Cursed Mountain

Tim in Tibet

Die ganze Zeit über erinnerte mich Cursed Mountain vom reinen Gefühl her an etwas, aber ich konnte einfach nicht meinen Finger drauflegen. Es waberte im Unterbewusstsein, dass es sich vertrauter anfühlte, als es sollte. Es waren nicht die Parallelen zu Capcoms großer Horrorserie, die spielerisch sofort ins Auge fallen, wie ihr später sehen werdet. Es war irgendetwas anderes, von vor langer, langer Zeit.

Und als mein Blick zufällig auf das Cover einer CD der Berliner Band „Wir sind Helden“ traf, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Tim und Struppi in Tibet! Ok, Deep Silver mag jetzt so verwirrt sein wie ihr, dass ein Grusel-Actionadventure, ein waschechter Survival-Horrortrip, plötzlich mit einem späten Hergé-Werk verglichen wird. Passt doch gar nicht, was hat das miteinander zu tun? Außer vielleicht, dass beides in Tibet spielt. Da erschöpfen sich die Parallelen doch.

Nun, für mich nicht ganz, denn Tim in Tibet ist die Geschichte einer abenteuerlichen Reise und Bergbesteigung. Gefährlich: ja. Spannend: sicher. Unterhaltsam: sowieso. Gruselig oder gar voller Horror, der einem das Herz zu Eis gefrieren lässt: nicht unbedingt… Und genau diese Eigenschaften treffen auch auf Cursed Mountain zu. Zunächst einmal, bevor sie ihre wertvolle Splatterzeit hier vergeuden, sei allen Zombielovern und Gorefetischisten gesagt, dass das Wii-Spiel mit einem absoluten Minimum an Blut, ganz ohne Zombies und praktisch ohne echte Monster im Sinne eines Resident Evil auskommt. Keine Tyrants im Himalaja.

Probleme hat der Bergsteiger Eric Simmons, in dessen Rolle ihr schlüpft, aber auch so genug. Sein Bruder, ein weniger brillanter, aber umso eifersüchtigerer und ehrgeizigerer Kletterer, wurde in Lhasa von einer etwas zwielichtigen britischen Berglegende angeheuert, um ein tibetanisches Artefakt auf einem noch nie bestiegenen Berg zu finden. Natürlich ist es der spirituelle Berg der von Mönchen und Sherpas, der niemals gestört werden darf, und so geht der Bruder verschollen. Also auf, munterer Wanderer, findet heraus, was geschah.

Cursed Mountain - Launch Trailer

Als wahrlich erfrischend stellt sich dabei die Konsistenz dieser Welt heraus. Die Reise führt euch eben nicht in einen Hightech-Keller einer verbotenen Regierungsorganisation, sondern zu wesentlich spannenderen und, im Rahmen dieser Geschichte, glaubwürdigeren Zielen und Gründe. Dem entgegen kommt dabei das stetige Gefühl von Reisefortschritt, während die einzelnen Abschnitte euch immer höher führen, der Spitze des heiligen Berges entgegen. Das Gefühl, sich dabei sinnlos in Kreisen drehen zu müssen, bleibt aus und wird vollständig durch die stetige Annäherung an einen Klimax, sowohl erzählerisch als auch örtlich, ersetzt.

Nur der Horror bleibt dabei irgendwie auf der Strecke. Das Empfinden von Grusel und Furcht ist natürlich sehr persönlich, deshalb sage ich jetzt einfach mal für mich, dass ich bei Silent Hill zu leichter Panik, bei Fatal Frame zu Grauen und bei Resident Evil immerhin noch zu Schreckhaftigkeit neige. Cursed Mountain jedoch löst kaum etwas dergleichen aus. Klar, hier und da zuckt man mal kurz zusammen, wenn eine schnelle Einblendung und ein passender Soundeffekt einen überraschen, aber das geht so schnell vorbei wie es kam, und lässt im Laufe der 8 bis 12 Spielstunden auch deutlich nach.

Was jedoch bleibt, ist die schiere, pure Neugier, der Entdeckerdrang. Wie auch bei Tim in Tibet will man einfach wissen, wie es weitergeht, vorbei an den Gefahren, denen sich die Helden stellen müssen, aber ohne das Gefühl ständiger Bedrohung. Ihr wollt schon nach kurzer Zeit wissen, was hier in den Bergen vor sich geht, was aus der Expedition des Bruders wurde, was der seltsame Brite im Schilde führt, wieso Tod und Verderben innerhalb weniger Tage über den Berg herfielen. Es ist nicht der verzweifelte Kampf um das nackte eigene Überlegen, den vergleichbare Spiele so oft zelebrieren, vielmehr eine spannende und sehr reizvolle Reise.

Das liegt ein wenig auch daran, dass Cursed Mountain die meisten Spieler vom nicht einstellbaren Schwierigkeitsgrad her kaum überfordern dürfte. Zwar wird automatisch und keineswegs jederzeit gespeichert und Heilung findet ihr auch nur an Schlüsselstellen, allerdings liegt beides nie zu weit auseinander. Und eure Gegner, ausschließlich Geistwesen, verursachen weder das Gefühl großartiger Furcht noch Bedrohung.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chefredakteur  |  martinwoger

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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