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Circus Electrique - Test: Die edle Rundentaktik der Macher von Pinball FX ist ein echtes Kleinod

Ein elektrisierendes Erlebnis.
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Die stilvolle Gestaltung hat mich angelockt. Geblieben bin ich dank der anspruchsvollen Rundentaktik und der umfangreichen Zirkusverwaltung.

Das quasi-viktorianische London sah nie schöner aus, als es Zen Studios interpretiert: wie ein auf alten Film gebanntes Spektakel, dessen Glamour und Farben Baz Luhrmanns famosem Moulin Rouge entsprungen scheinen. London statt Paris, 1899 statt 1900, Zirkus statt Varieté – ein Zufall dürfte die Ähnlichkeit kaum sein und es war dieses Artdesign, wegen dem ich mir Circus Electrique näher angeschaut habe. Es war das Artdesign sowie die Tatsache, dass ich mich mit dieser Art taktischer Team-Duelle sehr wohlfühle.

Denn auch hier stellt man eine Truppe schlagkräftiger Kämpfer zusammen, mit der man gegen fiese Schergen ins Gefecht zieht, denen man in Reih und Glied gegenübersteht. Warum? Weil man als Zirkusdirektor nur eine neue Attraktion einweihen wollte; ihrem Äußeren nach eine riesige elektrische Spule. Doch als die angeschaltet wurde, mutierten einige Menschen zu aggressiven Bösewichten, die ihren Mitbürgern jetzt ans Leder wollen. Also schickt man Nacht für Nacht ein Team aus vier Artisten (wen sonst sollte man um Hilfe bitten, wenn selbst die Polizei auf Meuterei gepolt wurde) in den Kampf gegen vier solcher Übeltäter, um die Stadt und den Zirkus ein wenig sicherer zu machen.

Rundentaktik der Marke Darkest Dungeon erwartet euch in Circus Electrique - eingebettet in ein Netz clever verwobener Systeme und übrigens auch auf dem Steam Deck hervorragend spielbar.

So weit, so vertraut. Ihr kennt Rundentaktik der Marke Darkest Dungeon? Das in etwa erwartet euch. Was mich an Circus Electrique allerdings nach dem Aufsaugen seines Erscheinungsbilds so fesselt, ist die elegante Art und Weise, mit der seine verschiedenen Systeme ineinandergreifen, um dem scheinbar schnell Durchschauten Tiefe zu verleihen.

Das fängt ganz einfach an: Pro Runde sind alle Figuren beider Teams einmal am Zug, wobei ihr jeweiliger Initiativwert die Reihenfolge bestimmt. Eine von sechs Fähigkeiten kann jeder Charakter dann nutzen, um großen Schaden anzurichten, einen Gegner zu betäuben, Mitstreiter zu heilen, die Moral der Feinde zu schwächen oder vieles mehr. Verschiedene Klassen mit einem Pool eigener Fertigkeiten sorgen für große Abwechslung unter den Artisten. Statt der Fähigkeit könnte man zudem einen Verbrauchsgegenstand nutzen oder die Position einer Figur innerhalb der Aufstellung von links nach rechts verändern.

Die ist nämlich von zentraler Bedeutung, da man nicht jede Fähigkeit auf jeder Position ausführen kann und auch immer nur an bestimmen Positionen stehende Ziele überhaupt anvisieren darf. Und so laufen die grauen Zellen spätestens dort warm, wo man, anstatt eine Fähigkeit auszulösen, lieber die Position verändert, um mit dem nächsten Charakter einen Feind zu attackieren, den er sonst nicht erreichen würde.

Ähnlich wie in verwandten Spielen kämpft man nicht nur, sondern sammelt auch Ressourcen, trifft in per Text beschriebenen Ereignissen kleine Entscheidungen und dreht in einem Minispiel am Glücksrad.

Hinzu kommen mächtige Spezialfähigkeiten, die man jederzeit auslösen kann, wenn sie erst mal aufgeladen sind. Ach, und sinken entweder Lebensenergie oder Moral einer Figur auf null, geht sie für immer verloren. Natürlich könnte man dann einen früheren Spielstand laden, zumal das Programm zu Beginn eines Kampfes automatisch speichert. Doch nachdem ich beim ersten Boss eine starke Feuerspuckerin verlor, bevor ich den Kampf in letzter Sekunde noch für mich entscheiden konnte, da habe ich den hart erkämpften Sieg lieber zähneknirschend (und mit in die Luft gerissener Faust) akzeptiert, anstatt einen weiteren Versuch zu riskieren.

Mit anderen Worten: Wäre das hier reine Rundentaktik, würde sie schon bei den Großen mitmischen.

Ist es aber nicht. Beziehungsweise nicht nur. Denn als Zirkusdirektor entsendet man nicht nur Patrouillen in die Nacht, sondern kümmert sich zwischen den Gefechten auch ums eigentliche Geschäft, den Zirkus. Dort entscheidet man, welche Fähigkeiten man verbessert, welche Neuzugänge man einstellt, wen man heilt, welche Verbrauchsgegenstände man herstellt und welche Zelte man auflevelt, damit das alles noch effektiver stattfinden kann.

Wie großartig dabei schon dieses Hauptmenü, sprich der Zirkus selbst erstrahlt - mit seinen zueinander versetzten Zelten, die sich auf verschiedenen Ebenen leicht gegeneinander verschieben! Dazu die stilvollen Zahnräder, Rohre und Ventile, aus denen die Menüs bestehen, sowie die Zeitung, deren Artikel nach einigen der Gefechte die Geschichte des Circus Electrique samt seines Direktors aufrollen.

Stilvolles Hauptmenü: In den verschiedenen Zelten heilt man Artisten, rekrutiert neue, stellt Ausrüstung her, erhält zusätzliche Spezialfähigkeiten und mehr.

Man entwickelt ja nicht nur die Artisten zu immer besseren und stärker spezialisierten Einheiten, um es mit immer gefährlicheren Gegnern aufzunehmen. Man setzt die im Zirkus zurückbleibenden Figuren auch als Darsteller des aktuellen Programms ein. Rein funktional betrachtet ist das nichts weiter als eine Möglichkeit zum Leveln von Charakteren, die nicht dem aktuellen Viererteam angehören...

... inhaltlich versinkt mein Kopf jedes Mal mit Haut und Haaren in dem Geflecht aus Vorlieben und Fähigkeiten der Artisten, um eine Truppe zusammenzustellen, die möglichst viele Erfahrungspunkte, Ansehen, Geld weitere sowie Ressourcen zum Aufleveln der Zelte und Herstellen von Verbrauchsgegenständen generieren sollen. Dort nur einen Stern mehr herauszuholen, fühlt sich schon wie der Gewinn eines coolen Puzzlespiels an – ein Eindruck, der hier fast ständig präsent ist.

Mit dem Zusammenstellen der Besetzung eines Programms könnte ich schon Stunden verbringen.

Circus Electrique Test – Fazit

Um ganz ehrlich zu sein, fällt es mir gar nicht so leicht, diesen cleveren Mikrokosmos in seiner Gesamtheit zu beschreiben, ohne mich in weiteren Kleinigkeiten zu verlieren, die ohnehin erst zünden, wenn man sie in Aktion erlebt. Denn ohne irgend etwas neu zu erfinden, webt Zen Studios die vertraute Rundentaktik in ein Netz aus sinnvoll verflochtenen Häkchen, die spielerisch nicht mal weit voneinander entfernt sind, aber alle für sich ständig dazu motivieren, jeden Aspekt des edlen Zirkusmanagements zu perfektionieren. Das war mir anfangs sogar eine Idee zu viel, weil die Einführung nicht gerade behutsam mit Neulingen umgeht. Das finde ich inzwischen aber so gut, dass ich euch Circus Electrique unbedingt ans Herz lege, falls Zeit für euch nicht analog, sondern in Runden verstreicht.

Circus Electrique: Pro und Contra

Pro:

  • Starkes Artdesign
  • Clevere Rundentaktik mit interessantem Positionsspiel und zahlreichen Fähigkeiten
  • Umfangreiche Entwicklung von Zirkus und Charakteren
  • Kniffliges Zusammenstellen der Artisten für Abendvorstellung
  • Unterhaltsame Minispiele zur Ressourcengewinnung zwischen den Kämpfen

Contra:

  • Überladene Einführung erschwert den Einstieg

Entwickler: Zen Studios - Publisher: Saber Interactive - Plattformen: PC, PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox Series, Xbox One, Nintendo Switch - Release: 06.09.2022 - Genre: Strategie - Preis (UVP): 19,99€

In unserer Test-Philosophie findest du mehr darüber, wie wir testen.

Über den Autor
Benjamin Schmädig Avatar

Benjamin Schmädig

Redakteur

Für ihn ist WipEout 2097 der Grund, aus dem es Videospiele gibt – aber auch Indiesachen, Shooter sowie fast alles, das mit Weltraum zu tun hat. Sucht gute Storys, knackige Herausforderungen und freut sich, wenn die grauen Zellen nicht unterfordert werden.

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