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Flexispot BS11 Pro im Test: Es muss nicht immer ein Gaming-Chair sein

Schade um die Verarbeitungsmängel…

Einige fragwürdige Material- und Verarbeitungsentscheidungen lassen den Preis dieses ansonsten gut ausgestatteten und durchdachten Stuhls zu hoch erscheinen. Davon abgesehen hat er alles, was ihr braucht, um beim Spielen gut und gesund zu sitzen.

Ich hatte eine Menge warme Worte dafür übrig, wie der höhenverstellbare Schreibtisch E8 von Flexispot mein Arbeitsleben geprägt hat. Noch immer tippe ich fast täglich mindestens eine Stunde im Stehen und empfinde meinen Output in dieser Zeit besonders konzentriert und produktiv. Als der Hersteller mich fragte, ob ich trotzdem mal einen Stuhl testen wollen würde, war ich deshalb nicht abgeneigt.

Gleichzeitig bin ich seit 2018 extrem zufriedener Nutzer eines Interstuhl-Modells, das ich mir seinerzeit fast 700 Euro habe kosten lassen. Deshalb war ich skeptisch, ob ein entschieden günstigeres Konkurrenzprodukt mich überzeugen können würde. Das Resultat: Der BS11 Pro ist kein schlechter Stuhl, im Gegenteil. Aber ich bin längst nicht so begeistert wie vom Tisch vom selben Hersteller. Tatsächlich bin ich nicht sicher, ob er die 469 Euro rechtfertigt, die er kosten soll, was vor allem an Materialwahl und einigen Qualitätsversäumnissen im Detail liegt. Aber fangen wir von vorne an.

Hier einmal die Maße für alle, die sie brauchen.

Lieferumfang und Montage

Der Stuhl kommt komplett zerlegt nach Hause. Im Paket ist neben allen erforderlichen Materialien und Komponenten netterweise auch ein Schraubendreher mit Wendefunktion enthalten. Zieht man den magnetisch gehaltenen Schrauber heraus, ist an der anderen Seite für einige der dickeren Schrauben ein Innensechskant-Schlüssel zu finden. Praktisch! Die Montage gerät dank einer übersichtlichen und gut bebilderten Anleitung sehr einfach und war nach weniger als 20 Minuten erledigt.

Materialwahl und Verarbeitung

Direkt hierbei fiel mir aber schon auf, dass Flexispot bei der Fertigung nicht komplett sauber gearbeitet hat. An der Rückseite der Lehne ist ein Kunststoff Zierelement in Silbermetallic verbaut, das unten gesteckt und oben verschraubt ist. Jede der drei Schrauben ist komplett durch die darunter liegende Konstruktion hindurch gedreht worden, ihre Spitzen treten auf der anderen Seite hervor. Das ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen und im normalen Gebrauch nicht störend. Aber man kann es fühlen, wenn man weiß, wohin man mit dem Finger muss. Beim Zusammenbau habe ich ahnungslos durchaus herzhaft in die Spitze der mittleren Schraube hineingegriffen. So etwas sollte einer guten Qualitätssicherung eigentlich auffallen.

Die drei Kollegen schauen auf der anderen Seite fühlbar und piekend heraus.

Wie gesagt: Es ist ein unsichtbarer Makel und im täglichen Gebrauch fasst man dort nicht hin, aber es färbte schon ein wenig den Ersteindruck des Sitzmöbels. Und ja, mir sind noch weitere Dinge aufgefallen, die mir nicht so zusagen. Hauptsächlich haben sie mit der Materialwahl zu tun. Während der weiße Kunststoffkorpus voll im Rahmen des erwarteten liegt, wirken die grauen Armlehnenpolster von oben ein wenig und von unten ganz gehörig billig. Mit Kunststoffringenm in Chrom-Optik an den “Hälsen” der beiden Armlehnen als optischen Tiefpunkt dieses Stuhls. Überhaupt sind fast alle Zierelemente aus dünnem Plastik, das beim Anfassen keinen wertigen Eindruck macht.

Ebenfalls nicht komplett überzeugt hat mich das Hebelsystem an der Unterseite. Es ist durchdacht und aufgeräumt. Jedoch hängt vor allem der Griff zum Verstellen der Sitztiefe an einem recht klapprig wirkenden Mechanismus. Bisher funktioniert noch alles bestens und der Stuhl knirscht oder klappert auch nicht. Vielleicht bin ich von meinem in Deutschland gefertigten Interstuhl MovyIs 3 mit 10 Jahren Garantie auch nur einfach verwöhnt?

Ich weiß, dass alles wieder kommt, aber Plastik-Chrom darf gerne in den 90ern bleiben.

Aber es ist nicht alles schlecht: Das Metall-Fußkreuz ist nicht zu verachten und die Rollen machten sich gut, und zwar auf jedem der getesteten Untergründe gut, egal ob PVC, Vinyl-Bodenmatte sowie Kork und Fliesen. Ebenfalls gefallen hat mir das Nylon-Gewebe, auf dem man sitzt und an das man seinen Rücken anschmiegt. Obwohl sichtlich Kunststoff, fühlt es sich beim Drüberstreichen überraschend weich an. Nach zwei Monaten Dauerbenutzung funktioniert der Stuhl noch komplett einwandfrei, aber es ist auch ein Möbel, das auf Bildern besser aussieht, als wenn es dann vorm Schreibtisch steht.

Funktionsumfang und Bedienung

Kommen wir zum erfreulichen Teil, denn wenn man ihn nicht zu eingehend mit verwöhnten Augen untersucht, ist das hier ein ziemlich kompletter Stuhl, der sogar die beim Sitzen so bequeme Synchronmechanik nicht vergisst. Was der Hersteller aber vergaß, war, sie auf der Webseite zu erwähnen. Was das ist? Nun, ein guter Schreibtischstuhl verschiebt beim Kippen der Lehne auch die Sitzfläche ein wenig mit. So wird nicht nur der bei Büromenschen gefürchtete “Hemdauszieheffekt” minimiert, auch die Lordosenstütze bleibt dort am Rücken, wo sie hingehört und die Bandscheiben werden entlastet. Das ist gut, nein, eigentlich sogar sehr gut.

Sieht ansonsten nicht schlecht aus und gibt es auch in schwarz.

Das gilt auch für den Rest der Funktionen: Der Widerstand, den die Lehne beim zurücklehnen gibt, ist durch drehen der rechten Hebelkappe regulierbar, alternativ lässt sich das Rückenteil auch feststellen. Sitztiefe und -Höhe sind ebenso einfach zu verändern. Die Armlehnen lassen sich nicht nur in der Vertikalen justieren, sondern auch ohne weiteren Tastendruck ein gutes Stück nach vorn und hinten ziehen. Auch kann man sie nach außen respektive innen drehen. Ebenfalls ohne einen Knopf zu drücken, darf die Kopfstütze nach oben herausgezogen oder hineingeschoben werden und das angenehm feste Polster darf man sogar neigen. Die Lordosenstütze ist allerdings nicht einstellbar. Dennoch fand ich, dass mein unterer Rücken durch die natürliche Form der Lehne gesund saß. Insgesamt ein recht flexibler Stuhld, also..

Sitzkomfort des BS11 Pro

Hier wird es extrem subjektiv. Zur Einordnung beginnen wir vielleicht mit meinen Eckdaten: Mit 1,76 Metern und gerade 68 Kilogramm bin ich nicht gerade groß und eher leicht gebaut, was für euch zur Einordnung durchaus hilfreich sein könnte. Ich gebe zu, daran, mit dem Hintern gewissermaßen in einem gespannten Netz zu sitzen, anstatt auf einem Polster, musste ich mich sehr gewöhnen. Der Vorzug ist natürlich, dass der Po selbst bei kuscheligen Temperaturen eher kühl und gut gelüftet bleibt.

Sitzt sich ganz gut.

Aber man merkt auch schnell, wenn man nicht ganz mittig sitzt, denn dort hat man dann bald den harten Rand der Sitzfläche unter den Schenkeln. Dadurch wird auch das Sitzen im Schneidersitz weniger komfortabel. Das ist eine Position, die ich beim Zocken mit Controller am Schreibtisch doch recht häufig einnehme und in dieser Hinsicht ist der BS11 Pro nicht so wahnsinnig entgegenkommend. Man kann das aber auch andersherum formulieren: Dieser Stuhl regt Sitzdisziplin an.

Das merkt man auch an der Vorderkante, die ordentlich abschüssig ist. Aber das sorgt dafür, dass man mit dem Hinterteil intuitiv lieber weit hinten im Stuhl sitzt und der Rücken so fast automatisch Kontakt mit der Lehne und Lordosenstütze aufnimmt. Es ist kein Stuhl zum gemütlichen “Fläzen” – und dass “BS” für “Back Support” steht, signalisiert das auch ein wenig –, aber am Ende ist das vermutlich gesünder so. Gleichzeitig widersprach mir meine Frau auch, als ich ihr sagte, mein Interstuhl sei entschieden bequemer. Ihrer Meinung nach hat der BS11 Pro klar die Nase vorn. Hier wäre bei Interesse also Probesitzen angesagt, was angesichts eines Rückgaberechts von 60 Tagen kein Ding der Unmöglichkeit ist, denke ich.

Rundherum perfekt klikmatisiert, dank Netzgewebe.

Flexispot BS11 Pro für 469 Euro beim Hersteller bestellen

Flexispot BS11 Pro Test – Fazit:

Der BS11 Pro ist ein solider Stuhl mit gutem Funktionsumfang, den ein paar windige Verarbeitungs- und Gestaltungseinfälle von einer klaren Empfehlung trennen, weil er sich nicht ganz nach 469 investierten Euro anfühlt. Gleichzeitig signalisiert die beinahe versteckte Synchronmechanik, dass hier definitiv mit Know-How und Interesse an Ergonomie gearbeitet wurde. Selten war ich auch auf Anhieb mit der Lendenwirbel-Unterstützung so gut zufrieden wie hier, aber das könnten Leute mit anderen Körperformen als ich auch anders sehen. Doch egal, ob er euch nun gefällt oder nicht: Wenn ihr nur eines aus diesem Test des BS11 Pro mitnehmt, dann, dass ein ordentlicher Bürostuhl oft schon passgenau die Bedürfnisse von Videospielern und Videospielerinnen erfüllt und es nicht immer ein dedizierter Gaming-Chair sein muss. Vor allem keiner aus dem Schnäppchen-Segment.

Flexispot BS11 Pro Pro und Contra

Pro:

  • Viele Einstellmöglichkeiten
  • Synchronmechanik insgeheim doch vorhanden
  • Atmungsaktiver Sitz und Lehne
  • Subjektiv guter Sitzkomfort, wenn man mittig sitzt

Contra:

  • Zappler und “Schneidersitzende” haben weniger Freude
  • Unterkonstruktion und Hebel weder hübsch noch besonders vertrauenerweckend
  • Verarbeitungsfehler wie hervorstehende Schrauben
  • Material teilweise unschön

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