A Short Hike ist, wenn Animal Crossing ein bisschen mehr wie Zelda wäre

Noch nicht bereit für den Alltag? Verlängert hiermit eure Ferien!

Was für ein kleines Juwel mir da doch bisher durchgerutscht ist! A Short Hike ist ein herziges Solo von Adam Robinson-Yu, der mit viel Charme und Gefühl auf einen entspannten virtuellen Wochenendausflug einlädt. Zusammen mit seiner Tante macht sich Vogeldame Claire zur Stadtflucht auf eine Insel auf, allerdings stellt sich bei der Ankunft heraus, dass es auf dem Eiland keinen Handy-Empfang gibt - und dabei wartet Claire auf einen wichtigen Anruf.

Euer einziges verbrieftes Ziel ist also: Den Gipfel des Hawk Peak Berges zu erreichen, der sich ziemlich majestätisch aus der Mitte des pittoresken Fleckchens Erde erhebt. Denn von dort aus kann man mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen. Das ist alles. Worum es bei dem Anruf geht, erfahrt ihr nicht, ebenso wenig, wie genau ihr dorthin gelangt und die Insel ist nicht gerade klein und auf den ersten Blick ziemlich verschachtelt. Genau genommen ist sie gerade groß genug, sich am Anfang zu verlaufen und dann im weiteren Verlauf der etwa vier Stunden, die A Short Hike dauert, trotzdem keine Karte zu brauchen.

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Claire kann fliegen. Und zwar nicht zu knapp, wenn ihr erst ein paar goldene Federn gefunden habt. Hier und da macht die Kamera zugegebenermaßen Probleme, allerdings keine bleibenden.

Auf dem Weg trefft ihr allerlei niedliche anthropomorphe Tierwesen, die jedes für sich ihre Problemchen haben - und es liegt komplett bei euch, ob ihr ihnen helft oder einfach euren Weg nach oben fortsetzt. Klarer Bezugspunkt ist auf den ersten Blick Animal Crossing. Die anthropomorphen Tierwesen mit leichtem Kopffüßler-Einschlag und riesigen Augen könnten auch Tom-Nook-Lohnsklaven sein und jedes einzelne Gespräch versprüht einen ähnlichen verquer-spleenigen Charme wie Nintendos Life-Sim - nur, dass hier nicht die Häuslebauer- und Kreditabstotterer-Mentalität vorherrscht. Eigentlich ist A Short Hike ein Adventure, denn hier überwiegen wundervoll unverbindlich wirkende Erkundungsaspekte und der ungezwungene Weg nach oben.

In Dialogen unterbreiten euch die anderen Figuren interessante Betätigungsmöglichkeiten vom Wettrennen bis zum Ballspiel am Strand, aber vor allem macht es Spaß, sich auf dieser Insel umzusehen, weil kaum 15 Minuten vergehen, ohne dass man eine neue goldene Feder findet, die die maximale Flug- und Gleitdauer des Vogelmädchens Claire um einen weiteren Flügelschlag verlängert. Es ist traumhaft entspannend, diesen Spaziergang anzutreten, tiefe Abgründe gleitend zu überwinden oder Steilwände emporzukraxeln, nur um hier und da einen neuen schrägen Charakter mit einer ausgefallenen Bitte oder einem lockeren Spruch auf den Lippen zu treffen.

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Ihr schlendert so dem Gipfel entgegen - und trefft auf immer weitere farbenfrohe Charaktere, mit denen ihr gerne redet, bis sich ihr Text irgendwann wiederholt.

Auch wenn man, oberflächlich betrachtet, viele Dinge macht, die man aus anderen Spielen kennt - Schätze ausgraben und Angeln zum Beispiel - fühlte sich A Short Hike immer irgendwie frisch und entwaffnend Laissez-faire an. Fast noch relaxter, als das ohnehin schon brillante The Touryst von Shin'en.

In jedem Austausch und in jeder Gegenstandsbeschreibung steckt ein Pepp und Witz, den man selten sieht, immer wieder überraschen einzelne Figuren durch ihre Taten und Reaktionen oder entlocken einem ein breites Grinsen. Spielerisch mag hier kaum Tiefe drinstecken, aber wie es immer weitergeht, obwohl man beim ersten Weg nach oben stellenweise durchaus das Gefühl hat, ein wenig verloren zu sein - ohne dass das Vorankommen jemals beschwerlich werden würde -, das ist schon irgendwie bemerkenswert.

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Die Gags sind einfach durchweg charmant.

Bemerkenswert ist auch, wie grobpixelig das Spiel in der Standardeinstellung aussieht. Über der in Pastelltönen gehaltenen, stilisierten Grafik liegt nämlich ein grober Pixelfilter, der arg an DS-Spiele der mittleren 00er Jahre erinnert. Glücklicherweise darf man selbst einstellen, wie pixelig A Short Hike aussehen soll, die Optik feiner zeichnen lassen oder den Effekt gar komplett abschalten. Ich spielte mit einem Wert von 150 Prozent und fand die Sägekanten-Optik dann extrem stimmungsvoll und passend. Irrsinnig angenehm präsentiert sich auch die Musik, die den Wanderausflug-Flair mit viel Wochenendromantik ausstattet.

An zwei kurzen Abenden ist dieses Spiel durchgespielt, seine Herausforderungen und Systeme sind kaum der Rede wert - keine große Sache also eigentlich. Und doch werde ich noch lange hieran denken. Dabei sprüht es nicht einmal vor konkret erinnerungswürdigen Momenten und Situationen. Aber das Gefühl, das es mir bescherte, ohne groß zu hetzen um die Insel zu segeln, mich neugierig, aber ohne große Eile eine der einladendsten Spieleumgebungen der letzten Zeit hinaufzuarbeiten und dabei immer ein Ohr für meine interessante Mitausflügler zu haben - das war eine der erbaulichsten Erfahrungen seit langem und so entschleunigend, dass es mir den Einstieg in den Berufsalltag nach zwei Wochen Ferien deutlich erleichterte. Schön auch, dass A Short Hike längst nicht vorbei ist, wenn man den mit viel Fingerspitzengefühl inszenierten, intimen Moment auf dem Gipfel hinter sich hat.

A Short Hike kostet auf Steam 6,59 Euro. Wer Adam Robinson-Yu einen Gefallen tun will, kauft es sich aber auf itch.io, wo die Konditionen für ihn besser sind - selbst, wenn es da gut 50 Cent teurer ist.

Entwickler/Publisher: adamgryu - Erscheint für: PC - Preis: ab 6,59 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Englisch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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