Die stärkste Marvel-Serie? Loki zeigt sich unbeirrt von der Pandemie - Serienkritik

Der Gott des Schabernacks startet bestens.

Diese Kritik enthält keine Spoiler zu den ersten beiden Episoden von Loki, die über das hinausgehen, was aus den Trailern und der offiziell genehmigten Vorberichterstattung bekannt war.

Wandavision und Falcon and the Winter Soldier waren für mich eine ziemliche Berg- und Talfahrt. Auch, weil ich das MCU an und für sich liebe. Die Filme sind im schlimmsten Fall kaum erinnerungswürdig, im Optimalfall das Beste, was einem in einem gut besetzten Kinosaal mit einer Schale Chips auf dem Schoß passieren kann - oft genug bewegen sie sich im mehr als ordentlichen Bereich dazwischen, wenn man Blockbuster-Kino mag. Das Universum ist als Gesamtkunstwerk definitiv mehr als die Summe seiner Teile, weshalb es auch die schwächeren Beiträge wert sind, wahrgenommen zu werden. Beängstigend, wie gut diese heldenhafte Seifenoper funktioniert.

Die beiden eröffnenden Serien, die unmittelbar zum großen Kanon gehörten, knüpften beizeiten nahtlos an die besten Momente der letzten zwölf Jahre MCU an, reicherten sogar viele Charaktere auf wertvolle Weise an und leisteten sich kreative Strukturen (Wandavision) und erstaunlich politische Botschaften (Falcon). Aber sie verstolperten zwischenzeitlich immer wieder große Mengen Potenzial. Sei es, weil einige Situationen einfach zu seltsam waren, um sie nachzufühlen (ich werde aus Wandas emotionaler Situation am Ende der Serie immer noch nicht schlau), weil man einfach mal Charaktere komplett umschrieb (Zemo) oder sich am Ende nicht ganz überzeugend zum zentralen Konflikt seiner Handlung positionierte (Falcon). Irgendwas war immer. Vor allem aber schienen beide Serien irgendwie gehetzt.

So ganz rund lief es für die beiden dennoch sehenswerten und hochwertig produzierten Serien also nicht - und ich bin mittlerweile sicher, dass viel davon auch und vor allem mit Corona und den erschwerten Produktionsbedingungen zu tun hat. Lange Rede, kurzer Sinn: Das scheint mit Loki nun Geschichte, aus welchem Grund auch immer. Obwohl ich mich von den drei Shows hierauf am wenigsten gefreut hatte, habe ich nach Sichtung der ersten beiden Folgen das Gefühl, hier möglicherweise eine formvollendete Serie vor mir zu haben. Das war schon ziemlich ausgereift, und schlägt in Sachen Vision um Ambition einen schönen Spagat zwischen wilder Kreativität und einer Frische, die dem Filmuniversum zuletzt ein wenig abging.

Zur Handlung: Die knüpft direkt an das letzte Mal an, als wir Loki sahen, in Avengers Endgame. Seine Flucht via Tesseract droht, die Zeitlinie zu beschädigen, wofür er sich nun vor der Time Variance Authority verantworten muss. Es ist trotz allen MCU-Ballasts ein erstaunlich einsteigerfreundlicher Mystery-Schabernack, der hier mit spritzigem Skript und einzigartiger Prämisse alle ins Boot holt. Das ist umso erstaunlicher, weil tatsächlich ziemlich viel geredet und anderweitig reichlich Exposition betrieben wird, die man andernorts wohl bekritteln müsste. Auch Falcon hatte sich dessen schuldig gemacht, hier passt es aber besser - wir sind genau wie Loki perplex ob der neuen Welt, die sich ihm mit der den Zeitfluss regulierenden TVA-Behörde auftut und dürsten nach Antworten.

Die gibt Owen Wilsons Analyst Mobius - das vielleicht beste Casting des MCU, seit die ursprünglichen Avengers ihre Verträge unterschrieben haben - ebenso süffisant wie abgeklärt. Hiddleston und Wilson harmonieren also prächtig. Doch auch sonst sind die Rollen toll besetzt: Wunmi Mosaku und Gugu Mbatha-Raw tun sich besonders hervor und geben der amorphen Behörde ein markantes Gesicht. Und wer immer "Casey" spielt, hat fabelhaftes komödiantisches Timing. Eine bestimmte Dialogzeile ist bisher mein liebster Gag des ganzen Jahres (hat lose mit "Wasserlebewesen" zu tun - ihr wisst, was ich meine, wenn ihr es seht), nach dem ich tatsächlich kurz auf Pause stellen musste, so dämlich, aber doch genau auf mich zugeschnitten war der Humor. Und zu keiner Sekunde hatte ich eine lose Ahnung, wohin mich die Handlung als Nächstes entführen würde.

Zugegeben: Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich nach einem Drittel der ersten Staffel immer noch so sehr am Anfang fühlen würde, und habe ein wenig Angst, dass es am Schluss doch wieder husch-husch gehen muss. Für den Moment sehe ich aber nicht, wo man noch etwas hätte raffen oder kürzen können, um schneller dorthin zu kommen, wo wir am Ende der zweiten Episode stehen.

Was noch? Nun die Serie sieht toll aus, was zur Abwechslung mal nicht den Effekten zuzuschreiben ist (die natürlich ausgezeichnet sind), sondern dem Production Design, das bestens einen Ort abseits der Zeit samt seiner Bewohner herbei imaginierte. Man sollte dennoch nicht den Fehler machen, das zum Kopfkratzen anregende und angenehm Entrückte dieser Serie, das inspirierte Casting und das faszinierende Aussehen dieser Show allzu sehr zu überhöhen: Das hier ist eine einfallsreiche, ausgefallene Erweiterung des bestehenden Universums, die hohe Wellen in Marvels Phase vier schwappen lassen wird. Im Kern findet Loki aber schon in Folge zwei zu einem recht klassischen Plotmotiv, das - so nehme ich an - sich auch die letzten zwei Drittel durch die Serie ziehen wird. Daran ist absolut nichts auszusetzen, aber man sollte es auch als das sehen, was es ist.

Wenn die Welt so wild und geheimnisvoll daherkommt wie hier, kann ihr auch eine handelsübliche, aber gut gemachte Schnitzeljagd nichts anhaben. Schade, dass ich jetzt zwei Wochen auf Nachschub warten muss.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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