Was mir Dyson Sphere Program über mich und meinen Pile of Shame verrät

Entmachtung des inneren Schweinehunds!

Die Ahnung hatte ich schon länger, aber Dyson Sphere Program hat mir überdeutlich klargemacht, weshalb sich seit Jahren immer mehr und immer bessere Spiele zu meinem persönlichen Pile of Shame auftürmen, der bisweilen auf meine Stimmung drückt. Natürlich gibt es nicht den einen, singulären Grund. Bei mir wiegt aber einer schwerer als alle anderen.

Doch erst einmal zu den sekundären Faktoren: Einer ist - na klar - die schiere Masse an Games. Mittlerweile ist es annähernd unmöglich, alle Spiele zu erleben, die mir interessant erscheinen. Und das, obwohl das ein zentrales, definierendes Element meines Berufes ist. Soviel auch schief läuft in der Industrie an sich, kreativ gesehen ist das hier die absolute Blütezeit - und ich bin seit dem Atari 2600 dabei.

Ehemals ausgestorbene Genres kommen zurück, verdammt, sogar Grafikmodi wie CGA zieren wieder die Mattscheiben (siehe Martins Erlebnis mit Eternal Castle) und selbst Kleinst-Teams verwirklichen mit Dingen wie Outer Wilds Ambitionen, für die man Peter Molyneux um 2010 herum übers Knie gelegt hätte, um ihm die Flunkerei aus dem Leib zu prügeln. Verbal (oder höchstens mit der flachen Hand), versteht sich.

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Und günstiger werden sie auch: Am PC den Vollpreis für sechs Monate durchzuhalten, grenzt an ein Wunder, manche Spiele starten im Game Pass vom Fleck weg kostenlos. Und dann fliegen einem massenhaft Geschenke vom Epic Games Store um die Ohren, unter denen man sich nicht rechtzeitig wegduckte, weil man gerade durch das neue PlayStation-Plus-Spiel oder Humble Bundle abgelenkt war. Ein paar alte Sachen wollte ich auch lange mal wieder anschauen: die Vita mit Suikoden 1 und 2, Alundra, Symphony of the Night und Persona 3 hängt auch wieder das erste Mal seit zwei Jahren an der Steckdose. Mal schauen, ob ich sie dieses Mal einschalte.

Alles Gründe, keine Frage, dass man das Gefühl hat, man kommt nicht mehr hinterher. Aber ist das wirklich so? Oder liegt es an mir selbst? Es ist nicht so, dass es mir schwerfiele, mich in neue Spiele einzuarbeiten. Mache ich für den Job oft genug. Dafür waren meine Interessen von Popcorn-Ballerei bis hin zu hirnverbiegender Taktik, Rollenspielen, die viel Ohr brauchen, und Nächte fressende 4X Games auch über die Jahre zu weit gestreut. Verzahnte Systeme machen mir keine Angst. Aber meine Güte, bin ich privat bequem geworden!. Danke, Dyson Sphere Program, für diese Erkenntnis!

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Am Ende eines langen Tages zwischen Redigat, Texte schreiben, spielen von Berufswegen plus Recherche auf der einen und zwei Kleinkinder betreuen auf der anderen Seite spiele ich lieber, was ich kenne, denn was ich kenne, fällt mir leicht. Vertrautes eben, vom Gehirn an die Augen und das Muskelgedächtnis delegiert. Dinge, die mir im Blut liegen, sind das, die in einem beruhigenden Flow State verinnerlichter Abläufe wie von selbst passieren. Mit zunehmendem Alter machen sie mir immer mehr Spaß. Ich liebe unverändert den flüchtigen Reiz des Neuen, bin wahnsinnig neugierig auf Spiele (vor allem für die Arbeit, weil mich der Dialog darüber interessiert), aber dass ich nach Feierabend an etwas Frischem hängenbleibe, passiert mir gemessen an der Menge an neuen Games immer seltener.

Privat lande ich ergo immer wieder bei den denselben drei Titeln und wundere mich anschließend, ein bisschen reuig, dass ich wieder nicht "Den Stapel™" abgearbeitet habe, sondern in Hunt: Showdown, Rainbow Six Siege oder im nächsten Hades-Run versumpft bin. Zeit, in der ich zwei, drei neuen Sachen eine aufrichtige Chance hätte geben können. Und das jeden zweiten oder dritten Tag. Aber wisst ihr was? Das ist total okay so!

Der Groschen fiel, als ich mir Dyson Sphere Program anschaute. Der Simulations-Hit der Stunde kommt aus China und hat sich auf Steam binnen weniger Tage über 200.000 Mal verkauft. Denkt an Factorio oder Satisfactory. Nur eben in Weltraum-Abmessungen, wenn man versucht, um eine Sonne herum das namengebende und ebenso kugelige wie hypothetische Kraftwerk für endlose Energie nach Freeman J. Dyson zu errichten. Die beiden anderen genannten spielerischen Bezugspunkte reizten mich nicht, aber dank des intergalaktischen Hintergrundes, des irrsinnig hochtrabenden Spielzieles und dem damit zusammenhängenden, jeder Beschreibung spottenden Gefühl für Größe hatte mich Dyson Sphere Program direkt um den Finger gewickelt.

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Mit seinem Mech fliegt man von Planet zu Planet, um Raubbau zu betreiben, schürft erst händisch, dann zunehmend mechanisiert nach Rohstoffen und vernetzt mit entsprechender Infrastruktur schließlich die Gestirne untereinander - alldieweil trägt man mehr und mehr zur Dyson-Sphäre bei, bis sie als finales Ziel eines Durchlaufs durch den aktuellen Random-Seed dieses Stücks Galaxie vollendet ist. Das ist jetzt arg verkürzt - um es mit Maßstäben zu beschreiben, die diesem Spiel gefallen würden: wenn diese Beschreibung ein Golfball ist, dann ist Dyson Sphere Programm die Erdkugel. Aber wichtig ist: Es ist in erster Linie ein Spiel über effektive Automation. Prozesse, die nach anfänglicher Einarbeitung von selbst geschehen.

Heureka! Das kam mir sehr bekannt vor. Mir ist, als spiegelte Dyson Sphere Program eins zu eins die Prozesse in meinem Kopf wider: Wenn ich nach anfänglicher Einarbeitung eins mit einem Spiel werde und ab dann Freude vor allem daraus ziehe, wie bewusste (und damit inhärent anstrengende) Entscheidungsprozesse plötzlich ohne allzu aktives Zutun ablaufen, setzt eine tiefe innere Ruhe ein. Das beschreibt gut den Effekt, den die geistige und körperliche Automatisierung eines zunehmend vertrauten Spieles auf das Gehirn dieses speziellen Gamer-Dads hat. Welchen Ort, wenn nicht diesen, möchte man als Spieler finden?

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Letzten Endes hat mich Dyson Sphere Program gelehrt, dass der Stapel Spiele, denen man vermeintlich Unrecht tat, nicht schwer und vor allem nicht schamvoll auf einem lasten sollte. Und auch, wenn ich dieses Phänomen gewissermaßen als eine gewisse "Altersbequemlichkeit" empfand, so bin ich doch drauf und dran, meinen Frieden damit zu machen. Sofern am Ende dieses Weges nicht Idle Games auf mich warten. Grundgütiger! Bis auf weiteres streiche ich jedenfalls den Begriff "Pile of Shame" aus meinem Vokabular.

  • Entwickler / Publisher: Youthcat Studio / Gamera Game
  • Plattformen: PC
  • Release-Datum: Early Access erhältlich
  • Sprache: Englisch
  • Preis: ca. 17 Euro, keine Mikrotransaktionen

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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