Mysteriös, stilvoll, gruselig: Inscryption ist der nächste virale Devolver-Hit nach Loop Hero

Daniel Mullins hat es wieder getan: Ein Spiel entwickelt, das macht, was es will - und für den User deshalb umso unwägbarer ist. Faszinierend.

Boah, noch eines von der Sorte, über die man kaum ein Wort verlieren darf, wenn man sie nicht verderben möchte. Wie spricht man über so ein Spiel bloß? Die Antwort: Sehr, sehr vorsichtig. Gleichzeitig läuft man dann Gefahr, Inscryption von Daniel Mullins, Entwickler des hochgelobten Pony Island, und den Indie-Darlings von Devolver unter Wert zu verkaufen oder ein falsches Bild davon zu zeichnen.

Warum? Nun, weil Inscryption ein Spiel ist, das gerne auf falsche Fährten lockt, mehr ist, als es zu sein vorgibt und damit in der Tradition von Titeln wie Fez, Frog Fractions, The Witness und Undertale steht. Würde ich euch Inscryption nur als Card Battler mit Rogue-Elementen vorstellen, stimmte das zwar, so rein mechanisch. Aber es dürfte auch Leute verscheuchen, die vermutlich großen Spaß mit Inscryption hätten. Vor allem solche, die für Spiele empfänglich sind, die sich als großes Rätsel präsentieren.

Noch könnt ihr umdrehen, und Inscryption ganz frisch erleben!

War das schon zu viel verraten? Ich habe keine Ahnung. Falls ihr weder Pony Island noch das Nachfolgewerk The Hex kennt, nicht. Andernfalls vermutlich schon, aber mir ist lieber, ihr geht mit einer bestimmten vorgefassten Erwartung an diesen Titel - um die ein so verrücktes Spiel wie dieses hier mit Leichtigkeit noch Pirouetten dreht, die niemand kommen sieht -, als dass es viele, viele Leute keines weiteren Blickes würdigen, weil sie Karten im Videospiele-Kontext für redundant oder unpassend halten.

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Auch wenn ihr mehrere Durchläufe brauchen werdet - sowohl Progression als auch Machteskalation fühlen sich toll an.

Ich bin sonst auch nicht der größte Fan, immerhin haben wir Videospiele präzise aus dem Grund, damit wir eben keine Karten in die Hand nehmen müssen. Aber wenn das Regelwerk so flott, spannend und eingängig ist wie hier, mache ich gerne eine Ausnahme. Sich in dieser schummrigen Hütte mit einem nur schemenhaft erkennbaren, in jedem Fall aber nicht ganz vertrauenswürdigen Gegner die Pappe vor den Latz zu knallen, Eichhörnchen als grundlegende Ressource an stärkere Karten zu verfüttern und sich je nach Match ebenso an neue Karten wie an veränderliche Regeln anzupassen, das erzeugt eine ganz eigene - und eigenartige Stimmung.

Gleichzeitig ist es wichtig, zu wissen, dass dieser Titel auch abseits der spannenden und cleveren Kartenpartien eine immer länger werdende Serie zunehmend seltsamerer Ereignisse ist. Denen geht man dann mit beinahe ungesundem Fanatismus auf den Grund. Ich glaube nicht, dass es so raffiniert ist wie ein Fez, man kommt relativ zügig voran, erzielt schnell Ergebnisse in Insycryption. Aber ihr wisst vielleicht, was ich meine: Es ist die Sorte Spiel, die einen auch Abends mit der Zahnbürste im Mund noch beschäftigen, an die man auch dann noch denken muss, wenn man eigentlich was vermeintlich Wichtigeres machen sollte - und um die sich in den sozialen Medien eine Community bildet, die darauf erpicht ist, ihm gemeinsam alle Geheimnisse zu entlocken.

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Es hat durchaus was von Geschichten aus der Gruft, was hier passiert.

Das ist zumindest meine Überzeugung, noch ist Inscryption ja nicht draußen. Aber mich würde wundern, wenn es anders liefe. Loop Hero - das auch über Devolver kam - hatte Anfang dieses Jahres mehr oder weniger aus dem Nichts ja schon einen ähnlich viralen Effekt erzielt. Aber Inscryption ist noch ein wenig laxer, freidrehender und deshalb vermutlich das vielleicht nicht unbedingt bessere, aber das überraschendere Spiel.

Die Dunkelheit auf der anderen Seite des Tisches

Außerdem ist es wahnsinnig gruselig. Auf die Art, die man im Englischen wohl "creepy" nennen würde. Mehr von subtiler Verzweiflung unterlegtes Gänsehautmaterial als tatsächlich ängstigende Horror-Show - dazu hat das Spiel auch einen zu durchdringenden Sinn für Humor. Aber die morbide Aufmachung machte mich schon reichlich machtlos, selbst wenn die Karte gerade auf meiner Seite sind. Coole, sehr individuelle Stimmung, die in dieser Form ohne Gleichen ist.

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Ein Match kann ganz schnell zu Ende sein, wenn ihr alles richtig macht.

Und während ich so überlege, wie ich diesen Artikel bloß schließen soll, ohne das Spiel noch weiter zu ruinieren, habe ich die Idee: Wir belassen es einfach hierbei - ich sage euch, dass Inscryption toll ist und es in diesem Jahr (oder länger) nichts wirklich Vergleichbares gab, dass ihr es euch kaufen oder zumindest mal die Steam-Demo ausprobieren solltet und ihr meidet Streams und verkneift euch die Lektüre weiterer Artikel darüber. Deal?

Inscryption erscheint morgen, den 19. Oktober, auf Steam. Zum Start sind 10 Prozent Rabatt veranschlagt, was letzten Endes 17,99 Euro für euch bedeutet. Über eine Konsolenversion ist bis dato nichts bekannt.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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