Wenn du auf einen Link klickst und etwas kaufst, können wir eine kleine Provision erhalten. Zu unseren Richtlinien.

Air Twister vom Shenmue-Macher beweist, dass Genie und Wahnsinn eng beieinander liegen

So etwas habe ich jahrelang nicht gesehen.

Sorry, "schon wieder" was von Apple Arcade von mir, aber wenn ein Held der Neunziger – Yu Suzuki – plötzlich dort mit einem Spiel zugegen ist, schaut man einfach hin. Und wenn das Spiel dann Air Twister ist, schaut man kurz wieder weg, schüttelt sich und schaut dann noch einmal, denn so etwas Wildes ist einem schon lange nicht mehr untergekommen.

Nun, zumindest nicht, wenn man nicht alle paar Wochen mal wieder durch seine persönliche SEGA-Sammlung kreuz und quer spielt. Denn das hier ist im Grunde ein Fantasy-Space-Harrier mit mehr bunten, pillenförmigen Gegnerprojektilen als man jemals essen könnte! "Swipe Shooting" nennt der Schöpfer von ungezählten Klassikern – ernsthaft: schaut euch mal seine Vita an! – das auf dem iPad und hat damit recht. Denn viel mehr, als automatisch in die Tiefe dieser beknackten Welt hinzufliegen, dabei Geschossen und Feinden auszuweichen und sie mit Fingerwischern für seine zielsuchenden Geschosse zu markieren, macht man eigentlich nicht.

Ohne die Musik dahinter ist es nicht das gleiche.

Das klingt erst mal nicht wahnsinnig neu oder interessant, aber die Aufmachung macht eben den Unterschied. Air Twister ist so Sega-"Alles geht"-mäßig drauf, dass es entweder blind aus beliebigen Asset-Stores zusammengeklickt wurde oder mit zielgenauen Fingern absichtlich auf seltsam getrimmt und kuratiert wurde. Dazwischen gibt es wenig und ich bin fast sicher, dass Letzteres zutrifft.

Wer sich an Space Harrier noch erinnert, erkennt sofort den Wahnsinn in der Methode: Ihr fliegt durch riesige Pilzformationen hindurch, unter schwebenden Inseln entlang, passiert Osterinsel-Steinköpfe und freut euch über die Farbverläufe der Laserschüsse, die euch die Opposition entgegenschleudert und über rotierende Dodekaeder. Wie gesagt. Sehr "Space Harrier" das alles. Subjektiv hatten die Sprites von damals mehr Charakter, aber das Gesamtbild, das Air Twister abgibt, ist erstaunlich nah dran an einer polygonalen Version der inoffiziellen Vorlage aus der Spielhalle.

Und noch was ist absolut bemerkenswert: Der Soundtrack drohte ja schon im ersten Trailer dieses Spiels, euch gleichzeitig Headbangen und Regenbogen kotzen zu lassen. Es ist tatsächlich auch im fertigen Spiel noch der niederländische Solo-Künstler-Valensia, dessen barock-kitschiger Pompösrock wohl für den OST lizenziert wurde. Die Tracks sind zum Teil gute 20 Jahre alt, sorgen aber immer noch für hochgezogene Augenbrauen. Wie das klingt? Wie eine chronisch unterbuchte, aber übertrieben talentierte Cover-Band, die nach einem verheerenden Unfall bei der Eröffnungsfeier einer Lachgasfabrik auf die fixe Idee kam, Queen würde besser klingen, wenn jeder Song Bohemian Rhapsody wäre.

Missachtet für einen Moment die lebendig gewordene barocke Standuhr und richtet eure Aufmerksamkeit auf den fliegenden Elefanten.

Klingt das für euch schlimm-schrecklich? Ist es auch, aber auf die Leider-geil-Art, die ein Spiel, das von so weit draußen kommt, wie dieses hier, bestens komplementiert. Gäbe es diese Tracks nicht schon, müsste man sie hierfür schreiben. Air Twister also, ein wundervoller Unfall von einem Space-Rock-Abenteuer, das hypnotisierend wirkt, weil es ohnegleichen ist. Oder habt ihr schon mal auf Libellen mit Elefantenschädeln und Fledermausohren geschossen oder seid auf einer geflügelten Panzerforelle einem gigantischen Laser-Oktopus entgegengeritten? Eben!

Bei der Steuerung sollte man noch wissen, dass man am besten eine Mischform aus Controller und Touch-Steuerung nutzt. Zumindest gefiel es mir am besten, meine holde Maid im Weltraum-Badeanzug mit dem linken Stick des Controllers zu steuern und die Gegner mit dem rechten Zeigefinger auf dem Display zu attackieren. Fühlt sich nach ein paar Momenten schon komplett natürlich an und funktioniert gut.

Ich bin ein Stück weit fasziniert von diesem glorreich entrückten und jeder Ratio entflohenem Spiel aus einer verlorenen Zeit. Gleichzeitig muss ich nach zwölf Stages hiervon zarte Bedenken an der Langlebigkeit anmelden. Obwohl es noch eine Menge freizuschalten gibt (für jede abgeschossene Formation bekommt man einen Stern. Sein Sternebudget investiert man auf der "Abenteuerkarte" in neue Outfits, mehr Lebensenergie oder neue Waffen) und sich schwierigere Feinde mit der Zeit in frühere Stages einschleichen, habe ich nach einem Game Over manchmal nicht die größte Lust, noch einmal komplett von vorne anzufangen. Wäre schön gewesen, auf der Abenteuerkarte auch einen späteren Startpunkt als Upgrade wählen zu können. Aber wer weiß, vielleicht kommt ja noch etwas in der Richtung.

Und hier fliegen wir auf einem Schwan, denn warum nicht.

Aber ansonsten: Ja, schöner, großer Quatsch, dieses Air Twister. Es wird polarisieren, so viel ist schon mal klar. Heutige Mainstream-Geschmäcker sind auf eine volle Pulp-Breitseite wie diese oft nicht mehr eingestellt. Und den Hardcore-Shooter-Fans fehlt vielleicht eine Idee Finesse am dezent einfältigen Konzept. Aber Air Twisters wilde Kapriolen zeigen mir einmal mehr, dass aus der Mode gekommene Ideen in der Grauzone zwischen Trash und Kunst oft die interessantesten und schönsten Blüten schlagen. Yu Suzuki lehnt sich hiermit weit aus dem Fenster. Ihm gelang damit vielleicht kein streng genommen gutes, aber ein wahnsinnig interessantes Spiel.

Über den Autor
Alexander Bohn-Elias Avatar

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

Kommentare