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NBA 2K16 - Test

Alle Jahre wieder... eine Steigerung.
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Trotz enttäuschender Story ein umfangreiches und vor allem in Passspiel und Defensive spürbar runderes Spielerlebnis als letzte Saison.

Nun gut, jetzt sind wir schlauer. Als ich letzte Woche über die prominente Beteiligung Spike Lees als Regisseur und Autor der Hintergrundgeschichte des Karrieremodus schrieb, hatte ich mir ein wenig mehr vorgestellt als eine lose Serie von langen Zwischensequenzen, die die Highschool- und College-Laufbahn sowie die erste Saison meines selbst kreierten Spielers auf 15 Spiele verkürzt und am Ende mit einer Moralpredigt aufwartet.

Einige der im Vorfeld gehegten Hoffnungen bewahrheiteten sich tatsächlich. Man merkt, dass mit Lee ein Mann vom Film am Werk war. Die Dialoge sind unter selbstsicherer Regie eingespielt worden, das Motion-Capture ist auf der Höhe der Zeit und Schnitt und Kameraeinstellungen sind modern und ansprechend. Aber die Themen sind klischeehaft, der Verlauf ist unabänderlich und zu viel Charakterexposition wandert in viel zu lange Mono- und Dialoge. Die so wichtige Erzählregel "Show don't tell" wird an allen Ecken und Enden gebrochen. Als gegen Ende - und für die milden Spoiler in einem Sportspiel entschuldige ich mich nicht - doppelt dick die Moralkeule geschwungen wird, klinkt man sich endgültig aus.

Zuhause in Harlem. Gut gesprochen und inszeniert, inhaltlich aber voller Klischees.

"Ein Mann, ein echter Mann, kümmert sich immer um seine Kinder", "Mach uns zu Großeltern, aber heirate zuerst", "Sei gut zu deinen Eltern" und so weiter und so fort. Man hat das Gefühl, man spricht mit einem Sozialarbeiter, der einem dringend Werte vermitteln soll. Für viele wird der Punkt, an dem sie die in ihren Grundzügen interessante Rags-to-Riches-Geschichte nicht mehr ernst nehmen, aber schon sehr viel früher kommen. Das Spiel warnt einen bei der Erstellung seines eigenen Spielers nicht vor, dass die Eltern in der Handlung in jedem Fall ein schwarzes Ehepaar aus Harlemer Sozialbauten sein werden. Als ich meinen MyCareer-Gesichtsscan vom letzten Jahr netterweise direkt als Visage angeboten bekam und dankend annahm, staunte ich anschließend über mein neues Elternhaus nicht schlecht. Gut, das Problem ist einfach zu lösen. Dann bin ich eben adoptiert.

Eine Zwischensequenz später werde ich darüber informiert, dass meine Schwester afroamerikanischer Herkunft mein Zwilling ist. Ein Detail, das die Geschichte nicht unbedingt weiterbringt und dessen Auslassung für einen guten Teil der Spieler zur Folge gehabt hätte, dass sie sich nicht wie im falschen Film gefühlt hätten. Lee will eine Harlem-Geschichte erzählen, und das ist in Ordnung. Das hätte mit Leichtigkeit funktioniert, wenn er die Adoptionsausrede gewählt oder die Optionen zur Spielererstellung eingeschränkt hätte. Weder noch ist passiert. Ich spiele als "Frequency Vibrations", kurz: Freq (lies "Freak"), ein High-School-Phänomen mit einer miesen 55-Punkte-Gesamtwertung (die man mit den bedauerlichen Mikrotransaktionen schneller steigern kann, mehr dazu in der Spalte links), das in seiner ersten Saison mit durchschnittlich 6 Punkten, 4 Rebounds und 4 Assists über die Position des 7. Mannes nicht hinauskam.

Auf dem Platz geht's in diesem Jahr noch lebendiger und - dank kluger KI - abwechslungsreicher zu

In jeder Zwischensequenz, in der mich ein (gut vertonter) echter NBA-Athlet ansprach, rechnete ich damit, dass er sich über mich lustig machen würde. Der zukünftige Star der Liga, den mein direktes Umfeld in mir sah - auf dem Court war er nicht vertreten. Doch jetzt das Gute, und davon gibt es eine ganze Menge. Nach der Story geht das Geschehen nahtlos in den üblichen, tollen Karriereverlauf über, mit all seinen Entscheidungen zu Entwicklung, Sponsorings, Transfers und der Verwendung des kargen Freizeitbudgets, wie man sie kennt und liebt. Es ist nach wie vor eine der besten Karrieren, selbst wenn Spike Lees aufgeblasene Heranführung an den Charakter links wie rechts viel Potenzial liegen lässt. Überhaupt ist dieses Spiel umfangreich wie kein anderes in der Serie bisher. Play Now Online ist eine einladendere Art, sich in Online-Ranglistenspielen mit anderen zu messen, zumal die eigenen Statistiken immer weiter fortgeschrieben werden.

MyLeague ist vor allem online ein echter Gewinner, wenn bis zu 30 Spieler gegeneinander eine umfangreich individualisierbare Liga spielen. Dadurch, dass jederzeit alle Begegnungen gespielt werden dürfen, sobald die Spieler anwesend sind, sind Terminprobleme unter Freunden selten. Hat man die nächste Woche keine Zeit, spielt man einfach alle vier Spiele seines Teams gegen das eines Bekannten am Stück. Eine tolle Idee, die andere Sportspiele mit Freundesligen gerne übernehmen dürfen. Dazu kommen spannende Fantasy-Drafts und sogar der komplette Umzug eines Franchises in eine andere Stadt, Designoptionen für Stadion, Trikot und - über die Website - Logo sind ebenfalls vorhanden. Das meiste davon stimmt auch für den brillanten Management-Hybriden MyGM.

Entscheidet, mit wem ihr euch neben dem Court abgebt.

Es ist einmal mehr zweifelhaft, dass man jeden dieser Spielmodi auch wirklich intensiv angeht. Es ist einfach zu viel, schließlich warten im MyPark noch Streetball-Matches, während man im neuen 2K-Pro-Am-Modus auf höchst individualisierbaren Courts Ranglisten gegen andere Spieler hinaufklettert. Aber - und das ist der eigentlich angepeilte Effekt dieses umfassenden Ansatzes - es ist für jeden Spielertypen ein Modus dabei, der für die kommenden 12 Monate vollauf reichen dürfte. Überaus nett ist neben fast 30 Euro-League-Mannschaften auch, dass 44 klassische Line-ups legendärer Teams dabei sind. Mit den 1994er Bulls gegen die 94er Charlotte Hornets zu spielen und mal wieder Jordan, Pippen und Grant gegen Bogues, Grandma Johnson und Mourning zu sehen, war ein intensiver Flashback in meine basketballverrückte Kindheit zurück (44).

Der Overkill an Spielvarianten wäre jedoch nichts wert, wenn sich auf dem Platz nichts getan hätte. Zum Glück ist das Gegenteil der Fall. Langjährige Begleiter der Serie wird kaum wundern, dass Visual Concepts wieder mal die Steuerung umgestellt hat. 2015 ist aber eines der Jahre, in dem man weiß, warum. Das Aufposten geschieht nun, indem man den linken Trigger zieht und hält, was dem neuen, unmittelbareren Spielgefühl mit dem Rücken zum Korb sehr zugute kommt. Die Animationen aus dem Post heraus brauchen nicht mehr so viel Zeit zum Vorladen, was zu schnelleren und intensiveren Pokerspielen zwischen Power Forwards, Centern und hochgewachsenen Small Forwards in Ringnähe führt.

"Die Zuspiele kommen in diesem Jahr mit geringerer Verzögerung und dedizierte Tasten für die diversen Passarten spielen dem in die Karten."

Das Pick & Roll ist wichtiger als je zuvor.

Gleichermaßen sind nun die Vordertasten des Controllers frei für diverse Passvarianten. Die Zuspiele kommen in diesem Jahr ebenfalls mit geringerer Verzögerung und dedizierte Tasten für Lob-Pass, Bodenpass, Alley-oop (Lob zweimal drücken) und Flashy-Pass (Bodenpass zweimal) zu haben, spielt dem in die Karten. Überhaupt wandert der Ball nun ein bisschen selbstverständlicher und schneller von Mann zu Mann. Beim Schießen unterdessen ist der perfekte Release zwar ebenso leicht zu finden wie zuvor, aber er garantiert nicht länger einen Treffer, was nach Dutzenden Stunden mit dem Vorgänger zwar eingangs frustriert, aber in Wirklichkeit deutlich realistischer ist. Vor allem hat mich gefreut, dass man beim Zug zum Korb die Dunk-Hand wieder selbst bestimmen darf.

Das neue, etwas direktere Spielgefühl wird auch und gerade in der Defensivarbeit spürbar: Blöcke, Steals und Rebounds fühlen sich nun nicht mehr vom Gummiband geschnipst an und sind in Sachen Timing und Positionierung nachvollziehbarer. Schön auch, dass Verteidigern nun eine Art "Anti-Shot-Meter" unter den Füßen prangt, das signalisiert, wie schwer sie ihrem Gegenüber gerade den Schuss machen. Passend dazu fühlt sich die Gegner-KI flexibler und klüger an. Wilde Dribbeleien führen häufiger zu Ballverlusten, was mir als Passgeber gerade online große (Schaden-)Freude bereitet, wenn ich Full-Court und mit vollen Mannschaften gegen einen anderen menschlichen Spieler antrete, der versucht, wie noch in der letztjährigen Ausgabe, Kreise um meine Verteidiger zu laufen.

Feine Details, wie Sohlenstreifen auf dem Parkett, zeichnen die Serie aus.

In Sachen Präsentation gibt es die üblichen Tweaks in Sachen Kameraeinstellungen und Einspielern, die dafür sorgen, das alles ein bisschen neu und frischer wirkt, wobei es wieder schwer zu begreifen ist, wie hier optisch noch eine Steigerung möglich war. Es ist nicht so, dass man direkt mit dem Finger darauf zeigen könnte, aber vor allem die Skins auf den Figuren wirken noch detaillierter, während viele kleine neue Animationen und ausgefuchste Übergänge zwischen einzelnen Bewegungen in allen Tempi eine kleines, aber spürbares Mehr ab Bewegungsauthentizität versprühen. Hier und da fügt das Spiel zwei nicht ganz passende Animationen aneinander, aber ich hatte immer das Gefühl, dass dies im Sinne der Spielbarkeit geschah, um das vom Spieler gewünschte Resultat zu erzielen.

Randdetails wie Trainer und Publikum können da leider nicht ganz mithalten und alle Ortschaften abseits der eigentlichen Arena sehen weiterhin zu kantig aus und sind zu flach texturiert, um da mitzuhalten. Online hatte ich bisher passable, wenn auch nicht immer Lag-freie Erlebnisse, die durchaus Mut für den Rest der Saison machen. Die peinlichen Server-Aussetzer vom letzten Jahr, die zeitweise sogar das Spielen des Karrieremodus verhinderten, sind bis hierhin in jedem Fall Geschichte.

Die verschiedenen MyParks kommen drei Dekadenzstufen entgegen.

Am Ende sind es die Verbesserungen in Sachen grundlegender Spielablauf und Umfang, die eine Empfehlung von NBA 2K16 trotz immer noch nerviger Mikrotransaktionen zu einer Selbstverständlichkeit machen. Ich schätze, das ist in jedem Fall der wünschenswerte Gang der Dinge, kann aber eine gewisse Enttäuschung über Spike Lees unterm Strich fehlgeleiteten Karrierebeitrag nicht leugnen. Es schmälert NBA 2K16s Leistungen ab der zweiten MyCareer-Saison keinesfalls und ich ertappte mich dabei, dass ich gewisse Details aus der Vita meines Spielers tatsächlich als meinen persönlichen Kanon begriff. Insofern war wohl nicht alles umsonst. Aber es ist ohne Zweifel eine vertane Chance, wie statisch und bequem hier in die Klischeekiste gegriffen wird.

Nach gut vier Stunden Rookie-Jahr kann es einem egal sein, dann spielt sich Visual Concepts' Jüngstes eindeutig besser, direkter und klüger als jedes andere NBA 2K und damit im Grunde jede andere Sportsimulation. Änderungen wurden nur an den richtigen Stellen vorgenommen und wie viel Energie man wieder mal in die TV-artige Präsentation warf, ist im Sportgenre ohnegleichen. Habt ihr was anderes erwartet?

In unserer Test-Philosophie findest du mehr darüber, wie wir testen.

Über den Autor

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Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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