fahrstuhlschacht ist zu anfällig für Camper und eine Einladung für all die Fallensteller aufseiten der Verteidiger.

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Jeder Raum der neuen Karte sieht toll aus und erleichtert Call-outs.

Gestalterisch ist Tower in jedem Fall eine Wucht, mit in Farbgebung und Funktion klar unterschiedlichen Räumen, die Call-outs zu Anfang etwas erleichterten. Aber sie ist eingangs trotzdem etwas zu groß, um die Gefahren durch Roamer wirklich zu erfassen. Ich hielt an vielen Winkeln und verdächtigen Korridoren Richtung Missionsziel, nur um plötzlich von der Seite über den Haufen gerotzt zu werden. Geschlossenes, alle Richtungen deckendes Vorgehen ist im Tower noch mehr Pflicht als auf den anderen Maps ohnehin schon. Ich mag die Karte, aber ich höre schon jetzt im Chat viele Leute stöhnen, wenn klar ist, dass es dort zur Sache geht. Wir atmen alle einmal durch und reden in drei Monaten noch mal darüber, nicht wahr?

Ohnehin sind es wie immer die neuen Operatoren - drei diesmal - und die übrigen Fixes und Anpassungen, die die Hauptrolle spielen in Siege. Brand Director Alexandre Remy hat bereits betont, dass zu viele Karten dem Spiel eher schadeten und die Pflege der bestehenden Maps in den Vordergrund gestellt - Favela und House werden gerade überarbeitet. Für Jahr drei, zu dem man den Season-Pass seit gestern kaufen kann, sind nur zwei Neue und eben das "Remake" einer alten Karte geplant, statt der gewohnten vier frischen Umgebungen (die Content-Lücke wird ein Koop-Event füllen, das ein bisschen auf den Kopf stellt, wie man R6 erlebt). Ich begrüße den Ansatz und freue mich insbesondere darauf, House oder Favela in ihrer bestmöglichen Inkarnation zu erleben.

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Dokkaebis Mk14 im Einsatz.

Bevor ich zu den Operatoren komme, vielleicht die wichtigste Gameplay-Änderung: Die Pistolen sind nun endlich effektiver und eine echte Alternative zu den Primärwaffen. Das liegt an der veränderten Rückstoßanimation, die den Lauf einer Pistole zuvor stark nach oben schnellen ließ, was immer wieder die Sicht aufs Ziel versperrte. Nun zucken die Faustfeuerwaffen nicht weniger biestig, aber nach hinten Richtung Operator. Eine scheinbar kleine Anpassung mit großer Wirkung. Tatsächlich sind die Pistolen nun wahrhaft valide Optionen, gerade für Fans von Sieges Schildoperatoren, Schrotflinten oder halbautomatischen DMRs. Wo man damals lieber noch einmal vor einem Kampf nachlud, zückt man die Pistole nun mit größerer Selbstsicherheit, hält auch lange "Winkel" mit ihnen und verteilt zuversichtlich Kopfschüsse auf mittlere Distanz.

Kommen wir zu den neuen Spielfiguren. Dokkaebi dürfte für die meisten Spieler die Interessanteste sein: Mittlere Geschwindigkeit, mittlere Panzerung, eine Mk14 DMR als neues Muss, wenngleich die doppelläufige Slug-Flinte SOSG (Spitzname jetzt schon "Super Overpowered Shot Gun") auch auf lange Distanzen noch viele Operatoren mit einem Schuss wegrotzt. Spätestens nach dem zweiten muss aber nachgeladen oder auf eine der beiden Maschinenpistolen gewechselt werden. Hier stellt sich die SMG 12 als Favorit heraus - bisher zumindest -, hat aber einen so biestigen Rückstoß, dass man damit schon sehr auf Tuchfühlung gehen muss.

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Ist Vigil getarnt, kennzeichnet das ein spezieller Grafikeffekt.

Ihr Gadget hat es in sich: Mit ihrem Tablet hackt sie die Smartphones der Verteidiger, die daraufhin so lange hörbar vibrieren, bis sich das Opfer die Zeit nimmt, den Lärm in einer längeren Animation abzustellen. Zwei Mal pro Runde darf Dokkaebi sich und ihre Mitstreiter so lauschen lassen, ob sich in ihrer unmittelbaren Umgebung ein Feind befindet. Auch bringt das einen interessanten Synergieeffekt mit sich. IQ kann Gegner entdecken, die nach Dokkaebis Logic Bomb an ihrem Telefon rumfummeln. Immun sind nur Echo - aus Plot-Gründen - und jedermann, der sich in unmittelbarer Nähe eines Mute-Jammers befindet. Auch Mute erfährt also einen Buff. Neuerdings fallen zudem die Smartphones besiegter Gegner zu Boden. Die Koreanerin hackt diese dann und verschafft ihrem gesamten Squad so Zugriff auf die Überwachungskameras im Level.

Es ist ein tiefer Einschnitt in der Art und Weise, wie in Siege mit Informationen gespielt wird, wenn sogar Valkyrie sich stellenweise hart überlegen muss, ob sie ihre eigenen Kameras zerstört. Weniger stark greift Zofia in den allgemeinen Ablauf ein, trotzdem ist sie eine Wucht zu spielen. Im Grunde ist der Ablauf mit ihr vergleichbar mit Capitao, während ihr Einsatzbereich Capitao, Ying und Buck gewissermaßen vereint. Anstelle einer Armbrust, mit der man einen Bereich unbetretbar macht oder unter Rauch setzt, besitzt sie einen Granatwerfer, der mit Impact-Granaten Wände öffnet oder mit Elas Concussion Granaten - die wunderbar von Wänden abprallen und dann in Gegnernähe oder nach Ablauf eines Timers explodieren. Gerade von Letzteren besitzt sie viel zu viele. Vier an der Zahl setzten einen kompletten Objective-Raum an Operatoren für eine Weile komplett außer Gefecht.

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Einstieg durch die Fenster: Am Tower empfehlenswert.

Ich kann den Nerf für ihr Gadget schon kommen hören. Zumal auch die Auslösedistanz zum Gegner sehr hoch scheint. Aktuell sind diese Gehirnerschütterungskörper deshalb ein mächtiges Werkzeug, um schon mal vorzuhorchen, ob ein Raum frei von Gegnern ist. Explodiert das Geschoss direkt, heißt es "Attacke". Ebenfalls ein sehr nützliches Talent ist ihre Eigenschaft, dass sie sich ein Mal pro Runde noch einmal aus purer Willensstärke mit einem Lebenspunkt neu aufrichten kann, wenn sie am Boden liegt. Ihre Primärwaffen sind top - das M762 Sturmgewehr ist eines der besten im Spiel - und ihre Pistole sitzt ebenfalls an der Spitze dieser Waffengattung - Rotpunktvisier macht's möglich.

Der Verteidiger Vigil hingegen ist eher etwas für Spieler auf sehr hohem Level: Er ist ein Roamer, der mit seiner vorübergehenden Spezialfähigkeit für Drohnen unsichtbar wird. Wer in Rängen bis Gold 2 unterwegs ist, wird eher weniger von seinen speziellen Talenten haben, weil sich viele Spieler in diesen Sphären nicht so sehr auf ihre Drohnen verlassen. Zudem signalisiert ein grafischer Effekt, dass er in der Nähe ist. Dennoch sind meinem Squad schon jetzt Situationen begegnet, in denen Vigil uns viel Zeit kostete, weil wir vor Fenstern hängend versuchten, einen Raum zu sichern, uns aber nicht trauten, den Kopf hochzustrecken, weil wir Vigils Position nicht so recht bestimmen konnten. Wie gesagt: Auf hohem Level eine deutlich wertvollere Ergänzung zum Aufgebot. Hier neutralisiert sein fabelhaftes Arsenal (er wählt zwischen einem der besten SMGs und der SOSG) das Leistungsgefälle fast vollständig. Weiter unten bleibt die Brasilianerin wohl die Königin der Roamer.

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Der neue Elite-Skin für Mute. So teuer er auch ist - 15 Euro - so sehr mag ich diesen Ansatz der Monetarisierung. Vollkommen optional, überflüssig gar. Perfektes Walfutter, das niemanden sonst stört.

Wie Ubisoft mittlerweile seine Spiele pflegt, davon können sich andere Publisher eine Scheibe abschneiden. The Division packte mich persönlich nicht, Ghost Recon hatte designerisch typische Ubi-Probleme, aber jeder Release wird mit der Hilfe der Community penibel auf Schwachstellen abgeklopft und sogar um neuen, ordentlichen Content erweitert. Selbst das tolle Assassin's Creed: Origins wird im Zwei-Wochen-Takt noch einmal besser. Das schafft Vertrauen in die Releases der Franzosen und versichert ihnen eine Langlebigkeit, die sie zu einer guten Investition macht. Das war nicht immer so und dass man sich mittlerweile darauf verlassen kann, ist nicht von selbst passiert, sondern war ein bewusster, aktiver Push des Unternehmens für mehr Qualität und User-Zufriedenheit.

Siege dürfte für diese Qualitätsoffensive den Ausschlag gegeben haben. Kein Wunder, rangiert der Team-Shooter doch stabil unter den meistgespielten Titeln auf Steam, kürzlich knackte er sogar die 100.000 gleichzeitig aktiven Spieler und lag für ein paar Tage unmittelbar hinter den Valve-Platzhirschen und PUBG. Die Treue alter und neu hinzugewonnener User ist beachtlich und wurde diesmal wieder mit einem starken Update belohnt. Siege fühlt sich zum Start ins dritte Jahr immer noch so frisch an wie am ersten Tag.

Entwickler/Publisher: Ubisoft - Erscheint für: PS4, Xbox One, PC - Preis: ab 14,99 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Sprache: Deutsch/Englisch - Mikrotransaktionen: Ja

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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