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Remnant: From the Ashes heilt Wunden, die Dark Souls mir zugefügt hat

Schmerz ist Leben.

Keine Gnade - "git gud" oder lass es bleiben. Kaum eine andere Spiele-Serie ist heute so für ihre erbarmungslose Härte zum Spieler bekannt wie Dark Souls. Und gerade dadurch - neben der grandios unkonventionellen Art des Geschichtenerzählens - ist die Reihe bei Spielern so beliebt.

Weil das wiederholte Scheitern, daraus zu lernen und aus einem zermürbenden Kampf am Ende als Sieger hervorzugehen eine besondere Art von Genugtuung erzeugt. Sofern man diese Art von Schmerzen als angenehm empfindet. Der Einfluss von Dark Souls und dessen geistigem Bruder Bloodborne auf das Medium Games ist so groß, dass Spiele, die dem Prinzip nacheifern, respektvoll als Soulsbornes oder Soulslikes kategorisiert werden.

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Mir war Dark Souls immer zu hardcore. Obwohl ich die flüssige Kampfsteuerung und das düstere Fantasy-Szenario grundsätzlich sehr zu schätzen weiß, kann ich Dark Souls nur in Videoform frustfrei genießen. Ich schaffe es einfach nicht, NICHT WÜTEND ZU WERDEN! Bei Sekiro sollte alles anders werden, aber schon beim ersten Boss hatte mir From Software das Gegenteil bewiesen.

Als am 20. August Remnant: From the Ashes erschien, dachte ich nur: Oh-oh. Ein Endzeit-Shooter mit Survival-Anleihen fällt in mein Themengebiet, also werde ich wohl kaum darum herumkommen, es zumindest anzuspielen. Ich startete das Spiel mit den schlimmsten Befürchtungen, während meine Tastatur in Erwartung eines jähen Wutanfalls vor Angst schon mit den Tasten klapperte.

Auch Remnant: From the Ashes bietet harte Bosskämpfe, fügt aber einen optionalen Dreier-Koop zum Soulsborne-Konzept hinzu.

So schlimm wurde es dann aber gar nicht. Ich habe sogar ziemlich großen Spaß mit Remnant: From the Ashes, was zum einen an der guten Shooter-Steuerung liegt, zum anderen aber auch am nicht ganz so gnadenlosen Schwierigkeitsgrad.

Schauen wir uns mal an, was Remnant eigentlich für ein Spiel ist:

Die Welt wurde von der dämonischen "Saat" überrannt. Scharenweise Monster, die an wurzelige Baumwesen erinnern und in allen erdenklichen Formen und Größen vorkommen, beherrschen nun den Planeten. Die überlebenden Menschen wurden in den Untergrund verdrängt, von wo aus sie einen verzweifelten Kampf gegen die Saat führen. Daher auch der Titel des Spiels: "Remnant" heißt Überbleibsel oder Überrest und dieser soll sich wie ein Phönix "aus der Asche" (engl. From the Ashes) erheben, um zu alter Größe aufzusteigen.

Wir sind einer dieser übriggebliebenen Menschen und ziehen nun mit improvisierten Schusswaffen sowie Schwertern und Äxten aus, um die Baummonster zu fällen und in diesem Zuge hoffentlich die ganze Invasion zu Fall zu bringen.

Dabei präsentiert sich Remnant als Koop-Shooter aus der Schulterperspektive, den wir wahlweise zu zweit, zu dritt oder aber auch ganz allein angehen können. Wir wählen also je nach Gusto eine von drei Klassen, erschießen reihenweise Monster, bekämpfen ziemlich epische Bosse und leveln dabei ständig unsere gefundenen Waffen und Rüstungen auf, um mit den rasch stärker werdenden Gegnern Schritt zu halten.

Remnant: From the Ashes präsentiert sich düster und legt ein originelles und konsistentes Artdesign an den Tag.

Im Kampf setzen wir auf eine Mischung aus planvollen Bewegungen, schnellen Hechtsprüngen und gezielten Schüssen, deren Effektivität sich durch das Aufladen und Aktivieren von ausrüstbaren Waffen-Mods noch steigern lässt.

So weit, so Loot-Shooter. Was Remnant besonders macht, sind seine Spielwelt und seine offenkundige Inspiration durch Dark Souls.

Die Welt von Remnant besteht aus unterschiedlichen Biomen. So beginnt das Spiel auf unserer heimischen Erde, setzt sich aber in einer staubigen Wüste in einer fremden Dimension sowie einem Sumpfgebiet fort. In jedem Biom leben andere Gegnertypen und Bosse, die wiederum eigene Ausrüstung für euch als Beute abwerfen.

Das Besondere an den Welten: Sie werden bei jedem Spielstart von einem prozeduralen Algorithmus zufallsgeneriert. Remnant setzt die Welten aus Bausteinen zusammen, wodurch jeder Spieler ein anderes Spielerlebnis bekommt. Auch Mini-Bosse tauchen zufällig auf und die Geheimnisse verstecken sich an immer neuen Orten. Starte ich also ein neues Spiel, weil ich nach dem Archetyp mit flinker Klinge mal einen Charakter mit schwerem Hammer spielen möchte, stehe ich vor einer völlig anders aufgebauten Spielwelt. Lediglich die wichtigen Eckpfeiler in der Geschichte von Remnant sind an festgelegten Orten platziert.

Manche Entscheidungen haben Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte. Dieses Wesen ist grundsätzlich kein Feind, kann aber durchaus zu einem werden.

Zwar bleibt der optische Stil der Spielwelt der gleiche und wenn ich genau hingucke, ähneln sich viele Räume auch im Aufbau einander, dennoch werde ich bei jedem neuen Durchlauf auch vor andere Herausforderungen gestellt. Das ist schonmal ein Hingucker für einen Loot-Shooter. Ganz neu ist die Idee freilich nicht: Wir erinnern uns: ein Borderlands setzt bei der Generierung der "bazillionen Waffen" ebenfalls auf prozedurale Generierung, ein No Man's Sky generiert einfach eine ganze virtuelle Galaxie aus seinem Algorithmus.

Remnant impft diesem Ansatz noch den Dark-Souls-Gedanken ein. Das zeigt sich daran, dass der allgemeine Schwierigkeitsgrad recht hoch angesetzt ist. Zwar bietet sich die Option, zwischen Normal, Schwer und Albtraum-Modus zu wechseln, allerdings bietet Remnant gemessen am gefühlt immer einfacheren Mainstream-Durchschnitt auch auf normal ein knackiges Spielerlebnis.

Per Unreal Engine 4 zaubert Remnant eine stimmungsvolle Endzeit-Kulisse, der man ihre prozeduralen Gene aber manchmal anmerkt.

Wie in Dark Souls haben wir mit dem "Drachensplitter" in Remnant unseren Estus-Flakon, der eine begrenzte Zahl Ladungen hat und unsere Lebensenergie wiederherstellt. Und wie in Dark Souls können wir das Item nur auffüllen, indem wir an Checkpoints rasten, was automatisch alle Monster in der Spielwelt von den Toten wiedererweckt. Diese vermeintlich kleinen Ähnlichkeiten sorgen für ein Spielgefühl, das aus jeder Pore Dark Souls schwitzt.

Die Schwierigkeit beruht aber selten auf cleverem Missions- oder Gegnerdesign und öfter auf der schieren Masse an gleichzeitigen sowie teilweise im Rücken des Spielers spawnenden Feinden. Andere Gegner, wie der grandiose Feuerdrachen-Boss, müssen dagegen in bester Dark-Souls-Manier erst studiert und effektiv ausgekontert werden. Die durchgängige Klasse von Dark-Souls-Spielen erreicht Remnant zwar nicht, ein gutes, packendes Spiel ist es trotzdem.

Das Remnant-Äquivalent zum Souls'schen Lagerfeuer kommt in Form dieser netten Kristalle daher.

In Bosskämpfen spürt man die Souls-Gene von Remnant in jeder verfluchten Minute. Aber weil es eben doch nicht ganz so hart ist und ich bislang für keinen meiner Bosskämpfe öfter als ein paar Mal sterben musste, kann ich meinen Frieden mit dem Spiel machen. Und damit ein Stück weit auch mit Dark Souls, Sekiro und wie sie alle heißen. Denn endlich habe auch ich mein Soulslike gefunden, mit dem ich beim nächsten Treffen der harten Elite der Selbstgeißelung stolz angeben kann. Auch wenn ich dafür vermutlich nicht mehr als ein müdes Lächeln ernte.


Entwickler/Publisher: Gunfire Games/Perfect World Entertainment - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: ca. 40 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PC

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