Kaum erfuhren wir den Veröffentlichungstermin, ist sie auch schon da, die Switch-Version von Darkest Dungeon. Auf meiner Liste der Spiele, die ich dringend noch auf Nintendos Hybridkonsole brauchte, stand der bitterböse Dungeon-Crawler der Red Hook Studios ganz weit oben. Dieses Spiel ist im Grunde wie für unterwegs gemacht, eine Tatsache, der die Entwickler mit den Vita- und iPad-Versionen bereits Rechnung trugen. Sonys elegantes Handheld erwies sich als einen Tick zu klein, was die Bildschirmdiagonale anging. Resultat: zu kleine Texte und nicht ganz optimale Bedienung.

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Charakterstark und finster: Das Art-Design ist und bleibt ein (Alb-)Traum.

Im Handheld-Modus der Switch treffen die Entwickler eine bessere Balance. Die Schrift ist zwar immer noch klein, aber problemlos lesbar - wenn es denn abseits von Charakterwerten und Beschreibungen von Skills und Gegenständen mal was zu lesen gibt - und die optionalen Touch-Kontrollen funktionieren trotz kleiner Symbole erstaunlich gut. Aufgrund der recht verschachtelten Bedienung, die viele Funktionen auf ein und demselben Bildschirm unterbringt, ist das kein Wunder. Ich spielte diese Version dennoch entspannt und stieg schnell wieder Etage um Etage die schiefe und glitschige Wendeltreppe Lovecraft'schen Wahnsinns hinab.

Darkest Dungeon ist eines dieser Spiele, das seine Geschichten von selbst generiert, weil erstaunlich viele Aspekte wechselwirksam ineinandergreifen (eine eingehendere Analyse lest ihr bei Interesse in meinem ursprünglichen Darkest Dungeon Test). Im Herzen ist es ein Party-Rollenspiel, das sich nicht viel um ausschweifende Erzählung schert. Eine Prämisse ist alles, was es braucht: Ihr kehrt auf das verfluchte und verfallene Anwesen eines verstorbenen Ahnen zurück und versammelt eine Gruppe Helden um euch, um je vier von ihnen zugleich aus der Seitenansicht durch modrige Kerker zu schicken. Der Rest an Handlung besteht aus dem, was euch dort widerfährt.

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Helden im Kampf mit sich selbst.

Drinnen bewegt ihr euren Trupp von links nach rechts durch Korridore von Raum zu Raum, stolpert in Fallen hinein oder entschärft sie, öffnet Truhen und werft euch in taktische Rundengefechte gegen fantasievolle, im Motion-Comic-Stil animierte Monster. Anders als in vielen Rollenspielen und Taktiktiteln ist vor allem die Positionierung eurer Leute und der Gegner wichtig. Helden- und Feinde-Party stehen sich in Reihe gegenüber. Jede der vielen, vielen Kämpferklassen rüstet bis zu vier Attacken beziehungsweise Fertigkeiten aus, die dann von einem bestimmten Punkt in der Viererkette auf eine andere Stelle in der Gegnerriege wirken. Angriffe und Aktionen, die Figuren nach vorne oder hinten verschieben, werfen eure Planung deshalb ganz schön durcheinander.

Es ist ein interessantes und motivierendes Regelwerk, vor allem, weil es wenig Vergleichbares gibt. Ihr kennt die Charakterarchetypen aus diversen Spielen, seid vertraut mit den Effekten ihrer Zauber und Attacken. Einfach runterspulen ist aber nicht, weil ihr euch in die ungewohnte Perspektive und den eigenartigen Rhythmus erst tief hineinfuchsen muss. Auf dem Weg nach unten ist man regelmäßig überrascht, was alles passieren kann und nimmt diese Ereignisse als anregende oder erschütternde Schlachtfeldanekdoten mit zurück ins Lager.

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Was für eine Wohltat das ist, in der Mitte eines Dungeons ein Lager aufzuschlagen und seine Wunden zu lecken.

Darkest Dungeon ist auch deshalb ein so interessantes Spiel, weil es sich dagegen sträubt, euch als strahlende Helden über die Tentakel tragende, modrig-knöcherne oder in giftiges Gallert gehüllte Opposition hinwegrollen zu lassen. Diese Dungeons bezwingt ihr nicht, ihr überlebt sie. Gerade so. Oder auch nicht, denn jeder eurer Untergebenen kann sterben und ein klaffendes Loch in eurem Aufgebot hinterlassen. Das Gefühl des Unbehagens geht so weit, dass selbst notorische Komplettierer nach Erfüllung des Minimalziels eines Kerkers schwer versucht sind, direkt das Weite zu suchen. Obwohl man weiß, dass in den noch nicht besuchten Räumen reichhaltige Schätze warten könnten. Die perfekte Party, die auf jedes Übel eingestellt ist, gibt es nicht. Bei einem Spiel, in dem ihr euch einen immens breiten Stab an Helden halten müsst, ist das ebenso erstaunlich wie erquickend.

Ihr spielt nie nur gegen die Feindesrudel und ihre Auswahl an Aktionen, sondern auch gegen die Zeit. Eure Fackeln brennen bis auf den Griff herunter, die Dunkelheit bringt stärkere Gegner (aber auch größere Belohnungen), Heilung ist extrem teuer und nie eine "Einmal-nutzen-alles-gut"-Angelegenheit. Eure Helden erleiden Stress, geraten an den Rand des Wahnsinns und häufen temporäre und permanente Charakterticks an, die ein normalerweise einfaches Scharmützel gegen ein Rudel Skelette in eine lebensgefährliche Angelegenheit verwandeln können. Etwa, wenn sich euer Nahkampf-Damage-Dealer aus welchem der Tausenden Gründe, die das Spiel vorsieht, auch immer in die letzte Reihe verzogen hat. Darkest Dungeon verschiebt den Fokus eines Taktikrollenspiels in Richtung Logistik- und Personalmanagement und begreift Charakterwerte als Anhäufung von Schwächen nicht nur körperlicher, sondern auch persönlicher Natur.

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Wem das alles zu hart ist, dem eröffnen sich nicht nur drei Schwierigkeitsgrade, sondern auch die Möglichkeit, einige Regeln zu deaktivieren, was das Ganze noch mal etwas leichter macht. Trivial wird's trotzdem nicht so schnell.

Dass es obendrein noch traumhaft räudiges 2D-Artwork und fabelhaft klirrende Soundarbeit und markerschütternde Musik mitbringt, geriete fast zur Nebensache, stützte der visuelle und akustische Stil nicht so exzellent das Gefühl einer stets am Rande einer Klippe verlaufenden Reise. Darkest Dungeon wirkt ungezähmt, gefährlich und dennoch - oder deshalb? - extrem belohnend, wenn man doch der Widrigkeiten noch einmal Herr wurde. Die Heimkehr in das stetig wachsende Anwesen ist immer gleichzeitig Erleichterung und einsetzendes Grauen vor der nächsten Expedition. Bekommt man noch einmal eine Truppe zusammen, der man die Tortur zumuten kann? Oder riskiert man dauerhaften seelischen Schaden an seinem Lieblingscharakter, weil man dem Rest der Truppe die Quest nicht zutraut?

Das sind Fragen, die man sich in anderen Spielen selten stellt und die Darkest Dungeon auch zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch einzigartig machen.

Entwickler/Publisher: Red Hook Studios - Erscheint für: Nintendo Switch, PC, PS4, PS Vita und iOS bereits erhältlich - Preis: 21,99 Euro - Erscheint am: 18. Januar - Sprache: Deutsche Texte - Mikrotransaktionen: Nein - Getestete Version: Switch

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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