Die Schrecken des Ersten Weltkriegs, erzählt aus der Perspektive eines kanadischen und deutschen Soldaten, kitschfrei verpackt in einem begehbaren Ölgemälde: Der Kollege Markus Grundmann hat in seinem lesenswerten Test zu 11-11: Memories Retold zu Recht hoch gelobt.

Während der Vorstellung des ambitionierten Projekts einige Tage vor dem Erscheinungstermin, hatte ich die Gelegenheit mich mit Lionel Lovisa, Produzent bei Bandai Namco, Dan Efergan, Creative Direcor bei Aardman Animations und dem Charakter-Schauspieler Sebastian Koch über den komplexen Entstehungsprozess des Antikriegsspiels zu unterhalten. Und das gleich im passenden Rahmen des Imperial War Museum in London, in dem in einer Dauerausstellung nicht nur das martialische Kriegesgerät der Zeit zu bestaunen ist, sondern auch Fakten und Hintergründe des Weltkriegs anschaulich dargestellt werden.

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Vorgestellt wurde das ambitionierte Antikriegs-Drama stilecht im Londoner Imperial War Museum.

Eurogamer: Lionel, warum habt ihr gerade den Ersten Weltkrieg als Schauplatz gewählt?

Produzent Lionel Lovisa: Am 11.11.2018 jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal, das war unserer Meinung nach der perfekte Zeitpunkt, die Erinnerungen an das Grauen und die schrecklichen menschlichen Schicksale des ersten „totalen" Krieges in der Geschichte der Menschheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

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Produzent Lionel Lovisa mit Klatschmohn-Anstecker, einem Symbol für die Erinnerung an die zahlreichen Opfer des Ersten Weltkriegs.

Eurogamer: Ihr bezeichnet 11-11: Memories Retold als narratives Abenteuer, in dem das eigentliche Kriegsgeschehen nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Lionel Lovisa: Richtig, zuerst ist es eine ganz persönliche Geschichte von zwei Menschen, die man wirklich nicht als Helden bezeichnen kann. Auf der einen Seite der Kanadier Harry, der nichtsahnend als Kriegsfotograf an die Westfront berufen wird. Auf der anderen Seite steht Kurt im Fokus, ein deutscher Familienvater, der als Ingenieur in einer Zeppelinfabrik arbeitet und sich freiwillig zum Frontdienst meldet. Allerdings aus Vater- und nicht aus Vaterlandsliebe. Er ist auf der Suche nach seinem Sohn, der in den Schützgräben an der Somme seinen Dienst ableistet und als verschollen gilt.

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An die Ölgemälde-Optik muss man sich erst gewöhnen, aber trotz dicker Pinselstriche finden sich in den Bilder viele Details.

Der Spieler steuert in den Episoden abwechselnd die beiden Protagonisten, vom Aufbruch aus der Heimat, über die Erlebnisse an der Front bis zu dem unvermeidlichen Zusammentreffen. Dabei haben wir uns von Tagebüchern und Briefen aus der Zeit inspirieren lassen und das Geschehen wird aus zwei ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt, ohne eine der Seiten als erkennbar Gut oder Böse darzustellen. Es ist uns wichtig die Schicksale von Kriegsteilnehmern zu zeigen, die versuchen in einer unmenschlichen Situation ihre Menschlichkeit zu bewahren.

Eurogamer: Wer hat euch bei Umsetzung des komplexen Themas unterstützt?

Lionel Lovisa: Neben den großartigen Entwicklern von Aardman Animations und DigixArt konnten wir für unsere Idee eine ganze Reihe weitere Talente aus allen Bereichen des künstlerischen Schaffens begeistern. Beispielsweise die erfolgreichen Autoren Stephen Long und Ian Sharkley, die für ihre Projekte „The Experiments" und „Apocalypse" mit dem BAFTA (British Academy of Film and Television Arts) ausgezeichnet wurden sowie bereits an der Story des Spiels „Get Even" mitgearbeitet haben. Nicht zu vergessen natürlich auch den Komponisten Olivier Derivière, der unter anderem für „Alone in the Dark" und „Remember Me" die Musik geschrieben hat und mit seinem einfühlsamen Score die emotionale Handlung von „11-11" perfekt unterstreicht.

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Die Stimmung der Protagonisten verändert sich, je weiter der Krieg fortschreitet. Durch eine sich subtil verändernde Farbpalette wird der Stimmungswechsel der Protagonisten im Verlauf des Spiels visualisiert.

Eurogamer: Bei Aardman Animations denken viele gleich an Geschichten mit viel Humor, wie bei Shaun das Schaf oder Wallace & Gromit. Wie passt denn ein Kriegsdrama in euer Repertoire?

Creative Director Dan Efergan: Sehr gut sogar, wir können eben mehr als lustig sein (lacht). Wir waren direkt von dem Projekt begeistert und haben uns mit den Kollegen von DigixArt zusammengesetzt und überlegt, wie wir das wichtige Thema visuell umsetzen können.

Eurogamer: Und haben sich für spielbares Ölgemälde entschieden?

Dan Efergan: Ja, wir wollten eine künstlerische Verfremdung der Bilder erreichen. Alles sollte etwas verschwommen wirken, wie Erinnerungen, die sich im Laufe der Zeit verändern. Wir mussten unseren Computern dafür erst einmal beibringen zu malen und dabei immer die Balance zwischen der Abstraktion von groben Pinselstrichen und der Erkennbarkeit von Gesichtsausdrücken sowie den vielen Details in der Umgebung beachten. Und die ungewöhnliche Visualisierung sollte auf keinen Fall dem Szenario den Schrecken nehmen, ein noch so hübscher Sonnenaufgang auf keinen Fall das unglaubliche Leid der Soldaten in den Knochenmühlen der Schützengräben romantisieren. Das war eine echte Herausforderung für das ganze Team.

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Ein einzelner blühender Baum inmitten von Bombentrichtern: Ein bisschen Holzhammer-Symbolik muss auch mal sein.

Wir haben uns dazu noch einiger Tricks aus dem Filmschaffen bedient, beispielsweise sorgen wir mit der genutzten Farbpalette dafür, dass der Spieler, wenn auch unterbewusst, im Verlauf der Geschichte die sich verändernden Gefühle der Protagonisten miterlebt. Zuerst beginnt das Spiel mit überwiegend hellen Farben, wie gelb und orange. In weiteren Episoden verändern sich die Hintergründe und rote sowie dunkelblaue Töne herrschen vor. Dazu finden sich immer wieder die ikonischen roten Mohnfelder, die Remembrance Poppies. Ein Symbol für das vergossene Blut auf den Schlachtfeldern und Gedenken an die Opfer.

Eurogamer: Für die Stimmen wurden namhafte Schauspieler verpflichtet, so spricht Elijah Wood den Henry. Für den deutschen Soldaten Kurt wurde explizit der Charakter-Darsteller Sebastian Koch angefragt. Wie kam es dazu?

Lionel Lovisa: Wir haben nach einer markanten Stimme und einem etablierten Schauspieler, der sich mit ernsthaften Rollen auskennt, gesucht. Und es war uns wichtig, dass es sich um einen Muttersprachler handelt, der sehr gut englisch spricht, aber auf keinen Fall akzentfrei sein sollte. Auch wenn die meiste Zeit englisch gesprochen wird, so wird in den Szenen in Kurts Heimat oder in den Stellungen der deutschen Truppen natürlich deutsch mit den Kameraden gesprochen. Und das sollte unbedingt so authentisch wie nur möglich sein. Unsere erste Wahl war der „Das Leben der Anderen"-Star Sebastian Koch, der auch Erfahrung mit internationalen Produktionen, wie „Homeland" oder „Bridge of Spies" hat und glücklicherweise auch direkt zugesagt hat.

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Der Charakterdarsteller Sebastian Koch hat dem deutschen Protagonisten Kurt im Spiel seine Stimme geliehen.

Eurogamer: Herr Koch, stimmt es, dass Sie bisher noch nie ein Computerspiel gespielt haben?

Sebastian Koch: Das ist richtig.

Eurogamer: Noch nicht mal Tetris oder Pong?

Sebastian Koch: Wirklich. Ich habe noch nie ein Computerspiel gespielt (lacht). Das bedeutet aber nicht, dass ich Spielen als Zeitverschwendung betrachte, es hat mich einfach persönlich nicht interessiert, Film und Theater sind meine Leidenschaft. Als ich das Angebot für die Aufnahmen bekam, habe ich mir zuerst die Geschichte durchgelesen und war direkt begeistert. Eine glaubhafte Handlung, die zum Nachdenken anregt und einen wichtigen historischen Abschnitt jüngeren Generation nahebringen kann, da war ich gerne mit dabei.

Eurogamer: Und werden Sie nach der Erfahrung mit 11-11: Memories Retold nun mit dem Spielen anfangen?

Sebastian Koch: Auf gar keinen Fall (lacht). Aber wenn mir noch mal ein solch wichtiges Projekt angeboten wird, werde ich gerne wieder eine Rolle als Sprecher übernehmen.

Entwickler/Publisher: DigixArt, Aardman Animations / Bandai Namco Entertainment Erscheint für:PS4, Xbx One, PC - Geplante Veröffentlichung: 09. November 2018 - Angespielt auf Plattform: PS4

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Redakteur

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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