My Child Lebensborn: Nein, das ist kein Tamagotchi

Es ist zum Heulen.

In Nazi-Deutschland war der Verein Lebensborn auf Geheiß der SS dafür zuständig, das zu erzeugen, was das Regime unter "arischen" Kindern verstand. Das sollte funktionieren, indem einerseits unverheirateten, schwangeren Frauen anonyme Entbindungen angeboten wurden, zumindest sofern der Vater das war, was die Nazis unter einem Arier verstanden. Andererseits dadurch, dass in von den Deutschen besetzten Gebieten aktiv Kinder entführt wurden, die den willkürlich definierten Rassemerkmalen entsprachen.

Nun war der Krieg in Europa im Jahr 1945 vorbei, die Kinder aus dem Lebensborn-Programm blieben jedoch. Teils in Deutschland selbst, teilweise aber auch in jenen Ländern, die während des Krieges von den Deutschen besetzt waren. So etwa Norwegen. My Child Lebensborn erzählt auf Mobiltelefonen und Tablets die Geschichte eines solchen Kindes - nach Wahl des Spielers entweder Klaus oder Karin. Ich habe mich für Klaus entschieden. Und mich irgendwann gefühlt, als hätte ich ihn wirklich adoptiert.

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Vor dem Einschlafen könnt ihr eurem Adoptivkind noch eine Geschichte vorlesen - oder es lassen.

Man muss sich das vorstellen: In Norwegen, vom Krieg zwar nicht komplett zerstört, wohl aber wirtschaftlich gebeutelt, findet sich jemand, der das Mitgefühl besitzt, ein Lebensborn-Kind zu adoptieren. Das kann natürlich nichts für seine Herkunft, es hat ein glückliches Leben verdient, auch wenn die Geschichte seiner Herkunft dazu wohl nie beitragen wird. Mein Klaus ist ein bescheidenes Kind, es freut sich über einfache Dinge. Zu Beginn des Spiels schenke ich ihm einen Ball und es wirkt auf ihn als sei das Größte, was ihm jemals passiert ist. Meine Angst: Vielleicht ist es das wirklich. Der weitere Spielverlauf wird mich in dieser Annahme bestätigen. Und die Zukunft sieht für Klaus nicht gerade rosig aus.

My Child Lebensborn spielt im Norwegen der 50er Jahre. Der Krieg ist gerade vorbei, die Deutschen sind weg, Norwegen ist frei. Aber wie Menschen so sind, sie prügeln gerne auf Schwächere ein. Auf Lebensborn-Kinder in diesem Fall. Der Hass der Bevölkerung besetzter Länder gegenüber den Nazis ist mehr als verständlich, der Hass gegen die quasi-gezüchteten Kinder aus dem Lebensborn-Programm der Nazis ist es nicht. Ein Lebensborn-Kind zu sein ist aber ein Stigma und Klaus wird es nicht los. Es startet naiv: Klaus freut sich auf seinen ersten Tag in der Schule, endlich mit anderen Kindern zu spielen. Aber die Schule wird nicht schön, denn es hat sich herumgesprochen, wo Klaus herkommt. Und Kinder sind grausam. Sie beschimpfen Klaus, sie verprügeln ihn, zerreißen seine Kleidung, urinieren auf ihn, wenn er am Boden liegt. Klaus wird gemobbt. Und ihr erfahrt immer erst davon, wenn ihr von der Arbeit kommt.

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Die Schule ist für Klaus kein Spaß. Da kann es schon mal vorkommen, dass er sich im Schrank versteckt und ihr ihn finden müsst.

Denn das Leben ist nicht einfach. Ihr habt nicht gerade viel Geld zur Verfügung, müsst also zur Arbeit gehen und dort ein paar Stunden eures Tages zubringen. My Child Lebensborn spielt sich ein bisschen wie ein rudimentäres Management-Spiel. Ihr steht auf, bringt Klaus zur Schule, geht arbeiten, einkaufen, kümmert euch um alles, was ihr braucht. Dann kocht ihr essen, redet mit Klaus. Und ganz nebenbei erzählt der dann, was ihm in der Schule widerfahren ist. Ihr wascht daraufhin seine Klamotten, redet sogar mit seinem Lehrer, aber alles bringt nichts. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Klaus ist ein Nazi-Kind und wird es immer bleiben. Um einigermaßen realistisch darzustellen, wie es Lebensborn-Kindern in Norwegen ging, haben die Entwickler tatsächlich mit ehemaligen Lebensborn-Kindern gesprochen, die nach wie vor in Norwegen leben. Es ist also anzunehmen, dass die im Spiel gezeigten Misshandlungen durchaus etwas mit der Realität zu tun haben. Und das macht traurig.

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In einer Art Tagebuch schreibt ihr für einen erwachsenen Klaus auf, was euch bei seiner Erziehung durch den Kopf geht.

In einigen Artikeln habe ich gelesen, dass My Child Lebensborn eine Art Tamagotchi-Spiel sei, vermischt mit ein bisschen historischem Hintergrund. Ich kann schon verstehen, was die Autoren damit meinten. Klar, es gibt diese Mechaniken, ihr müsst euren Klaus oder eure Karin füttern, sogar saubermachen und außerdem zur Schule schicken. Aber wirklich stark ist das Spiel nicht in diesen Momenten, sondern dann, wenn es euch Fragen stellt. Klaus fragt euch, warum Menschen so mit ihm umgehen wie sie es tun und ehrlich, darauf gibt es keine schlaue Antwort. Im Verlauf des Spiels findet ihr immer mehr über die tatsächliche Herkunft von Klaus heraus und ich möchte nicht zu viel verraten, aber auch das führt nicht wirklich dazu, dass das Kind glücklich wird. Im Gegenteil.

Klaus malt Bilder und schenkt sie euch. Zunächst fand ich das nicht besonders rührend, später aber wusste ich es zu schätzen, dass das Spiel jedes dieser Gemälde aufbewahrt und ihr es jederzeit wieder ansehen könnt. Die Bilder findet ihr in eurem Arbeitszimmer und sie erinnern euch immer wieder an die schönen Momente mit eurem Ziehsohn - aber auch an die dunklen. Im gleichen Zimmer könnt ihr auch eure Post bearbeiten und so unter anderem mit Verwandten von Klaus kommuniziert. Ob es überhaupt eine gute Unterkunft für Klaus geben kann, ist nicht klar, sicher ist nur: Diese hier ist es nicht, denn das Mobbing hört nicht auf. Es eskaliert. Klaus wird an Bäumen im Wald festgebunden und alleingelassen. Was tun? Nur weg, könnte man seinen. Aber da ist noch der Job und die finanzielle Abhängigkeit.

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Klaus hat für euch gemalt. Die Interpretation seiner Bilder bleibt euch überlassen.

Unabhängig vom historischen Hintergrund: My Child Lebensborn ist letzten Endes zumindest auch ein Spiel gegen Mobbing. Und das ist was Gutes. Wenn Klaus vor euch steht, traurig ist, nicht versteht, warum mit ihm so verfahren wird, dann kommen euch fast selbst die Tränen. Ob ein Kind nun misshandelt wird, weil es ein Lebensborn-Kind ist oder aus rassistischen Gründen, weil es dick ist, rote Haare hat oder aus welchen Gründen auch immer: My Child Lebensborn vermittelt sehr eindrucksvoll, warum das nie okay ist. Und zwar sehr gut. Weil es euch mitfühlen lässt. Wenn ihr Klaus nach ein paar Überstunden endlich ein Kuscheltier schenken könnt und er es drückt wie nur Kinder es können und wenn das auch noch so gezeichnet ist, dass ihr nicht anders könnt als hinzuschauen ... naja, dann ist das große Kunst.

My Child Lebensborn ist kein Spiel, mit dem ihr endlos Spaß haben werdet. Es bringt euch eher zum Nachdenken und es lässt euch tatsächlich eine Beziehung zu diesem kleinen Jungen oder dem Mädchen aufbauen. An jedem Tag, an dem mein virtueller Adoptivsohn von der Schule kam, habe ich gehofft, dass er diesmal nicht geärgert wurde, aber meistens wurde meine Hoffnung enttäuscht. Manchmal konnte ich Klaus mit einem Kuchen trösten, manchmal reichte das Geld dafür nicht. My Child Lebensborn kostet aktuell 3,49 Euro. Für diesen Preis kann ich wirklich jedem empfehlen, diese Erfahrungen auch einmal zu machen.

Entwickler/Publisher: Teknopilot/Sarepta Studio AS - Erscheint für: iOS, Android - Preis: 3,49 Euro - Erscheint am: erhätlich - Getestete Version: iOS - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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