Als ich 11-11: Memories Retold zum ersten Mal gestartet habe, wusste ich gar nichts über das Spiel. Nicht, worum es geht, nicht, wie es sich spielt und nicht, wie es aussieht. Und es war die beste Art, an dieses Spiel heranzugehen, das als narratives Adventure zwar den bekannten Mustern der Telltale- und Life-is-Strange-Titel folgt, diesen aber einen ureigenen Touch hinzufügt. Auffällig ist vor allem die visuelle Darstellung, die am ehesten an ein Gemälde von Claude Monet erinnert.

Der Kunstbanause in mir zuckt mit den Schultern, aber der Spieler da drin jubelt vor Begeisterung, denn der Grafikeffekt wirkt nur noch toller, wenn sich das Spiel bewegt. Und er macht Komisches mit meinem Kopf. Im Laufe der etwa sechs Stunden, die es dauert, bis ihr die Credits zu Gesicht bekommt, habe ich immer wieder vergessen, dass dieser Effekt überhaupt existiert, obwohl ich ihn permanent vor Augen hatte. Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dass ich mir erst wieder aktiv ins Bewusstsein rufen musste, dass er da ist. Einfach, weil mich die Geschichte mit der gefühlten Intensität eines schwarzen Loches eingesaugt hat.

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Westfront, Soldat stürmt durch Artilleriebeschuss, koloriert, 1916. (11-11: Memories Retold - Test)

Bevor ihr euch fragt, wofür die Zahlen im Titel stehen: Am 11. November endete der Erste Weltkrieg durch die Unterzeichnung der Pariser Vorortverträge. Die letzten beiden Jahre des Kriegs bilden auch die Kulisse, vor der das Spiel stattfindet. Kulisse deshalb, weil es nicht wirklich um den Krieg als solchen geht, sondern um persönliche Schicksale der Menschen, die von ihm direkt oder indirekt betroffen sind. Die Entwickler haben sich hauptsächlich auf zwei Zeitgenossen konzentriert: den Kanadier Harry, der nicht als Schütze, sondern als Fotograf in den Krieg zieht und dort vor allem dem allzu selbstbezogenen Major Barret als persönliche Ein-Mann-Propagandaabteilung dient. Und den deutschen Soldaten Kurt, der sich nur deshalb freiwillig für den Fronteinsatz meldet, weil sein Sohn als vermisst gilt und er es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihn persönlich zu retten.

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Soldaten erholen sich beim gemeinschaftlichen Fischen, Frankreich, koloriert, 1916. (11-11: Memories Retold - Test)

Beide Lebenswege treffen sich im Verlauf des Spiels immer wieder. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber es wirkt schon nahezu schicksalhaft, ob man nun an so etwas glaubt oder nicht. Schicksalhaft wirkt auch die Tatsache, dass die Lebenswege der beiden immer wieder von zwei Tieren gekreuzt werden, einer namenlosen Katze und einer Taube, die ihr immer wieder auch steuern dürft. Wenn es im Verlauf der Geschichte zu Entscheidungen kommt, sind diese meist weniger direkt als ihr es etwa von den Telltale-Spielen gewohnt seid. Nur in Ausnahmefällen müsst ihr also wählen, ob ihr jemanden sterben lasst oder nicht. Nein, 11-11: Memories Retold will subtiler sein. Wenn ihr also als Harry eurem Job als Fotograf nachgeht, dürft ihr frei wählen, welche Fotos ihr eurer Freundin nach Hause schickt. Das kann beispielsweise der vor einer Flagge posierende Major sein oder schlichtweg ein Foto von einer Taube. Beide Fotos beeinflussen jeweils die Art, in der eure Freundin künftig mit euch kommuniziert. Als Kurt könnt ihr Briefe an eure Tochter schreiben, müsst aber darauf aufpassen, dass ihr die Gräuel des Ersten Weltkrieges nicht allzu detailverliebt schildert, um das kleine Kind nicht unnötig zu beunruhigen.

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Eine Partie in den Gräben, Archives départementales de Seine-Maritime, Jahr unbekannt. (11-11: Memories Retold - Test)

11-11: Memories Retold besteht aber zugegeben nicht nur aus solchen Entscheidungen, es hat auch seine Längen. Immer wieder müsst ihr nämlich auch die alltäglichen Aufgaben des Krieges erfüllen, also ein Wasserfass von A nach B tragen, ein Funkgerät reparieren oder Person A eine Nachricht von Person B überbringen. Verfolgt ihr nur diese Ziele, kann das wirklich langweilig werden. Aber das Spiel will euch etwas sagen, nämlich dass es sich lohnt, die Spielwelt zu erkunden. Nun habt ihr es in 11-11 nicht mit einer großen, offenen Welt zu tun, das Spiel ist unterteilt in viele kleine Abschnitte mit ebenso kleinen Gebieten, aber auch hier gibt es etwas zu entdecken. Sammelgegenstände etwa, die euch, habt ihr genug von ihnen gefunden, im Menü ein paar historische Fakten über den Ersten Weltkrieg erzählen. So erfahrt ihr etwa, dass der Krieg von langen Phasen des Wartens geprägt war, in denen die Soldaten auf beiden Seiten der Front nichts Sinnvolles zu tun hatten. Zu diesem Zweck wurden offizielle Kartenspiele ausgegeben, um sie einigermaßen bei Laune zu halten, die später auch zu propagandistischen Zwecken eingesetzt wurden. Und weil das so ist, könnt ihr an einigen Stellen auch an der stark simplifizierten Version eines Kartenspiels teilnehmen. Mitten im Schützengraben, umgeben von der blutgetränkten Wüste, die die Artillerie aus ehemals idyllischen Landschaften gemacht hat.

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Gefecht an der Westfront, Frankreich, koloriert, 1917. (11-11: Memories Retold - Test)

Fast wird nur am Rande klar, dass der Erste Weltkrieg einer der ersten industrialisierten Kriege der Menschheitsgeschichte war. Begriffe wie die "Knochenmühle von Verdun" kommen nicht von ungefähr und doch stehen hier eher die Personen Kurt und Harry im Vordergrund. Wenn sich Kurt versetzen lässt, tut er das nicht, weil er glaubt in einer anderen Einheit mehr zum Sieg beitragen zu können, er glaubt, dort eine bessere Chance zu haben, seinen Sohn zu finden. Und der anfangs noch naive Harry merkt bald, dass sein Wunsch, einfach nur Fotos zu machen, sich in einem solchen Szenario eben nicht ganz so leicht verwirklichen lässt, erst recht nicht unter einem exzentrischen Major.

Wie immer stellt sich bei solchen Spielen natürlich die Frage, wie sehr ihr die Geschichte tatsächlich beeinflussen könnt. Zum Ende hin: Enorm, es gibt diverse verschiedene Enden und ich glaube nicht, dass ich alle gesehen habe. Auf dem Weg dorthin: Nicht allzu sehr. Ihr könnt durch bestimmte optionale Entdeckungen zusätzliche Dialogoptionen freispielen, vor einigen Abschnitten dürft ihr wählen, ob ihr zuerst Kurt oder Harry spielen wollt - macht aber keinen großen Unterschied, weil ihr danach ohnehin auch den anderen spielt. All das hat mich allerdings nicht im Geringsten gestört. Weil es manchmal nämlich besser sein kann, die Optionen des Spielers zu beschneiden, um dafür eine Geschichte zu erzählen, die in sich Sinn ergibt. Und das tut sie hier. Es gibt zwar ein paar unrealistische Momente, aber selbst die tragen irgendwie zum Charme der Geschichte bei, die in ihrer Ölgemälde-Art ohnehin wirkt, als würdet ihr Erinnerungen spielen, die nicht mehr hundertprozentig der Realität entsprechen. Denn, ihr wisst, Erinnerungen verändern sich im Laufe der Zeit.

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Deutsches Funkgerät, defekt, koloriert, 1918. (11-11: Memories Retold - Test)

11-11: Memories Retold ist trotz aller Momente, in denen ihr nur einen Gegenstand herumtragen müsst, kein ruhiges Spiel. Immer wieder überrascht und begeistert es durch Opulenz, dramatische Szenen, untermalt mit fantastischer Orchestraler Musik und Gesang, der euch auch nach dem Spielen noch im Ohr hängen bleibt. So mancher Screenshot würde sich wahnsinnig gut dazu eignen, ihn auf Leinwand drucken und rahmen zu lassen. Nett: Die Fotos, die ihr als Harry macht, werden als Screenshot im Format 512 mal 512 gespeichert. Ihr könnt sie also danach tatsächlich ausdrucken ... und sie euch dann in den Geldbeutel stecken, so als Erinnerung. Oder ihr macht es wie ich und macht einfach nichts damit, freut euch aber trotzdem über die Aufmerksamkeit der Entwickler.

Wenn ihr in 11-11 ein Spiel mit Gameplay-Herausforderungen sucht, werdet ihr allerdings enttäuscht sein. Ihr habt es hier mit einem narrativen Abenteuer zu tun, mit großer Betonung auf dem Wort narrativ. Klar, es gibt hier und da mal ein Rätsel am Wegesrand, manchmal könnt ihr mit ein paar Leuten mehr reden als unbedingt nötig, letzten Endes werdet ihr aber durch die Geschichte doch gezogen wie an einem Seil mit ein bisschen Spielraum nach links und rechts. Man muss diese Art von Spiel schon mögen, um mit 11-11 seinen Spaß zu haben.

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Soldat in Blumenmeer, koloriert, 1918. (11-11: Memories Retold - Test)

Ich bin ein großer Freund narrativer Abenteuer, aber dieses hier hat meine Erwartungen weit übertroffen. Der Grafikstil wirkt auf Screenshots schon schön, in Bewegung aber eindrucksvoll. Den ersten Weltkrieg in diesen Farben zu sehen, die Geschichte auf diese Weise zu erleben, das hat mich unheimlich gepackt, auch wenn es spielerisch nicht allzu viel zu tun gibt. Wenn ich aber den Controller nachts um drei aus der Hand legen muss, weil mir die Augen zufallen, weiß ich, dass ein Spiel irgendwas richtig macht. 11-11: Memories Retold ist ein Antikriegsspiel wie es aktuell kein besseres geben könnte. Es stellt in großen Bildern zur Schau, wie sinnlos es zwangsläufig sein muss, aufgrund nationaler Bestrebungen aufeinander zu schießen. Und es bricht diese Erkenntnis wieder, es macht klar, dass Frieden kein Zustand ist, der durch Sitzkreise und ein bisschen Gesprächstherapie erreicht werden kann. Dafür liebe ich dieses Spiel, dieses Erlebnis. Solltet ihr auch, ehrlich. 20 Euro sind ein Witz dafür.

Entwickler/Publisher: Aardman Animations, Dixiart/Bandai Namco - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 19,99 Euro - Erscheint am: 9. November 2018 - Getestete Version: PS4 - Sprache: englisch und deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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