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Filmkritik: Scre4m

Ich weiß, was du vor 15 Sommern getan hast

Die Trailer zum vierten Scream – dem ersten Teil seit über zehn Jahren – wollen uns einen Slasher-Film "für die neue Generation" verkaufen. Einen, der die Regeln der Serie, im Grunde sogar aller Serien, auf den Kopf stellt und sich der vernetzten Neuzeit anpasst. Und ganz ehrlich: Ich hatte mich darauf gefreut. Ungeachtet der schwachen Nachfolger erinnere ich mich noch immer mit Wonne an den einfallsreichen ersten Teil.

1996 war Wes Cravens und Kevin Williamsons Scream einer der frischesten und cleversten Horrorfilme seit einer ganzen Weile. Der Twist am Ende des Streifens war die Sorte Film-Verderber, bei der man einem Freund wortlos einen Ellbogen in die Rippen versetzte, wenn er ihn auf der Party nach dem Kinobesuch jemand anderes zu verraten drohte. Man durfte also gespannt sein, wie das Duo die Formel klassischer Serienmörderfilme zum zweiten Mal modernisieren würde. Die Antwort: Tun sie nicht. Mit Ausnahme der Auflösung und einer extrem geschickten Eröffnung (jedes Wort hierüber wäre zuviel verraten) ignorieren die Verantwortlichen die Tatsache, dass sich Jugendkultur und Technik in den letzten 15 Jahren massiv geändert haben, beinahe komplett.

Halt, doch! Der Killer filmt die Morde nun und an allen passenden und unpassenden Stellen lassen die Charaktere die Titel anderer Genre-Streifen fallen, die in der Zeit seit dem letzten Scream erschienen sind. Was das für den Film tut? Nichts, was wir nicht schon in Teil eins gesehen hätten. Statt dessen jagt ein Déjà Vu – teils sicherlich gewollt, teils aber auch unfreiwillig – das nächste. Es gibt immer noch die gleichen, dämlichen Heranwachsenden, die sich darüber beklagen, Gefangene in ihrem eigenen Haus zu sein, weil der Sheriff nach dem Mord an geschätzten zehn Prozent der Teenie-Population des Dorfes eine Ausgangsperre verhängt hat.

Noch immer schleichen sich die Halbwüchsigen auch dann noch auf eine Party, nachdem eine gute Freundin direkt vor ihren Augen ausgeweidet wurde und erneut denkt der oberste Gesetzeshüter des Kaffs nicht einmal daran, das FBI zu verständigen. Dass die High-Schooler selbst nach dem realen Massaker nicht darauf verzichten wollen, ihren jährlichen Stab-Marathon ("Stab" ist im Scream-Universum die mittlerweile siebenteilige Horrorfilmreihe auf Basis des ersten Woodsboro-Massakers) abzuhalten und die Schule weiterhin geöffnet bleibt, als wäre nichts gewesen, ist in dieser Welt beinahe folgerichtig.

Scre4m - Trailer

Und wisst ihr was? In jedem anderen Film wäre das vermutlich auch nicht so schlimm. Ein derbes Serienmörder-Spektakel, in dem es hauptsächlich um das "Wer ist es?" geht und darum, das Messer auf möglichst originelle Weise in die Leiber der Opfer zu treiben, darf natürlich den Effekt über die Logik stellen. Wenn sich das Material aber selbst für so schlau hält wie dieses hier, allen Ortes gängige Filmklischees referenziert und es sich ursprünglich mal zur Aufgabe gemacht hatte, mit diesen aufzuräumen, dann klemmt das Ergebnis zwangsläufig unbequem irgendwo zwischen ernstem Schocker und nicht ernstzunehmender Persiflage fest.

Letzten Endes fehlt es dann auch den einzelnen Morden ein wenig an Pepp. Szenen wie die mit der Garagentür oder der Überwachungskamera im ersten Teil beziehungsweise dem Van oder David Arquette hinter der klangdichten Glasscheibe im (ansonsten schwachen) Sequel werden hier höchstens emuliert, nie aber getoppt. Bei den Dialogen gibt es dagegen vereinzelte Glanzlichter, wenngleich das Drehbuch seinen Charakteren stellenweise den berüchtigten "Satz zu viel" in den Mund legt.

Doch vielleicht erwarte ich auch zu viel? Denn eigentlich ist Scre4m durchaus kurzweilig geworden und damit nicht annähernd so ärgerlich wie das Machwerk, das damals die Trilogie komplettierte. Eröffnung und Schluss lassen diese Ausgabe trotz der seeeeehr weit hergeholten Auflösung in sich halbwegs rund wirken und einige Schock-Effekte und Spannungsmomente erinnern sehr wohl daran, warum man diese Sorte Film, wenn überhaupt, dann schon im Kino sehen sollte. Ob das 15 Jahre nach dem liebenswerten Debüt reicht, um der Serie wieder zu dem Status zu verhelfen, den sie mal hatte, darf man stark bezweifeln. Was damals subversiv war, legen Craven und Williamson heute nur noch als bequeme Schablone auf ihr Ausgangsmaterial. Anstatt eine "neue Generation" einzuläuten, ist Scre4m damit – wenn man mal ehrlich ist – so gestrig wie die lahme Leetspeak-Entgleisung im Titel.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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