Noch einmal mit Gefühl: Razer Huntsman v2 Analog - Test

Wer sagt, "digital ist besser?"

Da wären wir wieder: Der nächste Hersteller versucht sich an einer analogen Tastatur, also einem Keyboard, dass ganz sensibel auf eure Tastenanschläge reagieren kann, als steuerte man mit einem Controller. Auch der Rest der Ausstattung kann sich sehen lassen und obwohl die Huntsman v2 mit über 250 Euro am oberen Ende dessen fischt, was man normalerweise für eine Spieletastatur bezahlen wollen würde, relativiert sich der Preis ein wenig, wenn man sich die Konkurrenz anschaut.

200 und mehr Euro konnte man schon immer für gleich mehrere "Spitzenmodelle" hinlegen, von Asus, Corsair und natürlich auch von Razer, wenn man an frühere Black Widow-Modelle denkt. In der zweiten Version der Huntsman stecken aber nicht nur die genannten optischen Schalter, die viele neue Möglichkeiten eröffnen, sie kommt auch standardmäßig mit einer wundervoll angenehmen Handballenauflage und vor allem edlen und langlebigen PBT-Tastenkappen - die für mich seit einer ganzen Weile schon den Unterschied zwischen einer okayen und einer herausragenden Tastatur machen. Sie ist also teuer, aber es steckt für das im Großen und Ganzen gleiche Geld wie sonst auch mehr drin, in das sich zu investieren lohnt. Die Zeiten, in denen man 200 Euro für synchronisierte RGB-Beleuchtung und eine Handvoll Makrotasten verlangen konnte, sind jedenfalls vorbei.

Die Razer Huntsman v2 und der erste Eindruck

Öffnet man die Schachtel, kommt einem eine schwere und extrem aufgeräumte und nur ein bisschen nach Gaming aussehende Full-size-Tastatur mit ansprechender Haptik entgegen. Einzig die Medientasten und die Doppelbelegung von F10 mit dem Gaming-Modus unterscheiden sie auf den ersten Blick von einem echten Schreibtischtäter. Interessant ist die metallene Schnittstelle mittig an der Front. Die angenehme Kunstlederoberfläche und die Kopfkissenweiche Polsterung gefallen ebenso, wie das zarte, aber entschiedene zupacken, wenn sie magnetisch an der Front andockt.

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Übersichtlich und komfortabel, Razers neues Tastaturen-Spitzenmodell.

Erst, wenn man sie ansteckt, bemerkt man den schreibtischnahen LED-Streifen, der einmal um die Tastatur herumfährt - und auch die Handballenauflage umfasst. Sitzt man darüber, sieht man natürlich nichts davon, ändert nichts daran, dass der Schreibtisch aus niedrigeren Winkeln ein bisschen mehr zum Hingucker wird. Ein Detail, zweifellos, aber durchaus ein Nettes. Einen kleinen Dämpfer erhält mein Enthusiasmus von den zwei dicken Textilkabeln, die an der hinteren linken Ecke das Gehäuse verlassen. Von anderen Tastaturen ist man optionales Kabelmanagement gewohnt, kann die Strippen links, rechts oder mittig rauskommen lassen und hier sind es gleich zwei, insgesamt einen Zentimeter breite Drähte - einer für die Tastatur selbst und einer für den USB-3.0 Passthrough-Anschluss an der linken Seite. Der saubere Look hört also beim Kabel auf. Nicht schlimm, aber ein bisschen schade.

Ebenfalls eine Schwäche im Detail ist der große, aber immerhin nicht übertrieben verspielte Font auf den Tasten "Bild runter" bis "Druck" - also der Sektion oberhalb der Pfeiltasten. Gerade der Pause-Knopf sieht bei mir ein wenig überfüllt und ungleichmäßig ausgeleuchtet aus. Das ist aber sehr häufig bei PBT-Tasten der Fall. Weil sie Double-Shot sind, also aus zwei Lagen Plastik bestehen, kommt das Licht manches Mal nicht so recht durch. Minimaler Schönheitsfehler, der einem nicht auffallen muss und die Funktionsweise schon gar nicht stört. Gesagt haben wollte ich es aber.

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Razers eigene Switches sind optische Schalter, deren Sensorik erkennt, wie weit ihr sie herunterdrückt.

Das wären aber die einzigen beiden Mängel eher oberflächlicherer Natur. Ansonsten macht das Gerät direkt Lust, loszulegen. Toll sind die vier Medientasten, die Spotify, Amazon Music und iTunes bestens im Griff hat, auf Youtube und Netflix dürften die Skip-Tasten zwar gerne auch zum Vor- und Zurückspringen in Vorspulen in der Lage sein, aber auch hier gilt: Kleinigkeit, nicht weiter schlimm. Ich mag auch, wie sich der Lautstärkeregler anfühlt und erst an der Huntsman v2 merkte ich, dass ich eine dedizierte Ton-Aus-Taste in meinem Setup die letzten Jahre hindurch durchaus vermisst habe.

Analoge Freuden - Gaming und Office-Performance der Huntsman v2

Das zentrale neue Feature sind natürlich die optional analogen Tasten, die mittels eines optischen Sensors registrieren können, wie weit sie heruntergedrückt werden. Die Tastatur kann also gleich einem Joystick stufenlose Betätigung registrieren und in Spielen, die auch einen Controller unterstützen, entsprechend analoge Eingaben an die Spielfigur, das Auto, das Flugzeug übertragen. Die linearen Tasten der Huntsman v2 drücken sich deshalb auch entschieden schwerer als zum Beispiel rote Cherry MX, so fällt es leichter, den kompletten Weg auch feinfühlig anzusteuern. Zu Beginn, also um die standardmäßige 1,5mm Auslöseweg zu erreichen, sind 54 Gramm Kraft gefragt. Die Cherrys lösen immer bei 2mm aus und benötigen dafür 45 Gramm. Fürs Durchdrücken der Huntsman Keys braucht man sogar 74 Gramm.

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Bei den 'gegossenen' PBT-Tasten oft nicht zu vermeiden: Nicht ganz gleichmäßige Fonts, siehe 'Pause'. Die Haptik macht das mehr als wett.

Die Synapse Software ist mittlerweile ziemlich ausgereift. Eine Schnellfunktion belegt mit nur einem Klick WASD mit der Funktion des linken Sticks eines Joypads und schon justiert ihr von Schleichen bis Rennen, vom Parken bis zum Überholmanöver, stufenlos die Bewegungsgeschwindigkeit. Ihr dürft auch den Auslösepunkt zwischen 1,5mm und 3,6mm stufenlos verschieben oder zwei Auslösepunkte setzen. Halb und komplett durchzudrücken, hat dann zum Beispiel einen unterschiedlichen Effekt.

Ich habe vor ein paar Jahren schon den meines Wissens nach ersten Ausflug in Sachen analoges Tastatur-Gaming getestet. Die Wooting One, und auch bei der gefiel mir die Funktion der stufenlosen Fortbewegung auch am Keyboard sehr - aber hier wie auch beim niederländischen Pionier gibt es einen kleinen Haken. Da man im Grunde nur einen Controller-Stick auf die Tastatur ummappt, erkennen die Spiele auch jedes Mal, wenn man eine solche Taste drückt, ein Joypad, nicht zum Beispiel W, A, S oder D. Wollt ihr also eine Nachricht in den Chat tippen, fehlen euch also vier Buchstaben. Auch ästhetisch gibt es hier und da kleinere Probleme: Hunt Showdowns HUD schaltete zum Beispiel immer auf Xbox-Controller-Buttons um und blendete, sobald ich mal wieder die Maus oder eine digitale Taste drückte, wieder Keyboard-Kommandos ein.

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Die Medientasten sind praktisch und unmissverständlich.

Mich hat das anfangs durchaus ein wenig irritiert, wenngleich ich es mir recht gut abtrainierte mich zu wundern. Am Ende ihrer Möglichkeiten ist die Technik aber offenbar noch nicht angekommen, so lange der Umweg über das Xinput-Protokoll führen muss. Darüber hinaus habe ich die Huntsman v2 für fast alles gerne benutzt. Gerade im Simulationsraum eröffnen sich Maus und Keyboard-Spieler neue Perspektiven, in Solo-Shootern wie dem jüngstem Doom DLC konnte ich der Mixtur aus stufenloser Bewegung des Doomslayers und exaktem Zielen eine Menge abgewinnen und sogar Rennspiele klappten auf diese Art recht gut. Ich tippe sogar extrem gerne auf ihr, weil der satte Anschlag zwar ordentlich Radau macht, sich aber auch einfach schön resolut anfühlt und durchaus angenehm klingt.

Das dürfte nicht zuletzt an den PBT-Tastenkappen liegen, die ich mittlerweile für eines der schönsten Upgrades halte, die man seiner mechanischen Tastatur schenken kann. Razer hat bereits vor Ewigkeiten entsprechende Sets angekündigt, die aber leider immer noch nicht im deutschen Layout zu haben sind. Einige andere Hersteller sind aber ebenfalls einen Blick wert. Die Dinger beeinflussen wegen ihres massiveren Baus sogar das Tippgefühl positiv. Mit PBT tippt es sich einfach satter, als auf leichten ABS-Kappen, die zudem irgendwann glatt und unansehnlich werden.

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Auch die Handballenauflage leuchtet. Wenn ihr wollt.

Was sonst?

In der Praxis erwiesen sich zudem die hinteren Aufstellfüße, die in zwei Höhen ausklappbar sind und der mit 44,5cm x 14cm nicht übertrieben großen Tastatur einen sicheren Stand verschaffen, als sehr nützlich. Und die Handballenauflage schmeichelt nicht nur der Haut, sie erinnert auch daran, was man seinen Gelenken tagtäglich zumutet. Ich habe sie als Wohltat empfunden und werde für meine private Tastatur was Vergleichbares suchen, wenn dieses Gerät nächste Woche an Razer zurückgeht.

Razer Synapse als begleitende Software empfinde ich schon seit einer Weile als deutlich unaufdringlicher als noch vor ein paar Jahren. Einzig dass die Tastatur trotz vier integrierter Profile nicht merkt, in welcher Farbe ihr Licht erstrahlen soll, wenn die Software abgeschaltet ist, ist bedauerlich. Razers Mäuse - etwa die Viper Ultimate (Test) - können das schon lange. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das kein Problem ist, das mit einem Update nicht zu lösen wäre.

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Und hier dockt er an, der Gemütlichmacher.

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Razer Huntsman v2 Analog Test - Fazit

Gut, zum Wunschlos-glücklich-Paket hat es die Huntsman v2 dann trotz des stolzen Preises nicht ganz gebracht, was allerdings nicht allein an ihr liegt. Die Technik an sich überzeugt, die Verarbeitung und Performance sind da, wo sie zu diesem Preis sein müssten. Der Rest sind Details, auf die ich vielleicht auch wegen des Preisschilds ein wenig genauer geachtet habe, und die andere nicht stören müssen. Die Huntsman v2 fühlt sich ausgezeichnet an, wegen der schönen Tastenkappen auch besser als viele andere vor allem im Gaming-Segment und wem bei der Beschreibung der analogen Fähigkeiten schon ein paar Einsatzbereiche in seinem persönlichen Spielealltag eingefallen sind, der findet in ihr einen Möglichmacher in noblem Gewand.

Kein Gerät für jedermann, also, aber das muss es auch nicht sein. Vor allem ist es keines, für das einem das Wort "gewöhnlich" durch den Kopf schießen würde.

Wer auf Handauflage und analoge Eingabe verzichten mag, trotzdem aber mal seine Fingerkuppen mit PBT verwöhnen will, ist aktuell bei Ducky gut bedient.

  • Hersteller: Razer
  • Kompatibel mit: PC
  • Release-Datum: erhältlich
  • Preis: ca. 260 Euro

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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