Sniper: Ghost Warrior • Seite 2

Update: Vorsicht, Camper!

Bei einigen Missionen müsst ihr aber unerkannt durch ein Lager schleichen. Sieht euch auch nur ein Gegner, ist der Auftrag zu Ende. Natürlich lassen euch die Entwickler nicht vollkommen im Regen stehen. Theoretisch könnt ihr auf der Übersichtskarte erkennen, in welche Richtung die Schergen des Generals blicken. Doch zwei Probleme versauen dieses Spielelement: Die roten Pfeile auf der Übersichtskarte wurden so schlecht designt, dass es nahezu unmöglich ist, ihre Ausrichtung zu erkennen. Außerdem werden einige Feinde nicht angezeigt. Das System ist also nicht nur schwach designt, sondern auch noch komplett inkonsistent.

Doch selbst damit könnt man angesichts der prächtigen Grafik, der beeindruckenden Atmosphäre und der befriedigenden Scharfschützen-Mechanik leben. Wären da nicht die Action-Sequenzen. Um das Spiel abwechslungsreicher zu gestalten, hat City Interactive ca. fünf bis sechs Call-of-Duty-artige Action-Sequenzen eingebaut. Gemeinsam mit zwei KI-Kollegen ballert ihr euch mit einem Special-Ops-Kämpfer durch feindliche Lager, besetzte Bohrinseln und eine weitläufige Minenanlage. Was angesichts der auch hier wunderschönen Szenarien spaßig klingt, verwandelt sich in eine spielerische Bankrott-Erklärung.

Es fängt mit seltsamen Waffen an, die weder über einen Rückstoß noch eine glaubwürdige Streuung verfügen, es geht weiter mit einem nur halb eingebauten Deckungssystem und endet bei den gruseligen Gegnern, die wie schon bei den Scharfschützeneinsätzen über hunderte Meter hinweg, durch Nebel und Pflanzen hindurch, mit jedem Schuss euren Körper treffen.

Hab ich schon das seltsame Regenerations-System erwähnt? Nur wenn ihr weniger als 30 Lebenspunkte besitzt, füllt sich eure Energie bis zu dieser Marke wieder auf. Mit Heilspritzen könnt ihr zwar wieder 100 erreichen, doch dank der zielgenauen Gegner sind diese schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad innerhalb von wenigen Minuten verbraucht.

Klar, ihr könnt warten, bis sich eure unverwundbaren KI-Kollegen nach vorne arbeiten und sie als Kugel-Schwamm nutzen. Doch Spaß kommt bei dem enormen Schaden, den die Gegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad austeilen aber trotzdem nicht auf. Ganz ehrlich? Erstmals empfehle ich euch, das Spiel auf „Leicht“ zu spielen. Der Frust hält sich dabei in Grenzen und die recht kurze Kampagne mit ihren 16 Missionen und einer netto Spielzeit von ca. fünf Stunden macht zumindest etwas Laune.

Die Geschichte rund um den Dikator, geheime Machenschaften und einen entführten Agenten bietet wenige Überraschungen. Immerhin geht das Missions-Design über weite Strecken in Ordnung. Mal schleicht ihr euch eben zu einem Scharfschützen-Punkt hin, mal gebt ihr euren Kollegen Deckung oder wartet einen Überschallknall ab, um Wachen zu erledigen. Nichts außergewöhnliches, aber im Rahmen des Settings ganz sicher kein Totalausfall.

Richtig spaßig, wenn auch Gameplay-technisch etwas eingeschränkt, ist der Multiplayer-Modus. In verschiedenen Deathmatch-Varianten liefert ihr euch knallharte Scharfschützenduelle, die durch kurze Pistole-Nahkämpfe und Granaten-Kills unterbrochen werden. Natürlich wird hier fleißig gecampt, aber das gehört bei Sniper: Ghost Warrior ja ausnahmsweise zum Konzept. Nichts, was euch Wochen oder Monate beschäftigt, für Fans des Themas aber ein nettes Zusatzgimmick.

Update (15. Juli 2010): City Interactive hat heute einen Patch herausgebracht, der sich neben Stabilitäts- und Multiplayer-Verbesserungen vor allem um die Schleichmechanik und das Gegnerverhalten kümmert. Im Prinzip wurde der Sichtschutz durch Vegetation erhöht, die Geschwindigkeit des Erkennens im Liegen stark verkürzt und das Waffenverhalten eurer Feinde verändert. Kurz: Die fiesen Röntgenaugen, ein wichtiger Kritikpunkt, abgeschwächt und damit einige Frustmissionen deutlich aufgewertet. Außerdem erledigen euch Sturmgewehr-Schützen nicht mehr mit zwei, drei Salven aus 500 Meter Entfernung, sondern ihr seid klar mit eurem Scharfschützengewehr im Vorteil.

Und selbst in den Action-Sequenzen verbessert der Patch das Spielgefühl, weil man nicht mehr in stockfinsterer Nacht von unsichtbaren Gegnern beschossen wird. Der Schwierigkeitsgrad wird dadurch ein kleines Stückchen einfacher, auf "Hart" ist das Spiel aber immer noch ein ganz schöner Brocken. Die Gegner-KI bleibt zwar immer noch recht dämlich, die Waffen im Baller-Part katastrophal, das Lebensenergie-System inkonsistent und das Ganze spielt sich viel zu linear, trotzdem ist das eine echte Besserung und wird von uns mit einer Aufwertung belohnt. Das Fazit bezieht sich auf die Originalversion.

Was für eine Enttäuschung. Nach der interessanten Vorschauversion und dem Versprechen all die damals noch problematischen Punkte zu überarbeiten, habe ich mich aufrichtig auf Sniper: Ghost Warrior gefreut. Und die ersten paar Missionen gingen auch noch voll in Ordnung. Mit genug Entfernung zum Gegner, den Anweisungen vom KI-Spotter und der gut gemachten Scharfschützenmechanik hatte ich jede Menge Spaß. Doch kaum trifft man auf das erste schwer bewachte Lager, rennt man gegen eine Spielspaßmauer. Während man sich vorher nur kurz über die Röntgenaugen der Gegner geärgert hat, sorgt hier jede Entdeckung für einen nervigen Neustart. Mit viel Ausprobieren, dem genauen Beobachten der Wachen und ein wenig Glück sind die Abschnitte zwar schaffbar, Spaß sieht aber anders aus.

Trotzdem hätte es am Ende, auch dank der wirklich faszinierenden Optik, noch zu einer Empfehlung gereicht. Wenn City Interactive die Action-Szenen nicht so in den Sand gesetzt hätte. Das Ganze wirkt so unfertig, dass man sich manchmal in einer Beta-Version wähnt. Die vielen Grafik-Fehler, das unzureichende Gunplay und die Roboter-artigen Feinde machen diese Abschnitte zur Qual. Wer nicht bei der Nacht-und-Nebel-Mission die Waffen streckt, verfügt entweder über stahlharte Nerven oder ist schon komplett abgestumpft. Am Ende reicht es mit viel Licht und noch mehr Schatten zu einer 5. Schade, da wäre diesmal deutlich mehr drin gewesen. Genauer gesagt: Ohne Röntgenaugen und Action-Quatsch locker eine 7. Im aktuellen Zustand kann man Sniper: Ghost Warrior nur Scharfschützenfans mit Hang zum Masochismus empfehlen.

6 /10

Sniper: Ghost Warrior ist ab sofort für PC und Xbox 360 zu haben.

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Kristian Metzger

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