Trotz zahlreicher neuer NES-Spiele im Aufgebot von Nintendo Switch Online, hatte BigN bisher Probleme, seinen Abo-Dienst für die Hybrid-Konsole als guten Deal dastehen zu lassen. Vornehmlich, weil viele - mich eingeschlossen - ihre Leidenschaft klar überschätzt hatten, all die wunderbaren NES-Klassiker noch einmal zu erleben. Zugegeben, die 20 Euro im Jahr sind nicht viel verlangt und sobald das passiert, was wir alle erwarten und auch Super-Nintendo-Titel hinzukommen, dürften viele Spieler ihre Haltung zu dem Angebot überdenken.

Doch so lange müssen wir gar nicht warten: unmittelbar nach der letzten Nintendo Direct veröffentlichte der Mario-Konzern kostenlos für alle Kunden von Nintendo Switch Online die Killer-App, von der wir gar nicht wussten, dass wir sie brauchten oder wollten. Ein Spiel, direkt aus einem mäßigen Scherz, den man seit Anbeginn des Battle-Royale-Trends regelmäßig zu hören und zu lesen bekommt: Tetris Battle Royale! Nur, dass es hier Tetris 99 heißt und in Sachen Regelwerk und Umsetzung alles andere als zum Lachen ist. Es ist eine durch und durch ernst gemeinte und ausgereifte neue Art, Tetris zu genießen.

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Tetris bleibt Tetris ...

Und noch etwas ist es: die perfekte Ergänzung zu Tetris Effect! Stellte Tetsuya Mizuguchis meditatives Meisterwerk noch das Solo-Erlebnis in den Vordergrund, um zu beweisen, dass eine Mischung aus Steinchendrehen, Klängen und chilliger Musik zu Tränen rühren kann, konzentriert sich Tetris 99 allein auf die mathematisch-hartherzigen Seite des zeitlosen Klassikers und inszeniert ihn als knallhartes Wettbewerbsspiel um das Jeder-gegen-jeden-Prinzip herum. Die Basis bildet der alte Multiplayermodus. Ihr erinnert euch: der, bei dem ihr eurem Gegenspieler eine, zwei oder vier der Steinzeilen auf seinen Bildschirm schickt, die ihr soeben gelöscht habt.

So weit so gut. Aber es kommen auch noch ein paar Feinheiten aus der Turnierszene der Klötzchenlegende hinzu. Das umfasst in erster Linie Bonuslinien, die der Gegner bekommt, wenn ihr T-Spins, Kombos und dergleichen einsetzt. Ergänzt wird das um ein paar neue Einfälle, die spielerischen Profit aus dem Battle-Royale-Gedanken ziehen. Daraus ergibt sich nicht nur eine irre spannende Tetris-Variante, sondern auch eine gesalzen Lernkurve. Wer sich allein darauf konzentriert, seinen eigenen Turm an Steinen korrekt und sauber zu halten, ist längst verloren. Tatsächlich müsst ihr den direkten Konflikt mit der 98-köpfigen Konkurrenz suchen.

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... bleibt Battle Royale.

Links und rechts eures Spielbildschirms seht ihr Miniaturansichten eurer Gegner und entscheidet dann durch direktes Antippen (weniger empfehlenswert) oder einen von vier generellen Befehlen, wen ihr angehen wollt. Letzteres ist definitiv die bevorzugte Art, sich ins Steinchengefecht zu werfen. Zu Beginn steht die Einstellung auf zufällig, aber ihr dürft auch Spieler ansteuern, die kurz vor einem KO stehen, die euch attackieren (symbolisiert durch gelbe Linien, die von ihren Thumbnails in Richtung eures Bierbildschirms zeigen) oder diejenigen, die über die meisten Medaillen verfügen.

An dieser Stelle kommt eine Facette ins Spiel, die ich die ersten Stunden hindurch noch nicht begriffen hatte. Das ist nicht einmal so ganz meine Schuld, denn Tetris 99 ist so aufs Wesentliche heruntergekocht, dass es ihm nicht einmal in den Sinn kommt, sein Regelwerk selbst zu erklären. Es gibt kein Tutorial, nicht mal eines zum Lesen. Was ich weiß, weiß ich von Reddit. Einerseits spricht es für das Spiel, euch vom Hauptmenü ohne weitere Option einfach drauflos spielen zu lassen, andererseits kriegt man zu Beginn ganz schön auf die Mütze und weiß nicht so recht warum.

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Hier rechts gut zusehen: Die Medaillen, die als Multiplikator fungieren. Mehr Stärke durch 'Abschüsse', kennt man aus PUBG und Konsorten, in denen man sich das Loot seiner Opfer einverleibt und damit die Jagd gestärkt fortsetzt.

Für jeden Spieler, dem man rauskegelt, bekommt man einen Medaillenteil, die erste Medaille ist mit zwei KOs komplett, für die nächste müsst ihr vier weitere hinbekommen, und so weiter. Ein anderer Weg an diese Abzeichen zu kommen, besteht natürlich darin - und hier kommt Tetris 99 den Battle-Royale-Gedanken am nächsten -, sie anderen Spielern durch ein KO abzunehmen. Mit jeder Medaille schickt ihr eurem Gegner 25 Prozent mehr Zeilen unter ihren Turm. Ihr seht schon, dass hier ist Tetris wie es im Buche steht, und doch müsst ihr es spielen, wie das Free for all, das es ist. Wer's trotzdem hinbekommen, sich mit konventioneller Tetris-Denke unter die ersten 20 zu schmuggeln, erlebt spätestens dort sein blaues Wunder. Es ist, als würde man bei PUBG nur mit einer Pistole bewaffnet im letzten Zielkreis landen.

Wenn das für euch wie eine gewaltige Multitaskingaufgabe klingt, dann liegt ihr richtig. Ich glaube nicht, dass ich bei einer Partie Tetris schon einmal so einen Druck verspürt habe wie hier. Ihr wisst selbst am besten, ob diese Sorte pulstreibender Knobelei etwas für euch ist. Für mich ist sie - kaum, dass ich mit Tetris Effect mehr oder weniger am Ende war - schon wieder eine neue, nicht weniger berauschende Art, dieses zeitlos-fesselnde Erfolgsrezept zu genießen. Und das, obwohl man visuell und in Sachen Musik sogar meinen könnte, mit der 99 im Titel wäre das Erscheinungsjahr gemeint, so beliebig hingeschlonzt sieht es aus.

Alles egal: Tetris 99 ist der beste Grund, sich Nintendo Switch Online zumindest mal durch den Kopf gehen zu lassen. Und wer weiß, vielleicht steht uns von dieser Sorte Goodie ja noch mehr ins Haus?

Entwickler/Publisher: Arika/Nintendo - Erscheint für: Switch - Preis: kostenlos mit Nintendo Switch Online - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.