Lonely Mountains Downhill - Test: Das Must-Have des Jahres, das ihr nicht auf dem Zettel hattet!

Platz da, Trials!

Entspannend, motivierend, furchterregend: Megagon gelingt ein Spiel von zeitloser Eleganz. Mehr Spaß hatte ich auf zwei Rädern noch nie.

Das passiert selten genug, aber bei einigen Spielen merkt man irgendwie sofort, dass man etwas Besonderes unter den Fingern hat. Selbst bei dieser Gattung Spiel gibt es noch Unterschiede: Es gibt die, bei denen man denkt, "so etwas hat mir noch kein anderes Spiel gezeigt", die, die einen besonders effektiv an einen anderen Ort transportieren und diejenigen, die man sofort als zeitlos unverwüstliches Konzept erkennt. Lonely Mountains Downhill - die Versuchung, es für den Rest des Textes "LMD" abzukürzen, ist groß, aber dieses Spiel hat sich verdient, bis zum Schluss ausgeschrieben zu werden - gehört in letztere Kategorie.

Es ist die Sorte Spiel, die ebenso sparsam wie elegant wenig Systeme und Controller-Eingaben zu einem Regelwerk vereint, das man sofort verinnerlicht. Ein Spiel, das es einem einfach macht, es zu lieben. Unmittelbar begreift man, wo der Spaß herkommt und warum man ihn auch in zwei, fünf oder 20 Jahren noch genauso haben wird wie zu Beginn. Kurzum und auf die Gefahr hin, mich schon direkt in der Einleitung mit meinen eigenen Superlativen zu erhängen: Das ist eigentlich der Stoff, aus dem zeitlose Klassiker gemacht sind, die auf ewig funktionieren werden.

10
Das Spiel zeigt euch beim Durchfahren eines Checkpoints direkt, wenn ihr eine gute Zeit hingelegt habt. Ab und an ist vor allem auf den Abkürzungen mal ein Zweig im Weg der Kamera. Sobald man jedoch die Steuerung verinnerlicht hat, spielt das kaum noch eine Rolle.

Man rollt unter Einsatz von nichts mehr als Lenkung, Gas, Bremse und Sprint keine 20 Meter den wunderbar schaukastenartig und in wenigen, scharfkantigen Polygonen stilisierten Berg hinunter (ein zunächst sicher aus der Not geborener Look, der vom Fleck weg irgendwie markant und ikonisch wirkt), da fragt man sich auch schon, warum sonst noch niemand so ein Spiel gemacht hat und - falls doch -, wie man das bisher verpassen konnte.

So mühelos changiert das Spiel zwischen relaxtem Cruisen unter ohrenbetäubend schönem Vogelgezwitscher, plötzlichen Anflügen von Ehrgeiz, weil man sich törichterweise sicher ist, eine Schikane auch auf der Luftlinie gefahrlos abkürzen zu können und schließlich sich als Schweiß in den Handflächen sammelnder Todesangst.

Irgendwann geht die Motivation nach einer besseren Zeit eben doch mit einem durch und man rauscht mit angehaltenem Atem und verkrampften Fingern jede noch so nach Krankenhaus aussehende Böschung runter - nur um oft genug überrascht zu werden, wo man ankommt und wie viel Zeit man gerade gespart hat. Auf jedem der vier Berge - zu je vier Strecken - gibt es Abkürzungen, die gefühlt (und zum Teil sicher auch tatsächlich) zweistellige Sekundenzahlen von eurer Gesamtzeit wegschmelzen lassen, wenn ihr denn das Können beweist, und die Nerven behaltet, sie auch zu nehmen.

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Es steckt viel Schönheit in dieser sparsamen Gestaltung. Das Spiel ist auf Xbox und PC übrigens im Game Pass enthalten.

Obwohl die meisten der in sechs bis neun Etappen unterteilten Strecken auf dem normalen Weg kaum länger als drei Minuten in Anspruch nehmen, ist man trotzdem mit jeder einzelnen von ihnen ewig beschäftigt und wundert sich irgendwann schon gar nicht mehr, wenn man plötzlich eine geschlagene Minute schneller unten ist - und immer noch Luft nach oben sieht. Man ruht einfach nicht, bis man nicht auch noch die letzte der oft gut versteckten, überraschend häufig aber auch einfach durch waghalsige Experimente entdeckbaren Abkürzungen gefunden hat. Wann immer es kracht und der bemitleidenswerte Low-Poly-Fahrer mit einem schmerzhaften Ragdoll-Effekt sein Ende findet, ist man mit nur einem Tastendruck zurück am letzten Checkpunkt und versucht es wieder. Und wieder. Und wieder. Der Sog der Leaderboards ist einfach so stark.

8
Man freut sich direkt auf den nächsten Abschnitt.

Wenn euch das bekannt vorkommt, dann habt ihr sicher schon mal Trials gespielt. Aber Lonely Mountains Downhill wirkt frischer, zugleich weniger verbissen und trotzdem verwegener. Es ist einladend, freundlich, findet sein Spektakel im Klang spritzenden Schotters, unvermittelten Abflügen nach unbeabsichtigtem Kontakt mit der Vegetation oder überraschend gefundenen Rastplätzen, an denen man einfach nur für einen Moment verweilt und die Einsamkeit des Berges auf sich wirken lässt. Neben erwähnten Ruhepunkten schaltet man natürlich durch das Erfüllen diverser Herausforderungen - Zeitvorgaben, Sturz-Limits, solche Dinge eben - neue Lackierungen, Fahrer-Outfits und Bauteile neuer Bikes frei und hat man davon alle sechs, steht ein neuer Drahtesel in der Garage.

9
Eigentlich sollte ich da unten langfahren.

Und dann geht das Spiel erst richtig los, denn gewisse Passagen lassen sich mit einigen Bikes sehr viel einfacher nehmen, andere Abschnitte wiederum, die man mit dem Standard-Rad längst gemeistert hatte, werden mit dem neuen Gefährt problematischer, weshalb man umdisponieren muss. Man muss nicht nur mit dem drastisch unterschiedlichen Fahrverhalten klarkommen, man lernt auch die Berge neu kennen und puzzelt sich zwischen einzelnen Versuchen (und abends im Bett, wenn man eigentlich einschlafen will) im Kopf den perfekten Run aus allen gefundenen Abkürzungs- und Bike-Kombinationen zusammen. Es ist unfassbar, wie viel Tiefe Megagon aus einer einfachen Spielidee holte.

Falls ihr es bis hierhin nicht gemerkt habt: Wer Lonely Mountains Downhill nicht spielt, hat was verpasst. Es ist so universal ansprechend und so wunderbar selbsterklärend, dass es mit dem Teufel zugehen müsste, wenn sich hierum nicht eine treue, engagierte Community sammelte. Mehr noch, dieses kleine Schmuckstück hat das Zeug zum Phänomen, denn wenn ich das hier spiele, denke ich an den A-ha-Effekt, den ein Trials oder ein Rocket League damals darstellten. Ob Lonely Mountains Downhill eine vergleichbare virale Karriere vergönnt ist, vermag ich nicht zu sagen. Wichtig ist: Megagon hat so gut wie alles richtig gemacht und uns vier Berge hingestellt, gegen deren unüberhörbaren Ruf jeder machtlos ist, der ihn einmal vernahm. Ich bin dafür, ihr spitzt die Ohren.

Entwickler/Publisher: Megagon/Thunderful - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Switch - Preis: ca. 20 Euro - Erscheint am: 23. Oktober, Switch später - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PC

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2019 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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