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Pocky & Rocky Reshrined Test - Nur weil ich einfach und Koop spielen will, muss das Spiel das nicht wollen.

Die (fast) perfekte Retro-Modernisierung legt sich mit Wonne die Steine selbst in den Weg.
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Pocky & Rocky Reshrined wertet den Klassiker geschickt auf, trifft aber ein paar seltsame Entscheidungen: Den Koop-Modus erst allein freispielen? Wer kam denn auf so etwas?

Es ist zu warm draußen. Einfach viel zu warm. Will ein Spiel mit nicht nachdenken. Und bloß keine schnellen Reaktionen. Leider bekam ich Pocky & Rocky Reshrined, erhältlich für Switch und PS4 / PS5. Nun, das mit dem Nachdenken ist nicht dramatisch, wenn man davon absieht, dass dies im Grunde ein Action-Spiel aus dem Jahr 1992 ist. Das heißt, es dauert keine Dreiviertelstunde, wenn man es denn auswendig gelernt hat.

Das Auswendiglernen ist bei Pocky & Rocky auch nicht wirklich optional. Da hat sich seit dem Original nicht viel geändert, denn die Reshrined-Version nahm sich zwar die Technik und vieles mehr vor, aber dieser Grundsatz blieb unangetastet. Das heißt, dass ihr in diesem etwas ungewöhnlichen Run’n’Gun öfter mal in eine Falle stolpern werdet, die ihr geistig besser für das nächste Mal abspeichert. Das kann frustig sein, gehörte aber nun mal bei diesen Spielen dazu. Sonst hätte man sie ja an einem Abend durch und zusammen mit der Existenz von Videotheken hätte das dann keiner mehr gekauft. Jüngere Leser: Googelt Videothek. Was a thing, war klasse. Vermisse es nicht wirklich. Na ja, manchmal vielleicht ein wenig.

Statt mit MGs im Dschungel wurde in Pocky & Rocky schon immer mit Gebetszetteln in Tempeln geballert. Das Grundkonzept des Run'n'Gun bleibt aber erhalten.

Zurück zu Rocky & Pocky, das primär dadurch auffällt, dass man zwar einen festen Pfad entlang wandert und alles wegballert, dies aber nicht mit einem MG und einem muskelbepackten 80er-Helden, sondern einer kleinen Priesterin und ihrem besten Freund, einem Waschbären. Das Duo zieht dann über alt-japanische Friedhöfe, durch verwunschene Wälder, ein Gruselluftschiff und mittelalterliche Burgen. Es ist Grusel, es ist niedlich, es ist Alt-Japan, es ist irgendwie sein ganz eigenes Ding und das ist auch der Grund, warum das kleine Spiel bis heute seine Fans hat.

Umso erfreulicher, dass die Modernisierung so gut gelang. Wie auch Sonic wurde das Blickfeld auf Widescreen ausgeweitet, wenn auch nicht ganz an den Rand heran. Aber die Pixel-Pracht kann sich wirklich sehen lassen. Alles wurde neu gezeichnet, wobei man sich aber gleichzeitig so weit an das Original hielt, dass man immer sofort weiß, wo man ist. Reshrined wirkt mehr wie ein SEGA-Saturn-Spiel, das noch mal einen kleinen HD-Tritt in den Hintern bekam, statt wie ein komplett aufgearbeitetes SNES-Spiel. Das ist aus meiner Perspektive ein großes Lob, auf dem Saturn gab es einige der besten 2D-Titel.

Fortsetzung oder Remake? Warum sich entscheiden, wenn man beides machen kann. Nach dem zweiten Level beginnt sich das Spiel mehr und mehr vom Original abzusetzen und wird zu einer Art Nachfolger.

Das mit dem Wissen, wo man ist, endet aber relativ zügig. Pocky & Rocky ist ein etwas eigener Hybride aus früher und heute, indem man die ersten beiden Stages praktisch identisch, wenn auch sehr viel schöner übernahm. Danach jedoch kommen neue, eigene Stages, neue Gegner. Es ist in vielen Aspekten ein neues Spiel, das sich das alte Gameplay schnappte und es in eine Art Fortsetzung packte, ohne ganz eine zu sein. Das ist ehrlich gesagt mit das Beste, was dem Duo passieren konnte. Ihr bekommt zum Start den Nostalgia-Kick, wenn ihr denn mal das Original gespielt habt und gleichzeitig müsst ihr euch nicht nur durch vertrautes Areal schleppen. Ein Ansatz, den gern mehr ambitionierte Retro-Verwertungen wählen dürfen.

So weit, so die beste Retro-Neuauflage seit Langem, zumindest was die Umsetzung des Quellmaterials in eine zeitgemäßere Form angeht. Dann aber beschlossen die Entwickler, dass sie euch eigentlich nicht leiden können und trafen ein paar sehr seltsame Entscheidungen. Es gibt einen Koop-Modus. So wie auch damals. Nur damals konnte man sofort zu zweit loslegen und es verwandelte Pocky & Rocky von ausgezeichnet in grandios. Jetzt müsst ihr das Spiel erst durchspielen, bevor ihr zusammen losziehen dürft. Das oder ihr sammelt 10.000 Münzen ein. Das heißt, ihr scheitert ungefähr 200-mal oder so beim Durchspielen, denn leicht ist das Game auf Normal nicht. Gut also, dass einen leichten Modus gibt. Den ihr freischaltet, sobald ihr 2.000 Münzen gesammelt habt. Was immer noch lang genug dauert.

Nein, ohne die komplexe Hintergrundgeschichte zu verstehen, kann man wirklich nicht den Koop genießen... NOT! Aber ja, dass die Geschichte ein wenig poliert wurde, das an sich ist ganz nett.

Die Ausrede dafür ist klar, die Entwickler hassen euch. Das oder sie verstehen nicht, dass Zeit ein limitiertes und knappes Gut ist, mit dem ihr selbst am besten wisst, wie ihr umgehen möchtet. Die Ausrede für den Koop ist so nachvollziehbar wie schwachsinnig: Man versteht dann gar nicht die Story. Für Reshrined wurde die Handlung ausgebaut und mit mehr Szenen vertieft, aber erwartet hier kein Shakespeare. Es ist immer noch J-Nonne und Waschbär auf Killing-Spree. Aber da sich beide erst im Laufe der Handlung begegnen, würde es ja keinen Sinn ergeben, wenn sie gleich zu zweit starten. Jap, ich gehe zurück auf „die Entwickler hassen euch“. In jedem anderen Spiel wäre das ganze wenigstens hinter eine Bezahlschranke gelandet, um euch abzuzocken. Aber hier… Nein, Spieler sind der Feind, wir müssen sie ärgern.

Allein schon gut, im lokalen Koop - nur da, kein Online - ein Kracher. Also sammelt diese Münzen und beißt euch durch, damit ihr es erleben könnt.

Alles an Pocky & Rocky Reshrined ist klasse. Sogar die Sachen, die zum Start nicht da sind, sind klasse. Dass der leichte Schwierigkeitsgrad und der Koop am Anfang gesperrt wurden, ist praktisch mein einziger Kritikpunkt an diesem sonst idealen Mix aus früher und jetzt. Ein wenig mit den alten Leveln zuerst anbiedern und danach praktisch eine Art Nachfolger hinlegen. Dazu die Grafik gezielt und geschickt auf den aktuellen Pixel-Kunst-Stand bringen, ohne den alten Charme und die sofortige Wiedererkennbarkeit zu torpedieren. Die Spielbarkeit wurde geschliffen und ganz dezent verfeinert, aber das, was das Original ausmachte, ist alles noch da. Es hätte nicht besser laufen können. Dann kam man zu dem Schluss, dass das ja nicht sein kann und schoss sich breit grinsend mit dem dämlichen Freischalten wichtiger Features selbst ins Knie. Es gibt Design-Entscheidungen, die niemand je verstehen muss, das hier steht weit oben auf der Liste. Egal, Pocky & Rocky Reshrined wurde weit besser als es nötig und erwartet war. Egal, ob ihr Fan von damals seid oder einfach nur ein richtig gutes Run’n’Gun zu schätzen wisst, das hier ist Pflicht.

In unserer Test-Philosophie findest du mehr darüber, wie wir testen.

Über den Autor
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Martin Woger

Chefredakteur

Chefredakteur seit 2011, Gamer seit 1984, Mensch seit 1975, mag PC-Engines und alles sonst, was nicht FIFA oder RTS heißt.

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