Blood & Truth - Test: Brille auf, Hirn aus!

Es muss nicht alles Astro Bot sein.

Ich weiß, der Schnappreflex bei einem VR-Spiel, noch dazu mit Empfehlung drüber, ist dieser Tage enorm. Sonys Brille wird zwar ordentlich mit neuen Erlebnissen versorgt, aber es ist natürlich kein Vergleich zur Schwemme an TV-basierten Erlebnissen, die täglich über einen hereinbricht. Ein so großformatiges, aufwändiges Spiel will man natürlich auch honorieren. Aber man sollte vorher auch genau wissen, was man sich hier ins Haus holt, damit man keinen Fehler macht.

Das hier ist dummes, gutaussehendes Popcorn-Kino zum Mittendrinsein - mit allem, was dazu gehört: Spektakel-Zeitlupen vor riesigen Explosionen, dummen Sprüchen bis zum Dorthinaus und einer leichteren und schnippischeren Attitüde, als dem Hintergrund des organisierten Londoner Verbrechens eigentlich angemessen wäre. Es ist teils Schießbude, wie man sie mehr oder weniger schon gut aus jedem zweiten anderen VR-Spiel kennt, teils überraschend gut gespielter Film, der sich um euch herumwickelt und ein paar Interaktionen erlaubt, die euch mehr mit der Welt verschmelzen lassen.

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Dual Wielding: ohne Move-Controller eher unpraktisch. Mit zwei Move-Controllern allerdings extrem cool (Blood & Truth - Test)

In spielerischer Hinsicht ist es ein Titel, den man so auch vor drei Jahren zum Launch hätte haben können und den man mit Ausnahme seiner besten Momente schnell vergisst, wenn man die Brille wieder abnimmt. Kein Zweifel: Das Medium VR bringt er mit Hinblick auf Gameplay-Werte nicht weiter - und anders als etwa im Fall von Astro Bot würde kein Hahn nach Blood & Truth krähen, wenn es kein VR-Titel wäre. Ohne den Virtual-Reality-Faktor würde man sich hier in einem Mix aus Virtua Cop und CD-Rom-Filmspiel fühlen. Aber es ist nun mal in VR und es versteht die Wirkung dieser Darstellungsweise bestens.

In gewisser Weise ist es das richtige Spiel zur richtigen Zeit. Nur, ob es eins für euch ist, müsst ihr selbst entscheiden. Es ist genau die Sorte abendfüllender Unterhaltung, von der man so lange behauptete, dass es sie für VR nicht oder kaum gäbe. Talentierte Schauspieler, die per exzellentem Performance Capture rings um euch herum gute Darbietungen abliefern und Set-Piece-Schießereien, zu denen auch Nathan Drake nicht "nein" sagen würde, nehmen euch atmosphärisch gut in die Mitte. Wenn der Arm eines Krans direkt neben euch durch die Wand eines abrissreifen Hochhauses bricht und ihr zum Sprung auf den Container ansetzt, der von seiner Spitze hängt, macht das in VR natürlich noch mal mehr her - der Kran ist größer als auf dem TV, der Boden viel tiefer unten. VR-Achterbahn in perfektionierter Reinkultur.

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Familie Marks auf Rachefeldzug. (Blood & Truth - Test)

Dass in jedem zweiten Level fast durchgehend geschossen wird, ohne dass ihr euch frei bewegen könntet - ihr huscht einfach zwischen fixen Punkten durch ein Controller-Kommando hin und her, Protagonist Ryan geht hinter halbhoher Deckung automatisch in die Hocke -, wirkt auf dem Papier antiquiert, funktioniert in dieser Sorte Spiel aber besser als teleportieren und stufenweises Drehen. Zielen und Schießen gelingt per Move Controller naturgemäß am besten, weil ihr mit beiden Händen unterschiedliche Dinge machen könnt, beziehungsweise müsst - Pistole rechts, nachladen links. Die freie Hand kann zudem Granaten werfen, Munition greifen oder eben eine zweite Waffe führen. Und davon gibt es reichlich. Alle paar Meter wechselt ihr von der 9mm zur Magnum zur abgesägten doppelläufigen Schrotflinte oder zum Karabiner mit Zielfernrohr, das wie alle Visiere im Spiel bestens funktioniert.

Hier und da haltet ihr, um ein Schloss zu knacken oder einen Sicherungskasten zu manipulieren. Mini-Game-Kram, der unterhält, weil man aktiv mit den Sachen hantiert. Nichts stoppt euch wirklich oder Ryan, den Tough-Guy-Gangstersohn und Soldaten, der gerade von seinem Einsatz für die Armee in *husthust*istan zurück ist, weil der plötzliche Tod seines Vaters Begehrlichkeiten bei einem konkurrierenden Syndikat weckte.

Zusammen mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern geht es in erster Linie darum, den Übernahmeversuch von Mob-Boss Tony Sharp zu vereiteln. Das Spiel tut gut daran, sich nicht zu ernst zu nehmen - auch wenn natürlich die Protagonisten-motivierenden NPC-Tode an den dafür vorgesehenen, wenig überraschenden Stellen für Drama Sorgen und die Stimmung für einen Moment runterziehen.

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Auch Granaten machen mit Move deutlich mehr Spaß. Das Spektakel kann sich aber so oder so sehen lassen. (Blood & Truth - Test)

Schön vor allem, wie es dem Spiel zwischen den Schießereien gelingt, immer wieder szenariotechnische Glanzpunkte zu setzen. Eine virtuelle Kunstausstellung einmal bei Tag und dann nochmal - heimlich - bei Nacht zu besuchen, bringt ein paar wohlverdiente Lacher und interessante visuelle Momente mit, die vor einem realistischeren Szenario nicht drin gewesen wären. Ein anderes Highlight war eine Schießerei, die ich hinter einem DJ-Pult begann und dann zwischen zwei Magazinen halb tanzend, halb ballernd die Musiktracks und die Lichtshow mit dem Synthesizer vor mir beeinflusste.

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Auch mit dem DualShock 4 gibt es übrigens Bewegungssteuerung. Allerdings hält Ryan in dieser Kontrollvariante beide Hände ausgestreckt vor sich wie ein Serienstrangulierer, der die gutbürgerliche Unschuldsfassade nicht länger aufrechterhalten kann oder will. Auch machte das Tracking hier und da Probleme, einerseits weil die Sensorik und Erfassung des DS4 durch die Kamera nicht so exakt sind wie die von Move. Und andererseits, weil ich immer wieder den Blick der Kamera auf die Brille verdeckte, wenn ich beide Arme samt Controller in der Mitte zum Zielen vors Gesicht riss und so das Tracking ungenauer wurde.

Mit zwei Moves passierte das auch hin und wieder, aber insgesamt sind die Interaktionen damit einfach präziser und vielfältiger. Diese Art Probleme kennen alle PSVR-Spiele mit ausladender Bewegungssteuerung. So lange die Kamera den Großteil der Arbeit machen muss, so lange suchen wir User nach einer guten Position, aus der das Tracking für die meisten Spielsituationen noch zuverlässig gegeben ist.

Insgesamt ist Blood & Truth ein sehr unterhaltsamer, zwei, drei Spielabende mit seiner Kampagne gut unterhaltender Ritt durch die volle Bandbreite an Brit-Gangster-Klischees in einer Aufmachung, die in VR ihresgleichen sucht. Ein wenig Sammelkram will - in meinem Fall mit wenig Erfolg - gegen Trophäen zu erneuten Sitzungen einladen, netter ist da schon der Herausforderungsmodus, in dem ihr auf Highscorejagd gehen könnt, die in Zukunft noch erweitert werden soll.

Blood & Truth erfüllt seinen Zweck, Virtual Reality als vielfältige Plattform mit publikumswirksamen Spielen zu versorgen, bestens. Nicht alles kann Astro Bot oder Tetris Effect sein - Spiele für Lieblingslisten - und nicht jeder wird sich einem Spiel wie diesem, das in erster Linie aus Politur und Krawumms besteht, so zugetan fühlen. Und das ist okay. Aber man muss schon harten Herzens sein, um ein Spiel, in dem es eine Extra-Taste gibt, um einen Revolver um seinen Zeigefinder herumwirbeln zu lassen, nicht irgendwo knorke zu finden.

Entwickler/Publisher: Sony London / Sony - Erscheint für: PS4/PSVR - Preis: ca. 40 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PS4 Pro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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