Sportler sind muskulöse Menschen, die auch geistig fit sein müssen. Zumindest für die allermeisten Sportarten. Stärke, Reflexe, schnelles Denken, vieles davon kommt zusammen. Dazu noch ein Verhaltenskodex, dass man fair und eben "sportlich" miteinander umgeht. Das ist natürlich manchmal Wunschdenken, sei es einfach bei menschlichen Fehlern aller Größenordnungen - "I, Tonya" ist übrigens sehenswert - oder bei industriell angelegten Doping-Veranstaltungen. Aber trotz dieser Mängel, Sport ist generell eine gute Sache, von Olympia bis runter in den Verein.

E-Sport nicht. Vor allem ist es aber kein Sport. Warum nicht? Nun, weil es laut (zu FAZ.de) dem hessischen Innen- und Sportminister Peter Beuth, CDU, nicht Fair Play oder die Achtung vor den Menschen vermittele (ja, der Beuth, der den Begriff E-Sport "ausradieren" will). Das ist zwar nicht meine Erfahrung im Gespräch mit E-Sportlern, die einander nicht weniger Respekt zollen als Sportler das untereinander tun. Außer sie beleidigen sich wüst, was dann ungefähr dem Level entspricht, den ich auf dem Fußball-Kreisliga-Platz um die Ecke an den Wochenenden so höre. Fair Play an Keyboard und Controller ist auch ziemlich verbreitet, wobei natürlich auch hier der eine oder andere mal schummelt und, wenn er erwischt wird, bestraft wird. Laut Herrn Beuth ist E-Sport trotzdem so wenig Sport wie Stricken oder Blockflöte spielen.

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Sport...

Nun, man kann aus allem einen Wettkampf machen und so wenig wie die meisten auf Wettkampf-Level Call of Duty spielen können, können beide meist nicht in Rekordzeit einen Pullover stricken. Es gibt auch Wettkämpfe im Hot-Dog-Essen oder Buchstabieren. Die Olympischen Spiele würden sehr lange dauern, wenn man alle Arten von Wettkampf zulässt. Und deshalb sollte man laut Minister Beuth und dem Präsidenten der Dachorganisation des Deutschen Sports den E-Sport gar nicht mehr E-Sport, sondern E-Gaming nennen. Was natürlich kompletter Blödsinn ist, weil das Ganze nun mal automatisch Gaming ist und sich vom Begriff Gaming absetzen und den sportlichen Wettkampf-Charakter betonen soll. E-Competition oder etwas in der Richtung würde wohl mehr Sinn machen, aber es wird aus den herablassenden Kommentaren der Sportfunktionäre deutlich, dass weder Kenntnis noch Interesse so weit reichen.

Aber wie es im Sport - in all seinen Spielarten - oft so ist, der entscheidende Satz ist nicht der Respekt gegenüber dem Menschen und der Begriff, sondern dass der E-Sport seine Legitimation und Anerkennung sucht, um Sportförderung zu bekommen. Beuth: "Die Vorstellung, dass die E-Gaming-Industrie um Fördermittel buhlt, halte ich für absurd."

Ja, es ist wohl absurd, dass ein strukturiertes Vereinswesen mit einer Jugend-Förderung für die "E-Competition" entsteht, bei dem die Mitglieder sich übrigens oft auch körperlich durchaus fit halten. Einen gesunden Geist braucht man dafür nämlich auch und viele der E-Sportler, die ich über die Jahre traf, haben verstanden, dass dieser in einem gesunden Körper steckt. Selbst wenn sie ihn nicht nutzen, um besonders schnell 100 Meter zu laufen.

Mir persönlich ist es komplett egal, ob der E-Sport olympisch wird oder nicht, oder ob er E-Sport heißt oder nicht. Was mir nicht egal ist, wäre eine Förderung solcher lokalen E-Sport-Vereine. Diese halte ich für genauso sinnvoll wie die eines kleinen Leichtathletik-Vereins, denn nicht der Einzelkämpfer in egal welcher Sportart lernt die oben genannten Werte. Das passiert, wenn Gruppen von Wettbewerbern zusammenkommen, gemeinsam Zeit verbringen, gemeinsam trainieren und einen solchen Kodex im Verein folgen, so weit hier in jeder Sportart auch manchmal Ideal und Wirklichkeit auseinander liegen mögen. Wäre Wett-Stricken unter Jugendlichen genauso populär wie E-Sport, dann würde ich dessen intensive Förderungen für genauso sinnvoll halten, aber sie spielen nun mal lieber Fortnite und FIFA.

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... kein Sport. Oder?

Was auch nicht egal ist, ist der herablassende, Massen an Spielern beleidigende Tonfall, der mehr an eine Parodie erinnert. Im Sinne der eigenen Werte wäre es doch eher zu sagen: "Sorry, bei Olympia geht es traditionell um Muskeln und frische Luft, ist halt so." Danach geht man dann direkt weiter zu den echten Problemen des Sportvereinswesens in Hessen, wo Herr Beuth wie gesagt nebenbei Sportminister ist. Aus dem Sportentwicklungsbericht 2015/2016: "Hauptproblem der hessischen Sportvereine bleibt ganz klar die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement. [...] Für die Vereine in Hessen liegt dieses Problem darüber hinaus über dem Bundesschnitt." Genug Arbeit also, auch ohne das E-Gaming zu erfinden.

(Bevor es nun wieder heißt "ach, die Politiker...". Dorothee Bär, CSU, streitet sich mit dem Deutschen Olympischen Bund schon eine Weile darum, wenn es um das Thema geht, und möchte den E-Sport nicht nur so nennen, sondern auch als echten Sport verstanden wissen.)

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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