The Division 2: Warlords of New York - Test: der klassenbeste Loot-Shooter wird noch besser - auch wenn ein paar der Änderungen wehtun

Gear 2.0 macht alles einfacher. Außer den Start.

Mit Title Update 8, das zusammen mit der kostenpflichtigen Erweiterung Warlords of New York erschien, sollte er übersichtlicher werden, der Dschungel an RPG-Elementen, der The Division 2 zu so einem tiefschürfenden, aber in seinen verzahnten Progressionssystemen manchmal auch klobigen Loot-Shooter machte. Mehr Auf-einen-Blick-Informationen, ein Talentsystem, das es einfacher macht, sich auf einen bestimmten Build zu spezialisieren, und überarbeitete Attribute, die sie komplementieren. Dazu ein neues Rekalibrierungssystem und viele, viele Änderungen im Detail, die klarmachen, Ubisoft Massive hat sich viele Gedanken gemacht, die Charakterentwicklung einfacher und zielgerichteter zu gestalten. Allein der Balken unter jedem Attribut, der stufenlos zeigt, wie gut ein Wert gewürfelt wurde, ist ein Einfall, so simpel und genial, dass man sich wundert, warum nicht mehr Loot-Games diese Transparenz an den Tag legen.

Aber auch sonst bin ich durchgehend entzückt: Vorbei die Zeiten, in denen man Talente erst durch bestimmte Attributkombinationen aktivieren musste. Zum Start von The Division 2 gefiel mir dieses Regelwerk ausgezeichnet, weil es ein Stück zielgerichtete Charakterentwicklung ins Spiel brachte. Aber so spannend und spaßig es war, auf eine gewisse Attributkombination hinzuarbeiten, um die bisweilen sehr mächtigen Talente freizuschalten, so sehr wurde mit der Zeit auch klar, dass es auch einschränkte, was man aus einem Satz Rüstung und Waffen herausholen konnte. Mit Gear 2.0 fühlt man sich richtiggehend befreit, fokussierter aufs Wesentliche. Man hat nicht weniger Möglichkeiten, und ist gleichzeitig frei, ein wenig mit neuen Drops zu experimentieren, weil sie nicht direkt den kompletten Build zerschießen.

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Willkommen zurück in New York. Mit den insgesamt 13 Missionen ist man ganz gut beschäftigt. Und dann gehen morgen die Seasons los.

Na gut, damit das möglich wurde, musste Ubisoft aber zunächst einmal genau das tun. Nicht wenige der versierteren Spieler, die sich in mühevoller Grind-Arbeit ihre Loadouts zurückgesammelt hatten, stehen nun vor den Scherben ihrer Agentenexistenz - okay, ganz so schlimm ist es nicht -, aber machen wir uns nichts vor, irgendwann werden die alten Dinger ohnehin obsolet und man stellt graduell auf "nachgewachsene" Ausrüstung um. Gear 2.0 reißt das Pflaster da lieber kurz und ein bisschen schmerzhaft ab. Der eine oder andere dürfte sogar Gefallen an den neu ausgewürftelten Stats bereits im Besitz befindlicher Gegenstände finden. Spieler, die länger pausierten - oder solche, die jetzt neu einsteigen - werden sich im Gros sowieso nicht stören.

Spitze ist auch die neue Rekalibrierungsbibliothek: Wo man damals nur einzelne Talente oder Attribute von einer Waffe auf eine andere übertragen konnte, lohnt es sich nun, regelmäßig alle überholten Waffen an der Rekalibrierungsstation zu zerlegen, um ihren besten Wert eurer persönlichen Bibliothek hinzuzufügen. Dort legt ihr somit zentralisiert einen gigantischen, immer zugänglichen Katalog an nützlichen Attributen und Talenten an, die das Basteln so viel einfacher machen. Beispiel? Findet ihr etwa ein Sturmgewehr, das nicht zu eurem Build passt oder das ansonsten eher mickrig gewürfelte Werte hat, aber zum Beispiel über einen beneidenswert hohen Bonus auf Kopfschüsse verfügt, extrahiert das Attribut, um es später auf ein anderes Sturmgewehr zu übertragen. Tatsächlich wird sogar der aktuell beste in eurer Rekalibrierungsbibliothek vorhandene Eintrag im Ausrüstungsmenü angezeigt, wenn ihr einen weiteren Gegenstand findet, der über diese Eigenschaft verfügt. So seht ihr schon beim Looten oder Ausrüsten, ob das Item ein Kandidat für eure Library ist.

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Solo wie auch im Team - kein Loot-Shooter ist kultivierter, ausgereifter.

Nein, daran gibt es kein Deuteln: Loot 2.0 ist Klasse und revitalisiert das Spiel ungemein - und dass es Spieler ohne Warlords of New York im Rahmen eines umfassenden Updates einfach so bekamen, ist das Beste daran. Jeder, der The Division 2 aber jetzt noch die Treue hält, täte auch gut daran, sich die Story-Erweiterung zu holen, denn ihre fünf neuen Haupt- und acht neuen Nebenmissionen beweisen einmal mehr, was für fantastische Level Designer bei Ubisoft Massive sitzen. Der Detailgrad in jeder neuen Umgebung, der Abwechslungsreichtum der Kampfarenen und die vielfältig unterschiedlichen Stimmungen, die die Artists so mühelos aus der wundervollen Technik herauskitzeln, das spottet jeder Beschreibung. Mit Lower Manhatten haben sich die Weltengestalter des Teams mal wieder selbst übertroffen und so sehr es auch in Zeiten von Corona bedrückt, von einer Seuche leergefegte Metropolenstraßen zu sehen, so sehr bleibt einem doch beim Anblick einiger dieser Gegenden die Luft weg.

Auch die Innenbereiche glänzen mal wieder durch eine verlebt-verlotteterte Qualität selbst in Ecken, in die nur wenige Spieler schauen werden. Diese Orte fühlen sich echt an, sehenswert in einer Weise, die allein schon wegen des virtuellen Tourismus immer wieder eine Reise - und in diesem Fall alleine schon den nicht so schmalen Eintrittspreis der Erweiterung wert sind. Die Story ist es zugegebenermaßen nicht, die einen hierherzieht. Bei der Jagd auf den Verursacher der "Dollar-Flu", Aaron Keener, blickte ich nur selten wirklich durch, wer mit wem, warum und überhaupt.

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Die Atmosphäre ist fantastisch.

Es ist der übliche verblendete, desillusionierte Clancy-Bösewicht, auf den man hier Jagd macht und als solches sind er und seine Schergen ein zweckdienlicher Antrieb von einer New Yorker Location zur nächsten. Wer mit solide geschriebener, aber sich selbst ein wenig zu ernst nehmende Agenten-Stangenware arbeiten kann, der fühlt sich hier gut aufgehoben. Es tut dem Spiel keinen Abbruch - ist aber, wie gesagt, auch nicht der Grund, weshalb man hier ist. Die Welt ist der Star. Man ist hier, um sich umzuschauen, die Kinnlade locker ins Gelenk fallen zu lassen und sich durch interessante Kampfszenarien zu schießen. Das kann dieses Spiel wie wenige andere. Und wenn man mit der Kampagne durch ist, übernehmen die Seasons das Endgame, in denen man den neuen SHD-Level steigert und sich dabei selbst nette, die eigenen Werte ins Extreme treibende Perks verpasst.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin jedes Mal, wenn ich zu Division 2 zurückkehre, aufs Neue aufrichtig erschüttert, dass dieses Spiel nicht noch populärer ist. Ich habe es im Artikel zu Episode 3 schon geschrieben: Vermutlich zeigt das nur, dass im Loot-Shooter doch nicht das Potenzial zur alles andere dominierenden Service-Spiel-Gattung steckt, wie es sich Bungie einst ausmalte, als sie mit Destiny diesen Trend lostraten. The Division 2 kann jedenfalls nichts dafür. Es reißt sich seit einem Jahr den Allerwertesten auf und ist für mich das Musterbeispiel, wie man eine Welt und die Betätigungsmöglichkeiten darin so gestaltet, dass man sich nicht so schnell an ihnen sattgespielt und -gesehen hat - und nicht zuletzt weiter die erste Adresse, wenn es um virtuellen Tourismus geht. Denn - mein Gott - schöner ging diese Welt nie zu Grunde ...

Entwickler/Publisher: Ubisoft Massive / Ubisoft Erscheint für: PC,PS4, Xbox One- Geplante Veröffentlichung: erhältlich - Getestet auf Plattform: PC - Preis: ca. 30 Euro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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