Schöner Storyansatz mit starkem Charakter, aber viel Leerlauf in einer leeren Welt und veraltete Mechaniken sorgten für schnelle Alterung.

Ach ja, das Assassin's Creed, das irgendwo zwischen der nachgereichten hübschen Version von Black Flag und der initial technischen Katastrophe Unity verloren ging. Es war diese gewisse Zeit zwischen zwei Plattformen, als ein Publisher sich bei jedem Spiel entscheiden muss, ob es sich lohnt, die schöne Version auf die alte Hardware runterzudampfen. Ubisoft entschied sich, dass das bei Unity wohl nicht möglich war - es lief schon kaum auf der neuen Hardware - und nutzte stattdessen das Grundgerüst von Black Flag, um ein gar nicht mal so kleines, eigenes Abenteuer für PS3 und 360 zu starten. Damals, Ende 2014, galt Rogue dann schnell als das bessere Assassin's Creed des Jahres, wie ihr hier im ursprünglichen Test seht.

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Kaltes, stimmungsvolles Klima: Wenn ihr die Türme in Far Cry 5 vermisst habt, dann holt euch schnell Rogue. (Assassin's Creed Rogue Remastered - Test)

Seitdem ist in der Reihe viel Zeit vergangen, auf Unity folgte das technisch bereinigte Syndicate und zuletzt das einer Frischzellenkur unterzogene Origins. Wer sagt, dass Origins auch keine Entwicklung für die Reihe sei, darf jetzt gerne einmal Rogue versuchen, das noch komplett von Systemen lebt, die teilweise fast unverändert in die Ezio-Ära zurückreichen. Es ist erstaunlich, was weniger als vier Jahre und vor allem ein sehr moderner Halb-Reboot ausmachen. Hätte ich mich nach Syndicate sehr über Rogue gefreut und nicht weiter mit der Schulter gezuckt, dass es sich so spielt, wie es das tut - nach Origins geht das nicht mehr. Dieser Teil verdirbt Rogue dramatisch die Show.

Es ist nicht die Technik. Dass Rogue auch in 4K - Pro und X - und mit ein paar mehr Lichteffekten und hübscheren Wellen nicht Origins, einem der aktuellen Technik-Vorzeigespiele, das Wasser reichen kann, war immer klar. Rogue sieht sogar gut aus, stimmungsvoll vor allem. Die raueren Wasser der amerikanischen Nordatlantikküste mit Eisbergen lassen einen wirklich ein wenig frieren, während ihr winzige Häfen in kleinen Städten ansteuert, die sich an die Felsen dieser unruhigen Gewässer krallen. Die Gegend war 1750 nicht sonderlich bevölkert, insoweit erwartet keine Großstädte. Das Meiste, was ihr besucht, sind kaum mehr als Dörfer, womit viel See und auch offeneres Land in den Flussgebieten hinein nach Kanada bleibt. Die Grafik reicht mehr als aus, um die Stimmung eines wilden, ungezähmten Landes gut zu transportieren. Man darf halt nur nicht zu genau auf die Gesichter und Texturen achten, dann passt das schon alles.

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Shay Cormack, ein starker Charakter, der ruhig ein 'großes' Assassin's Creed verdient hätte. (Assassin's Creed Rogue Remastered - Test)

Es sind die Steuerung und ein guter Teil der Geschichte selbst. Letztere beginnt stark mit dem jungen Assassinen Shay Cormac und hier und da vertrauten Namen aus dem dritten Teil. Es sieht alles danach aus, als würdet ihr wieder in die Rolle eines simplen weiteren Mannes des Creed schlüpfen, aber dann geschieht etwas, das ihn die Seiten wechseln lässt. Gut aufgebaut, von den Motivationen her glaubwürdig, sehr solider Ansatz. Dann folgt leider bis zum Finale ein vorhersehbarer Leerlauf in einer zu allem Überfluss auch ziemlich leeren Welt. Ihr macht eine Menge Zeugs, was sich aber seltsam nach Stillstand anfühlt, und erst zum gelungenen Finale in der letzten der 15 oder 20 Stunden Spielzeit findet Rogue kurz wieder in sein starkes Timing vom Beginn zurück.

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Die Seeschlachten sind nach wie vor das Highlight und allein schon einen Blick auf Rogue wert, wenn ihr Spaß mit ihnen in Black Flag hattet. (Assassin's Creed Rogue Remastered - Test)

Schlimmer ist aber die Steuerung. Während auf See eine Art abgespecktes, aber nach wie vor ganz unterhaltsames Schiffe versenken passiert, merkt ihr auf Land, wie weit sich Origins entwickelt hat. In Rogue fühlt sich jeder Schritt träge an und wenn nicht das, dann unpräzise. Ihr kommt gefühlt keine der Felswände hoch, springt oft in die falsche Richtung ab, bleibt irgendwo hängen oder klettert hoch, wo ihr es nie wolltet. Es ist fast faszinierend zu sehen, wie ungelenk sich die Serie mal spielte und wie wir dachten, dass dies elegant sei. Zugegeben, "elegant" hatten wir selbst zu Black Flag schon hinter uns gelassen, aber es fühlte sich damals immer noch als Bewegungsschema gut an. Diese Zeit ist vorbei.

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Es ist nicht nur kalt, im in den Flussgebieten Ostkanadas ist das Wetter freundlicher. (Assassin's Creed Rogue Remastered - Test)

Schlimmer ist der Kampf. Während die Stealth-Elemente mit ihren Büschen gerade noch so funktionieren, auch wenn man deutlich merkt, dass es noch einer der nicht ganz ausgereiften Ausflüge der Reihe in diesen Bereich war, ist der Kampf eine traurige Show. Lethargische Gegner, simple Konter, Buttonmashing und Langeweile. Wer eine Erinnerung daran brauchte, warum Assassin's Creed bis zu Origins nie gern über den eigentlichen Kampfablauf sprach, findet diese hier. 2014 war es okay, so funktionierte die Reihe halt. Aber nach Origins? Man kann es spielen, man kommt durch, aber auch nur, um sich danach wieder den spaßigeren Teilen des Spiels zu widmen.

Dazu zählt vor allem die Seefahrt und auch wenn diese auf dem größeren Meer von Black Flag mit mehr Shantys und besseren Boss-Schiffen unterhaltsamer war, liegt doch eine Menge Reiz darin, diese immer noch schönen Wellenberge zu durchkreuzen, Breitseiten zu feuern und Entermanöver zu starten. Ihr habt sogar ein paar neue Tricks wie einen Mörser und eine Art primitive Schnellfeuerkanone. Auch zu Fuß kamen ein paar neue Gadgets dazu, die dafür sorgen, dass ihr seltener in Schwertkämpfe verwickelt werdet und damit automatisch ein Gewinn sind. Der vorsintflutliche Granatwerfer hält euch Feinde Gruppenweise vom Leib und ein frühes Luftgewehr mit unterschiedlicher Munition hilft euch dabei, unauffällig und leise aus der Ferne zuzuschlagen. Diese neuen Waffen passen sich gut in das Szenario und den Spielablauf ein und sind definitiv willkommen. Alles, solange ich nur nicht das Schwert ziehen müsst.

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Dass der Schwertkampf in Assassin's Creed über fast ein Jahrzehnt kaum mehr als eine Notlösung war, wird klar, wenn man jetzt das alte System spielt. (Assassin's Creed Rogue Remastered - Test)

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Assassin's Creed Rogue war damals als Trost für die gedacht, die noch keine neue Konsole hatten. Und nun ist es ein Trost für alle, die das "alte" Assassin's-Creed-Feeling vermissen. Aber nach diesem Durchgang bin ich mir nicht sicher, wie viele es davon gibt. Mit Shay Cormac habt ihr einen starken und erfrischend nuancierten Charakter, der leider in der insgesamt nicht sonderlich gut getimten Geschichte zu wenige Szenenhighlights sieht. Die Seefahrt wird immer ein wenig Spaß machen, auch wenn der Reiz des Neuen schon mit Black Flag vor langer Zeit verflog. Bewegung und Kampf, zwei wichtige Aspekte des Spiels, allein schon, weil ihr so viel Zeit damit verbringt, sind schlecht gealtert und wurden in dieser Form durch Origins für obsolet erklärt. Wenn man einmal weiß, wie gut es sein kann, ist es fast unmöglich wieder zurückzugehen. Rogue galt immer ein wenig als das gute Creed, das gefühlt keiner gespielt hat. Ich habe keine Zweifel, dass ich es 2014 weit freundlicher gesehen hätte. Aber die Zeit bleibt nun mal nicht stehen.

Entwickler/Publisher: Ubisoft - Erscheint für:PS4, Xbox One - Preis: etwa 30 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Xbox One X - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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