Ich bin eigentlich jemand, der technische Innovationen liebt, sie mit offenen Armen begrüßt und gerne zu den ersten gehört, der sie ausprobiert. Ich muss aber unumwunden zugeben, dass ein aktueller Trend an mir vorbeiging: die Blockchain. Dabei ist das Thema aus der öffentlichen Wahrnehmung nicht wegzudenken, die Medien sind voll von Informationen über Bitcoin-Kurse, obwohl gefühlt nur ein kleiner Bruchteil der Leser mit dieser Information überhaupt etwas anfangen kann. Aber Blockchain ist nicht einfach nur die Technologie hinter der Kryptowährung Bitcoin, sie wird zunehmend auch für Unternehmen interessant - und nicht zuletzt für die Spieleindustrie, respektive für Online-Spiele. Denn die funktionieren aktuell zum überwiegenden Teil noch über feste Server. Wer Sea of Thieves spielen will, meldet sich auf einem solchen Server an und spielt dort gemeinsam mit anderen Leuten, die sich dort ebenfalls angemeldet haben. Das hat nur einen Nachteil: Die Community ist ganz und gar von diesen Serverstrukturen abhängig. Ist der Server offline, ist Spielen nicht möglich und wird der Server zum Opfer eines Datendiebes gehen dabei alle Informationen an Unbefugte, die auf dem Server eben gespeichert werden. Die Blockchain ist eine Möglichkeit, das zu ändern.

Mit Chimaera geht gerade eine Plattform an den Start, die die Möglichkeiten der Blockchain für Spiele nutzbar machen will. Die Plattform soll eine Fülle verschiedener Tools bieten - einerseits für Entwickler, die damit komplett dezentrale Spielwelten erschaffen können sollen, andererseits für Spieler um wirklich einzigartige virtuelle Gegenstände zu erschaffen und auf faire und vor allem sichere Weise mit ihnen zu handeln. „Unsere Vision für Chimaera ist es, die Freiheiten, die Bitcoin für Geldtransaktionen gebracht hat mit Online-Videospielen zu verbinden", sagt Andrew Colosimo, einer der Gründer von Chimaera. Was er damit meint, wird ein bisschen klarer, wenn man betrachtet, was genau eine Blockchain ist.

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Mächtige Waffen gehören zu jedem Online-Rollenspiel, wie hier bei The Elder Scrolls: Online. Aber waren diese Waffen je wirklich eure?

Vereinfacht gesagt, es geht um eine dezentrale Datenbank. Eine Blockchain besteht im Wesentlichen aus einer Reihe von Datensätzen, wobei sich jeweils ein Datensatz an der anderen reiht. Eine Reihe von Blocks also, daher der Name - wobei jeder Block hier gleichzeitig in verschlüsselter Form alle Daten der vorhergehenden Blocks enthält. Wird der Blockchain ein neuer Block hinzugefügt, wird jeweils die gesamte Kette entschlüsselt, bevor alles wieder verschlüsselt und an denjenigen weitergesendet wird, der den nächsten Teil zur Kette beizutragen hat. So entsteht ein stetig wachsendes Protokoll verschiedener Transaktionen - im Fall von Bitcoin eben finanzieller, bei Online-Spielen wären es beispielsweise Spielzüge. Das Besondere an einer offenen Blockchain-Infrastruktur wie Chimaera ist nun, dass Spieler der Blockchain einzigartige Elemente hinzufügen können, die nicht unbedingt auf einem zentralen Server vorgegeben sein müssen. Denn: „Der Computer jedes einzelnen Spielers ist sozusagen das, was sonst der Server ist", sagt Colosimo. Ebendas mache das System so sicher und wenig anfällig gegenüber Attacken. „Nur du selbst hast den Schlüssel zur Blockchain", so der Chimaera-CEO.

Viele aktuelle Spiele ziehen einen Großteil ihres Reizes aus der Individualisierbarkeit ihrer Spielfiguren. Team Fortress 2 etwa, das mehr oder minder komplett frei spielbar ist, verlässt sich darauf, dass Spieler Geld in verschiedene Hüte investieren und das Spiel so finanzieren. Und es funktioniert, Spieler mögen es, wenn sie anders aussehen als andere. Davon profitiert auch der inzwischen völlig aus dem Ruder gelaufene Markt für Waffen-Skins in CS: GO, davon leben letzten Endes aber auch die oft gehassten und trotzdem rege genutzten Lootbox-Systeme aktueller AAA-Spiele. Die Chimaera-Entwickler haben grundsätzlich nichts gegen diese Monetarisierungssystem, sie versuchen stattdessen, sie sicherer zu machen und sprechen daher im Zusammenhang mit ihrer Plattform von „nachweislich fairem Gameplay" und „garantiertem Besitz virtueller Assets". Das mag rein technisch betrachtet stimmen. Künftig gehört euch ein Waffen-Skin vielleicht wirklich und ist nicht mehr streng genug eine Leihgabe auf irgendeinem Server. Kritiker würden aber einwerfen, dass das an den grundsätzlichen Schwierigkeiten des Handelns mit gewissen In-Game-Assets natürlich aber nichts ändert. Aber das will Chimaera auch gar nicht.

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Spieler individualisieren ihre Figuren nur allzu gern. Die Nutzung der Blockchain könnte hier ganz neue Möglichkeiten bieten. (Im Bild: Musikalisches Beisammensein in Sea of Thieves)

Die Ambitionen des Unternehmens sind dennoch hoch. „Ich glaube, dass jedes Server-basierte Spiel besser sein könnte, wenn es ein Blockchain-basiertes Spiel wäre", sagt Colosimo. Das kann schon als recht gewagte Aussage durchgehen, denn hierfür muss Chimaera ein zentrales Manko von Blockchains beseitigen: die geringe Skalierbarkeit. Soll heißen: Eine Blockchain aufzubauen, in der nur einfache Finanztransaktionen gespeichert werden wie bei Bitcoin, ist noch leicht umzusetzen. Gleiches gilt vielleicht für simple Schach- oder Sammelkartenspiele. Sobald ein Online-Spiel aber die Komplexität eines MOBA oder MMO erreicht, wird es schwierig, weil die Blockchain dann schnell überkomplex wird. Chimaera will dieses Problem mit sogenannten Game Channels lösen, die außerhalb der Blockchain funktionieren. „Du kannst das mit einem Peer-to-Peer-Netzwerk vergleichen", sagt Colosimo. Dabei stimmen verschiedene Nutzer überein, sogenannte Sidechains zu eröffnen - sie schaffen so gewissermaßen eine Umgebung, die dann wiederum die Grundlage für die eigentliche Blockchain bildet. Laut Colosimo wäre es so schon jetzt möglich, MOBAS via Blockchain-Technologie zu verwirklichen.

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Elex sieht euch zu sehr nach Einheitsbrei aus? Die Blockchain könnte euch helfen, eurer Figur ein Miss-Piggy-Kostüm anzuziehen.

Klingt alles ein wenig nach Technobabble. Wird aber vielleicht anschaulicher, wenn wir uns vor Augen führen, was über Blockchain-Systeme möglich sein könnte. Wie schon erwähnt etwa gänzlich individuelle Spielercharaktere, nicht mehr solche, die sich den Möglichkeiten des Editors unterwerfen müssen. Vielleicht auch solche, die ihr nach dem Ende eines Spiels in ein anderes importieren könnt, obwohl das serverseitig gar nicht vorgesehen ist - weil es ja gar keinen Server mehr gibt. Einzigartige Spielelandschaften, Waffen und Fahrzeuge. Bei Chimaera denken die Entwickler zu diesem Zweck über Unterstützung für sämtliche Assets nach, die über die Entwicklungsplattform Unity erstellt wurden.

Einer, der sich schon jetzt viel von der Blockchain-Technologie verspricht, ist Andrew Gore. Gore und sein Unternehmen Soccer Manager ist der Entwickler von diversen Fußballmanagerspielen, darunter etwa Soccer Manager 2018. Das nächste Spiel der Reihe soll den Namen Soccer Manager Crypto tragen und auf Colosimos Chimaera-Technologie aufbauen. Das Spiel soll praktisch auf jedem System und in jeder Sprache verfügbar sein. „Alles was du brauchen wirst, ist die Blockchain auf deinem Computer", sagt Gore. Der Entwickler verspricht sich davon auch eine bessere Beweisbarkeit von Sieg und Niederlage im E-Sport. „Im E-Sport will jeder sehen, dass es fair zugegangen ist", sagt Gore. Ebendiese klare Beweisbarkeit liefere die Blockchain.

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Andrew Gore (Gründer von Soccer Manager) und Andrew Colosimo (Gründer von Chimaera).

Seien wir aber ehrlich: Die Blockchain-Technologie bringt für Spieler wie Entwickler nicht nur Vorteile, sondern auch jede Menge Herausforderungen. Bitcoins werden auch immer dann genutzt, wenn eine Finanztransaktion für Außenstehende nicht nachvollziehbar sein soll, teils in krimineller Absicht. Befürworter der Kryptowährung würden jetzt sagen, dass in der Vergangenheit auch schon zahlreiche kriminelle Geschäfte mit amerikanischen Dollars getätigt wurden und haben damit natürlich recht. Und doch birgt eine ungezügelte Blockchain gewisse Risiken. Nehmen wir allein das Thema Glücksspiel. Spielsysteme mit Lootboxen und insbesondere der Waffenskin-Handel in Spielen wie CS: GO muss sich nicht ganz umsonst den Vorwurf gefallen lassen, dass hier auf halblegale Weise teils Minderjährige an das Glücksspiel herangeführt werden. Geschieht ebendas nun auch noch ohne zentrale Server, werden entsprechende Geschäfte umso mehr der öffentlichen Kontrolle entzogen, sie finden noch mehr im Verborgenen statt. Vom Handel mit In-Game-Assets, die möglicherweise pornografischen oder verfassungsfeindlichen Inhalt haben ganz zu schweigen.

Trotzdem möchte ich hier nicht hauptamtlich Bedenkenträger sein. Die Blockchain hat zweifellos Potenzial. Allein die Vorstellung, das In-Game-Items wirklich meine Items sein könnten, mit denen ich machen kann, was ich will, ohne dass das sonst jemanden etwas angeht, ist enorm reizvoll. Und klar würde ich gerne mit meinem Charakter aus Mass Effect mal in der Welt von Skyrim herumlaufen, gerne würde ich meinen Piraten aus Sea of Thieves mal einen Blick in Assassin's Creed 4 werfen lassen, nur um herauszufinden, wie gut er mit den Seeschlachten klarkommt. Natürlich ist das in dieser Ausgestaltung noch Zukunftsmusik. Die Blockchain mag sich bei Kryptowährungen wie Bitcoin gerade einigermaßen etabliert haben, sie steckt im Gaming-Bereich aber noch in den frühsten Kinderschuhen.

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Für Sammelkartenspiele wie Fable Fortune könnte sich die Blockchain besonders gut eignen.

Und ja, auch Chimaera ist keine Plattform, die von Luft und Liebe lebt. Letzten Endes werden sowohl die Entwickler der Plattform selbst als auch die Spieleentwickler einen gewissen Anteil der Transaktionen im Spiel für sich behalten wollen. Um das überschaubar zu machen, ist unter anderem die Einführung einer eigenen Kryptowährung geplant, die dann möglicherweise auch über verschiedene Spiele hinweg eingesetzt werden kann. Und die unterliegt natürlich Schwankungen. Die Erfahrungen in den frühen Jahren von Bitcoin zeigen, dass diese bisweilen nicht unbeträchtlich sein können. Ob ihr euch dann ärgert, weil ihr in eurem Lieblings-MMO ein teures Breitschwert gekauft habt, das jetzt plötzlich nichts mehr wert ist, weil die internationalen Märkte zusammengebrochen sind, das muss die Zeit zeigen.

Es bleibt letztlich abzuwarten, ob die Blockchain wirklich die Zukunft jedes Online-Spiels ist, wie Colosimo dies vorhersagt. Denkbar ist, dass nur bestimmte Genres künftig auf die Blockchain setzen, etwa Sammelkartenspiele oder Titel, bei denen der Handel der Spieler untereinander stark im Vordergrund steht. Die Vorteile der Technologie sind allzu klar, ihre Nachteile derzeit noch schwer abzusehen. Trotzdem ist die Spieleindustrie eben immer auch Innovationstreiber - und der Technologietrend Blockchain wird an ihr ganz sicher nicht vorübergehen.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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