Ich werde nie das Gefühl vergessen, als ich anno 2007 zum ersten Mal Stalker: Shadow of Chernobyl spielte. Seit Jahren hatte ich das Projekt in der Fachpresse beobachtet und jeden Infoschnipsel gierig aufgesogen. Über fünf Jahre nach der ersten Ankündigung, obgleich inzwischen böse Gerüchte und Vaporware-Vorwürfe am Ruf des Spiels nagten, erschien Stalker endlich und ließ viele vorab kritische Stimmen erst einmal verstummen.

Schon nach kurzem Anspielen war ich mir sicher: Stalker wird das Medium Computerspiel verändern. Jeder Ego-Shooter wird sich künftig mit diesem bockigen, aber äußerst atmosphärischen Titel vergleichen lassen müssen.

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Oh, Stalker, du Meisterwerk des Tscherno-Horrors.

Die Spielwelt-Gestaltung, die natürlich wirkenden Umgebungsgeräusche, die rätselhafte Eigendynamik der verschiedenen NPC-Fraktionen. Hinzu kommt meine perplexe Verwunderung darüber, im Alter von damals 23 Jahren noch echte und ehrliche Angst beim Spielen zu verspüren. Da war echter Bammel davor, die lauschige Nähe eines Gitarre spielenden Ödland-Typen verlassen zu müssen und allein hinaus in die rätselhafte Zone zu wandern ... Seit Resident Evil auf der Ur-Playstation hatte ich diese Art von Angst und Verunsicherung nicht mehr gespürt, und als Capcoms Survival-Klassiker herauskam, war ich vielleicht 14.

Stalker war wirklich ein rauschartiges Erlebnis. Dass mein Eindruck so intensiv ausfiel, mag auch damit zu tun gehabt haben, dass ich meinem Hobby zuvor eine zweijährige Auszeit gegönnt hatte und als ersten Fix nach dieser langen Abstinenz direkt eine Überdosis ukrainischer Postapokalypse abbekam. Entsprechend heftig schlug die Dröhnung rein. Ein Abhängiger rennt ein Leben lang seinem ersten High hinterher, auch wenn er es nie wieder so intensiv erleben wird. Umso überraschter war ich kürzlich, als das schwer zu beschreibende Kribbeln der Sperrzone Tschernobyls unerwartet wieder von mir Besitz ergriff.

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Chernobylite könnte das Spiel werden, auf das Stalker-Fans seit über einem Jahrzehnt warten.

Da war er nämlich, dieser Trailer zu einem Spiel, das ich bis dahin nicht kannte, einem Survival-Horror-Adventure, dessen Name allein mir einen wohligen Schauer über den Rücken jagt: Chernobylite. Ich musste erstmal googlen, was das überhaupt bedeutet. Tschernobyl Lite? Da denkt man zuerst an Survarium - einen simpel gestrickten Multiplayer-Shooter von einigen ehemaligen Stalker-Entwicklern, die sich unter dem Namen Vostok Games neuformiert hatten.

Aber mitnichten will Chernobylite die abgespeckte Version von irgendetwas sein. Tschernobylit, auch Corium (von Engl. "Core", zu Deutsch "Kern"), ist ein Kunstwort und bezeichnet die lavaartige, hochradioaktive Substanz, die bei einer Kernschmelze entsteht. Das ist mal ein Titel, der alle anwesenden Honigkuchenpferde und Regenbögen aus den Gedanken vertreibt und sie durch das alarmierende Ticken eines Geigerzählers ersetzt.

Jetzt hab' ich einen Ohrwurm:

Passen dann auch noch die gezeigten Bilder des bislang einzigen Trailers zum Gewicht des Namens, ist das alte Gefühl sofort wieder da. Stalker, ich installiere dich noch einmal und statte der Zone einen Besuch ab, bedank' dich beim polnischen Entwickler The Farm 51 und seinem Trailer zu Chernobylite. Aber schaut euch das Ding am besten selbst mal an:

Wer jetzt keine Gänsehaut bekommen hat, sollte dringend seinen Dermatologen aufsuchen. Schon gut, es ist ein Teaser, und Teaser teasen eben, aber das war ja noch nicht alles, was es zu Chernobylite zu sehen gibt. Wenn ihr die postapokalyptische Romantik nicht vertreiben wollt, ist das nächste Video vielleicht zu trocken für euch. Es ist Gameplay eines technischen Prototyps, anhand dessen Entwickler Wojciech Pazdur von The Farm 51 auf dem Entwickler-Kongress Unreal Fest Europe 2018 die Verwendung von photogrammetrischen Scans im modularen Level-Design von Chernobylite erläutert. Sehr technisch, aber streng genommen ist es das erste zusammenhängende Gameplay vom Horror-Shooter.

Kurz und knackig zusammengefasst: The Farm 51 war in der Umgebung Tschernobyls unterwegs, um Fotos und Videos aufzunehmen und diese per Photogrammetrie-Verfahren in die Spielwelt Chernobylites zu verwandeln. Ziemlich cool irgendwie. Und mutig. Wieso hat sich eigentlich kaum jemand sonst dieses Videospiel-Themas angenommen und wenn es versucht wurde, warum dann so halbgar?

Und überhaupt: Wieso warten wir 2019 immer noch auf Stalker 2? Klar, es gab mit Clear Sky ein von Bugs geplagtes Prequel und mit Call of Pripyat sogar einen technisch ausgereiften Nachfolger, außerdem gibt es die beachtliche Remake-Mod Lost Alpha. Aber ein technisch modernisiertes "echtes" Stalker 2 wurde mitten in der Entwicklung eingefroren und erst kürzlich wieder aufgetaut.

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Fear the Wolves macht einiges richtig, aber zu viel falsch. Frisch dem Early Access entwachsen, gehen dem Battle Royale bereits die Spieler aus.

Man sollte noch das Tschernobyl-Battle-Royale Fear the Wolves nennen, entwickelt vom erwähnten Survarium-Studio Vostok Games. Die ursprünglich für Stalker typische Atmosphäre der Zone vermag das Spiel durchaus glaubhaft umzusetzen, sogar mit den gefürchteten radioaktiven Anomalien und KI-gesteuerten Wölfen. Aber das Ganze als Battle Royale, zudem noch technisch unausgereift? Das will niemand spielen, leider! Denn eigentlich ist Fear the Wolves nicht schlecht und macht an vielen Stellen viel richtig, besonders aus Shooter-Sicht. Das konnte Survarium auch schon, aber eins hat Vostok nicht verstanden: Die Fans von Stalker sind in erster Linie wegen des Szenarios dort. Wegen der Geschichte, wegen des eigenen Tempos, der Freiheit, selbst in die Zone zu gehen. Da möchte man keinen Timer, keine Kill-Death-Quote und keine kleiner werdende Spielwelt.

Eines der wenigen Spiele (neben der exzellenten Metro-Reihe), die der Atmosphäre von Stalker das Wasser reichen können, ist meiner Ansicht nach Escape from Tarkov. Der russische Entwickler Battlestate Games hat den Wunsch der Zielgruppe verstanden, in Tarkov soll mal echte Freiheit herrschen. Derzeit herrscht noch fragmentierte Freizügigkeit; Tarkov drückt seinen Spielern einzelne Instanzen und einen Timer auf, setzt aber ansonsten auf maximale Entscheidungsfreiheit.

Dass Battlestate den Wunsch nach Freiheit verstanden hat, zeigt aber vor allem der geplante 64-Spieler-MMO-Modus, der ganz am Ende der Early-Access-Roadmap als großes Versprechen am Horizont funkelt. Fans von Survivalspielen hoffen, dass es sich nicht als Fata Morgana entpuppt.

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Wenn die Macher von Escape from Tarkov morgen Stalker 3 ankündigen würden, wäre morgen ein schöner Tag.

Was Tarkov schon jetzt im Übermaß zeigt: Das schwer nachahmbare Händchen für dreckig-atmosphärische (oft postapokalyptische) Spielwelten, das in der Videospiel-Branche heute ein Markenzeichen osteuropäischer Spieleentwicklung geworden ist. Um mal einige große Namen zu nennen, die noch aktiv entwickeln:

GSC Game World (Stalker), Vostok Games (Survarium, Fear the Wolves) und 4A Games (Metro-Reihe) aus der Ukraine, Bohemia Interactive (DayZ, Arma-Reihe) und Warhorse Studios (Kingdom Come) aus Tschechien, CD Projekt Red (Witcher-Reihe, Cyberpunk 2077), 11 Bit Studios (This War of Mine, Frostpunk), Techland (Dying Light, Call of Juarez) und The Farm 51 (World War 3, Chernobylite) aus Polen, Wargaming (World of Tanks) aus Weißrussland und eben Battlestate Games (Escape from Tarkov) aus Russland.

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Metro Exodus ist nur eines vieler beeindruckender Beispiele für die Qualität osteuropäischer Studios in puncto Spielweltdesign und Atmosphäre.

Ich denke, meine Erwartungshaltung gegenüber The Farm 51 und Chernobylite rührt ein Stück weit daher, dass ich von den oben genannten Entwicklern in Fragen authentischer Spielwelt-Atmosphäre bislang nicht enttäuscht wurde. Und dass der Teaser-Trailer eben dieses alte Gefühl wieder aufkeimen lässt, nein, eigentlich sogar ein Verlangen, macht mich regelrecht kribbelig. Als alter Stalker-Fan kann ich weitere Neuigkeiten zu Chernobylite kaum erwarten. Der Release ist für Herbst 2019 geplant.

Entwickler/Publisher: The Farm 51 Erscheint für: PC - Geplante Veröffentlichung: Herbst 2019

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